Bildungskonzepte in Deutschland

Endlich: ein eigenes Religionsbuch für islamische Schüler

Seite aus dem Schulbuch Saphir; Illustration Ulríke Bahl, Copyright Kösel VerlagUmschlag des islamischen Schulbuches Saphir; Copyright Kösel VerlagIn Nordrhein-Westfalen, Bayern, Bremen und Niedersachsen wird seit September 2008 in den Jahrgangsstufen 5 und 6 das erste deutschsprachige islamische Schulbuch mit dem Titel Saphir eingesetzt.

„Gottes ist der Orient!/ Gottes ist der Okzident!/ Nord- und südliches Gelände/ Ruht im Frieden seiner Hände!“ – Natürlich darf auch in diesem Schulbuch der Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe nicht fehlen. Die erwähnten Verse entstammen der Gedichtsammlung West-östlicher Divan (1819–1827), in der Goethe seine eigene Interpretation der orientalisch-islamischen Dichtkunst vorgenommen hat.

Auf Seite 17 des neuen Religionsbuchs Saphir findet sich indes neben der erwähnten Goethe-Strophe und dem Anfang des islamischen Glaubensbekenntnisses „Ich bezeuge: Es gibt keine Gottheit außer dem einen Gott …“ auch das „Höre Israel …“ (Schma Jisrael) als zentrales Bekenntnis des jüdischen Glaubens sowie das christliche Credo „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen …“. Gerade diese auf einer Seite platzierten Beispiele machen deutlich, welchem religiös-gesellschaftlichen Verständnis das vom Münchner Kösel-Verlag herausgegebene Schulbuch verpflichtet ist.

Sechs Prozent der Schüler sind Muslime

Seite aus dem Schulbuch Saphir, `Menschen fragen nach Gott´; Illustration Ulríke Bahl, Copyright Kösel VerlagIn Deutschland sind über drei Millionen Menschen sämtlicher muslimischer Glaubensrichtungen beheimatet. Die rund 350.000 muslimischen Schulkinder machen sechs Prozent der Gesamtschülerschaft aus. Und mit Saphir wird, wie die Mitherausgeberin Lamya Kaddor befindet, "in didaktisch angemessener Weise der Islam für eine gesellschaftliche Situation entfaltet, die als säkular und pluralistisch zu kennzeichnen ist". Zusammen mit ihren Kollegen Rabeya Müller und Prof. Dr. Harry Harun Behr hat Kaddor dem 18-köpfigen Autorenteam vor allem ans Herz gelegt, neben dem reinen Faktenwissen über die islamische Religion und Kultur auch die eigene Meinungsbildung der Schüler anzuregen. So werden etwa auf der Doppelseite „Gottes Gebote beachten“ (S. 140/141) nicht die fast schon sprichwörtlichen „Fünf Säulen des Islam“ wiederholt, sondern am illustrierten Beispiel einer Hand mit ihren fünf Fingern die zeitgemäße Bedeutung muslimischer Glaubenspraxis erläutert.

Seite aus dem Schulbuch Saphir, `Mohammad empfängt die Offenbarung´; Illustration Ulrike Bahl, Copyright Kösel VerlagDas 192 Seiten umfassende Lehrbuch ist in 15 reich illustrierte Kapitel unterteilt, die einer „klassischen islamischen Dogmatik“ folgen: Die Bandbreite reicht von „Gott auf die Spur kommen“ über „Muhammad kam als Letzter“ bis zu den Schlusskapiteln „In Deutschland leben“ sowie „Warum und wie wir feiern“. Dabei wird auf der Titelseite jedes Kapitels auch die arabische Schrift als ästhetisch-stilbildende Grundlage des nach muslimischer Lesart unmittelbar geoffenbarten Koran gewürdigt, weil, so die Herausgeber, „die arabische Sprache bereits ein Element muslimischer Identität der Kinder und Jugendlichen darstellt“. Diese Einflechtung lasse „Jugendliche und ihre Eltern erfahren, dass es Brücken zwischen ihren Lebenswelten gibt“.

Der 11. September 2001 fehlt

Seite aus dem Schulbuch Saphir; Illustration Ulríke Bahl, Copyright Kösel VerlagNeben zahlreichen Lobeshymnen in der deutschsprachigen Presse ist allerdings hier und da bereits auch Kritik am Konzept des Unterrichtswerks laut geworden. So moniert etwa der Münchner Religionsdidaktiker Stephan Leimgruber, dass im Kapitel „Am Frieden arbeiten“ zwar der tragische Brandanschlag 1993 auf ein türkisches Wohnhaus in Solingen erwähnt ist, der 11. September 2001 als global erfahrenes Fanal jedoch ausgelassen wurde. Außerdem hat Leimgruber Zweifel an dem von den Herausgebern beschworenen „individualistischen Lernziel“, da es mit einem auf „Gemeinschaft abhebenden Islam zumindest in großer Spannung steht“.

Interessant ist die Tatsache, dass an keiner Stelle (außer im auch für Erwachsene hilfreichen „Lexikon“ am Ende des Bandes) das Wort „Allah“ auftaucht. Ebenso wird der Religionsgründer Muhammad nicht als Prophet, sondern als „Gesandter“ bezeichnet. Um gleichwohl die „Ehrerbietung“ gegenüber Gott und seinem Gesandten herauszustellen, sind beide Namen durchgängig mit einem hochgestellten „Icon“ aus den jeweiligen arabischen Schriftzeichen versehen.

Wie Saphir von Schülern und Lehrern angenommen wird, wird man erst am Ende des Schuljahrs wissen. Endlich aber halten die muslimischen Schulkinder nun – wie ihre evangelischen bzw. katholischen Mitschüler – ihr „eigenes“ Religionsbuch in Händen. Allein dies ist zweifellos ein wichtiger Schritt auf dem Weg der Normalisierung im Miteinander der Religionen. Zwei weitere Bände für die Jahrgangsstufen 7 und 8 sowie 9 und 10 sind bereits in Vorbereitung.

Andreas Wirwalski
arbeitet in München als freier Journalist, Autor und Podcaster (http://filmnews.podhost.de)

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November 2008

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