„Roberta“ – Mädchen erobern die Technikwelt

Frauen und Technik – das geht nicht zusammen. Das glauben nicht nur Männer, sondern auch viele Frauen und Mädchen. Das Projekt „Roberta“ bringt diese Überzeugung ins Wanken und weckt mit Hilfe von Robotern bei Schülerinnen das Interesse für Informatik.
Ein bisschen unbeholfen tapert Filli über den Boden. Neugierig schaut sie mit großen Augen in die Welt. Plötzlich ragt ein Stuhl auf: Behände weicht Filli dem Hindernis aus. Sonja Piotrowski von der Wolfgang-Borchert-Oberschule in Berlin beobachtet die Kleine voller Stolz, denn Filli ist ihr Geschöpf: ein Roboter mit riesigen Augen, den Sonja in einem Roberta-Kurs selbst gebaut und programmiert hat.
Fehlender weiblicher Nachwuchs
Das Pilotprojekt „Roberta“ wurde 2002 vom Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme (IAIS) entwickelt. Es will eine Antwort auf den Mangel an weiblichen Fachkräften in technischen Berufen sein. Auch heute noch gibt es deutschlandweit unter den rund 310.000 Studierenden nur etwa 50.000 Studentinnen in den Ingenieurwissenschaften Wird dieser Trend nicht gestoppt, ergeben sich fatale Folgen für die Zukunftsfähigkeit der deutschen Wirtschaft, die dringend junge Ingenieurinnen braucht.
„Es geht dabei nicht nur um Quantität“, erläutert Thorsten Leimbach vom IAIS. „Es geht auch um Qualität. Die Arbeitsergebnisse in gemischten Teams sind deutlich besser als in rein männlichen Arbeitsgruppen. Der Input, den Frauen in die Ingenieursdisziplinen hereinbringen können, ist einfach unverzichtbar.“
Bienentanz statt Autorennen
Das IAIS konzipiert Roboterkurse, die für Mädchen besonders interessant sind: „Wir individualisieren die Roboter, geben ihnen Gesichter und stellen Bezüge her zu anderen Fachgebieten wie Medizin oder Biologie,“ erläutert Leimbach das Prinzip der Roberta-Kurse. Und so gibt es in den Kursen keine Kampfroboter oder Autorennen, sondern Käfer und Bienentänze. „Dadurch holen wir die Mädchen mit ins Boot, verlieren aber in gemischtgeschlechtlichen Kursen auch die Jungen nicht,“ sagt Leimbach.
Wie das in der Praxis aussieht erzählt Anja Tempelhoff, Konrektorin der Wolfgang-Borchert-Oberschule und Roberta-Projektleiterin: „Wenn ich den Schülerinnen und Schülern einfach nur die Anweisung gebe, einen Lichtsensor zu bauen, der ins Helle fährt, verlieren die meisten Mädchen schnell das Interesse. Wenn ich ihnen aber sage, wir haben hier einen Käfer. Programmiert den so, dass er immer zum Licht fährt, dann ist dieselbe Aufgabe auch für Mädchen interessant.“
In so genannten RobertaRegioZentren werden interessierte Lehrkräfte mit der neuen Methodik vertraut gemacht. Als zertifizierte Kursleiterinnen und Kursleiter bringen sie Roberta dann in die Schule. Nach Abschluss der Schulungen werden sie weiter von den RegioZentren unterstützt. Inzwischen gibt es in Deutschland weit über 20 RobertaRegioZentren, die über das ganze Land verteilt sind. Und sie haben Erfolg: 85 Prozent der Roberta-Kursteilnehmerinnen können sich vorstellen, später einmal Computer- oder Roboterexpertin zu werden.
Roberta goes EU
Der Mangel an weiblichen Fachkräften in technischen Berufen ist nicht auf Deutschland beschränkt. Nach der erfolgreichen Arbeit des nationalen Projektes „Roberta – Mädchen erobern Roboter“ lag es deshalb auf der Hand, die Aktivitäten international auszuweiten. Im Oktober 2005 begann das Projekt Roberta-goes-EU. Seitdem arbeitet das IAIS daran, ein europaweites Netzwerk von RobertaRegioZentren aufzubauen, das inzwischen immerhin schon Österreich, Italien, Großbritannien, Schweden und die Schweiz umfasst.
Zwischen den RobertaZentren der verschiedenen Länder findet ein reger Austausch statt. Auf diese Weise kommen auch neue Ideen nach Deutschland zurück. So wurden in Österreich zum ersten Mal gemischtgeschlechtliche Kurse angeboten, bei denen Mädchen vor Kursbeginn geschult wurden. Sie fungierten dann als Assistentinnen der Kursleiterinnen. „Diese Mädchen wurden von den Jungen vollkommen akzeptiert. Ihre Kompetenz wurde in keiner Weise in Frage gestellt,“ berichtet Leimbach. Der Erfolg des neuen Konzeptes war so überzeugend, dass es in Deutschland übernommen wurde.
Mädchen tanzen zum Weltmeistertitel
2008 sind Sonja Piotrowski und ihr Team von der Berliner Wolfgang-Borchert-Oberschule extra ins chinesische Suzhou gereist, um ihre Fähigkeiten als Roboterbauerinnen und Programmiererinnen bei der RoboCupJunior-Weltmeisterschaft unter Beweis zu stellen. RoboCupJunior ist der Nachwuchswettbewerb des internationalen RoboCup, einer Initiative zur Förderung der Forschung und interdisziplinären Ausbildung in den Bereichen Künstliche Intelligenz und autonome mobile Roboter. Und auch hier sah der deutsche Beitrag anders aus, als er bei einem männlichen Team ausgesehen hätte: Bei den Mädchen saß ein Schlangenbeschwörer im Taj Mahal und spielte auf seiner Flöte. Zu den magischen Klängen tanzten eine Schlange sowie zwei kleine Elefanten.
„Bei der Performance haben die Mädchen Roboter eingesetzt um den Flötenspieler, die Schlange und die Lichtorgel im Taj Mahal zu steuern“, erklärt Anja Tempelhoff das Konzept der von ihr geleiteten Mädchengruppe. „Auch in den Elefanten aus Pappmaché steckten kleine tanzende Roboter.“ Die Show war so überzeugend, dass die Gruppe den Weltmeistertitel in der Kategorie „Dance Super Team“ gewinnen konnte.
arbeitet als freie Kultur- und Bildungsjournalistin sowie als Mitglied der Künstlergruppe Cybercity Ruhr in Essen, unter anderem für ein mehrjähriges internationales Kulturhauptstadtprojekt.
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Januar 2009











