„Migrantenkinder besser fördern“

Ende 2008 wurde die neueste innerdeutsche Pisa-Studie veröffentlicht, bei der rund 40.000 Schüler im Alter von 15 Jahren in drei Fachbereichen geprüft worden sind. Ein Gespräch mit Bildungsforscher Klaus Klemm über die Rolle der Naturwissenschaften im Schulalltag, Unterschiede zwischen Ost und West – und Konsequenzen für das deutsche Unterrichtssystem.
Herr Klemm, hat Sie das Ergebnis der neuesten Pisa-Studie überrascht?
Nach der internationalen Pisa-Auswertung von 2006 eigentlich nicht mehr. Bereits dort wurde für Deutschland insgesamt eine leichte Verbesserung der Leistungen in Leseverständnis und in Mathematik konstatiert und zudem eine überraschend deutliche Leistungssteigerung im Bereich der Naturwissenschaften.
Worauf führen Sie diese Leistungssteigerung zurück?
Naturwissenschaften haben traditionell einen Schwerpunkt im deutschen Bildungssystem. Es gibt kein anderes entwickeltes Industrieland, in dem der Anteil der Hochschulabsolventen in Natur- und Ingenieurwissenschaften so hoch ist wie in Deutschland.
Keine aufregenden Verschiebungen
Und was zeigt der innerdeutsche Vergleich?
Da gibt es keine aufregenden Verschiebungen. Es gab schon bei den beiden Vorgängerstudien 2000 und 2003 eine Gruppe von Bundesländern im Spitzenbereich: Das sind Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen und Thüringen. Leicht dahinter rangieren Länder wie Rheinland-Pfalz. Dann gibt es ein breites Mittelfeld. Schlusslichter sind Bremen und Hamburg.
Auffällig ist, dass immerhin zwei der neuen Bundesländer zur Spitzengruppe gehören. Woran liegt das?
Über die Gründe lässt sich nur spekulieren. Allerdings liegt in den neuen Bundesländern der Anteil der Jugendlichen ohne Migrationshintergrund bei mehr als 90 Prozent. In Nordrhein-Westfalen sind es nur 63 Prozent. Da wir es in Deutschland schlechter als andere Länder schaffen, Kindern mit Migrationshintergrund eine anständige Schulbildung zu vermitteln, zieht das die Ergebnisse der getesteten Schüler insgesamt herunter.
Ist das die einzige Erklärung für die hervorragende Platzierung von Sachsen und Thüringen?
Nein, es gibt auch andere Rahmenbedingungen, die dort besser sind: Insbesondere wirkt sich aus, dass den Naturwissenschaften in den neuen Bundesländern eine noch größere Bedeutung als in den alten Bundesländern zukommt, was sich auch in der Stundentafel niederschlägt. Das ist eine alte DDR-Tradition, weil im sozialistischen Denken der Fortschrittsglaube stärker als im Westen an naturwissenschaftliche und technische Innovationen gebunden war.
Problembündel Großstadt
Im unteren Bereich sind es vor allem die Stadtstaaten, die schwach abschneiden. In Hamburg, Bremen und – wenn auch weniger ausgeprägt – Berlin bündeln sich mehrere Probleme, die für Großstädte typisch sind.
Welche Rolle spielen Bildungsausgaben der einzelnen Länder pro Schüler?
Die reinen Zahlen erklären wenig. Sonst müssten Berlin und Hamburg an der Spitze liegen. Es stellt sich aber die Frage, wie man die finanziellen Mittel nutzt. Es gibt zum Beispiel Hinweise darauf, dass die Klassengröße nicht jene große Rolle spielt, die ihr in der öffentlichen Meinung zugesprochen wird. Möglicherweise ist es ertragreicher, größere Klassen hinzunehmen, dafür aber mehr Unterricht und insbesondere Unterricht von zwei Lehrern gleichzeitig einzuführen. Diese könnten sich dann besser um Schüler unterschiedlicher Leistungsniveaus kümmern.
Früh deutsche Sprachkompetenz vermitteln
Welche Konsequenzen ergeben sich aus der Lernstandserhebung?
Wenn Deutschland wirklich bei der Bildung zur Spitzengruppe vorstoßen will, müsste es uns gelingen, Kinder mit Migrationshintergrund und Kinder aus sozial schwachen Familien besser zu fördern. Das würde Deutschland nach vorne bringen.
Was bedeutet das konkret?
Wir müssten viel früher damit anfangen, Kindern die deutsche Sprachkompetenz zu vermitteln. Unstrittig ist deshalb, dass es mehr Frühsprachförderung und ganztägige Betreuung geben sollte, um Kinder aus sozial schwierigeren Familien nachmittags in einem schulförderlichen Milieu zu haben. Dazu gehört beispielsweise Hausaufgabenhilfe. Umstritten hingegen ist die Forderung, die Trennung der Schüler nach der vierten Klasse in verschieden anspruchsvolle Bildungswege aufzuheben, ebenso die Gliederung in Haupt- und Realschule.
Wäre die Gesamtschule eine Lösung?
Man kann nicht aus Pisa ableiten, dass man die gemeinsame Schulerziehung bis zum Ende der Schulpflicht in allgemein bildenden Schulen unbedingt bräuchte. Man kann daraus aber auch nicht ableiten, dass man Gymnasium, Haupt- und Realschule bräuchte. Was die Pisa-Studien uns allerdings sagen, ist: Es gibt eine ganze Reihe von Ländern, die ihre Kinder in einer gemein-samen Schule bis zum Ende der Schulpflichtzeit unterrichten und die Ergebnisse erzielen, die die Deutschlands, wie in Finnland, teils deutlich übertreffen.
Bis zu seiner Emeritierung 2007 leitete Professor Klaus Klemm drei Jahrzehnte lang die Arbeitsgruppe Bildungsplanung und Bildungsforschung an der Universität Duisburg-Essen. Er gilt als einer der renommiertesten Bildungsforscher Deutschlands.
führte das Gespräch. Sie arbeitet als freie Journalistin unter anderem für das WDR-Wissensportal, die Ruhr Nachrichten und den Westfalenspiegel in Dortmund.
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Januar 2009











