Signal gesetzt, Gipfelsturm vertagt: der Bildungsgipfel

Auf dem Dresdner Bildungsgipfel betonten Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten der Länder in einer gemeinsamen Erklärung Ende Oktober 2008 erstmals die Bedeutung der Bildungspolitik. Die Langzeitwirkung des Treffens bleibt abzuwarten.
Auch wenn das vielleicht niemand so richtig bemerkte: Martin Conrad war eine der Hauptpersonen des Dresdner Bildungsgipfels. Der 20-Jährige ist Auszubildender beim Chip-Hersteller AMD in Dresden, wo sich Bundeskanzlerin Angela Merkel mit den Chefs der Landesregierungen zu ihrem Gespräch über die „Bildungsrepublik Deutschland“ getroffen hatte. „Einen vernünftigen Konsens zur Bildungspolitik“ erhoffte sich Conrad, „eine Vereinfachung der Bildungssysteme und Bildungswege“ – denn diese seien in Deutschland noch viel zu vielfältig und unübersichtlich.
Eine Chance, seine Wünsche den politisch Verantwortlichen auch vorzutragen, hatte der angehende Mechatroniker allerdings kaum. Zwar wartete er lange im weißen Ganzkörper-Schutzanzug, wie er in der Reinraum-Produktion bei AMD Pflicht ist, um Merkel und den Ministerpräsidenten seinen Arbeitsplatz zu zeigen. Doch die hatten für den angekündigten Dialog mit Schülern und Auszubildenden dann leider doch nur ein paar Minuten Zeit.
„Aufstieg durch Bildung“
Martin Conrad verfolgte die Bildungsgespräche danach von außen. Als Ergebnis wurden ihm und den anderen Wartenden dann ein Elf-Seiten-Papier mit dem Titel „Aufstieg durch Bildung“ präsentiert, das in Dresden beschlossen wurde. Demnach sollen die Gesamtausgaben für Bildung und Forschung bis 2015 auf zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts, also auf 25 bis 60 Milliarden Euro im Jahr, steigen, Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund besonders gefördert werden. Bund und Länder wollen die Zahl der Studenten ohne Abitur deutlich erhöhen, die der Schulabgänger ohne Abschluss und der jungen Erwachsenen ohne Berufsausbildung in enger Zusammenarbeit mit der Wirtschaft halbieren. In Schulen soll es ab 2010 bundesweit einheitliche Standards in den Abi-Fächern Deutsch, Mathe und Fremdsprachen geben, ab 2013 auch für Naturwissenschaften. Im Ausland erworbene Abschlüsse werden nach dem Willen der Länder bei einem Studium in Deutschland stärker als bisher anerkannt.
Die so genannte Dresdner Erklärung sieht bis 2015 rund 275.000 neue Studienplätze vor. Der Hochschulpakt zwischen Bund und Ländern soll ebenso fortgesetzt werden wie die Exzellenzinitiative zur Förderung von Elite-Wissenschaftlern und herausragenden Hochschulen.
Verpasste Chancen?
Für Kritiker machte der Gipfel eines klar: Wer über die gesamte Bildungskette vom Kindergarten über Schule, Ausbildung und Hochschule bis zur lebenslangen Weiterbildung reden möchte, der muss mehr einplanen als nur die in Dresden vorgesehenen zwei Stunden. „Das war vielleicht ein bisschen knapp kalkuliert“, bestätigte Berlins regierender Bürgermeister Klaus Wowereit im Nachhinein. Aber nicht nur mit dem Zeitplan, auch mit den Ergebnissen war er unzufrieden: „Die Kanzlerin hat ja den Eindruck erweckt, dass Bildung die oberste Priorität für sie darstellt“, sagte Wowereit. „Und dann haben wir feststellen müssen, dass in dem Moment, wo es konkreter wird, das dann doch etwas offener formuliert wird.“
Das Fehlen fester Vereinbarungen stieß auch bei einigen Bildungs-Insidern auf Kritik: Von einer „vergebenen Chance“ sprach Arend Oetker, Präsident des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft: „Bund und Länder zeigen sich mutlos. Sie haben das Ziel aufgegeben, mehr junge Leute zur Aufnahme eines Studiums zu motivieren. Wir brauchen deutlich mehr Akademiker, vor allem in den Natur- und Technikwissenschaften.“ Und Margret Wintermantel, Vorsitzende der Hochschulrektoren-Konferenz, fand es „unverantwortlich“, dass zwar alle für mehr Bildungsausgaben seien, die konkreten Entscheidungen aber jetzt erst einmal in einer Strategiegruppe vorbereitet werden und frühestens im nächsten Herbst getroffen werden sollen.
Hoffnung auf den Neubeginn
Im großen Chor kritischer Bewertungen des Gipfels gehen die Stimmen derjenigen, die die Vereinbarungen als Erfolg bewerten, fast unter. Neben der Bundeskanzlerin ist das zum Beispiel der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich: „Einmalig“ nennt er es, „dass es ein solch kompaktes und in sich geschlossenes Papier zur Bildung gemeinsam zwischen Bund und Ländern gibt.“ Gerade weil darin die moralische Verantwortung aller Entscheidungsträger für ein besseres Bildungssystem in Deutschland so stark betont wird, will auch Klaus Wowereit nicht von Scheitern reden: „Da bleibt jetzt die Hoffnung, dass diesen Ankündigungen auch tatsächlich die Taten folgen.“.
Obwohl der Bildungsgipfel in erster Linie in Absichtserklärungen mündete, war er für Martin Conrad trotzdem spannend. Der Auszubildende hofft, „dass möglichst bald das Bildungs-Potenzial in Deutschland gehoben wird“ – damit ein besseres Bildungs- und Ausbildungssystem schnell allen Kindern und Jugendlichen zugute kommt.
arbeitet als freier Journalist für Bildungs- und Wissenschaftsthemen (Westdeutscher Rundfunk, Deutschlandfunk, UniSpiegel, Handelsblatt etc.) in Köln
Copyright: Goethe-Institut e.V., Online-Redaktion
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de
November 2008











