Bildungskonzepte in Deutschland

Technik macht Schule: das IST in Bochum

Schüler Christian, Max, Sonja und Mandy bauen eine Alarmanlage; Copyright: IST.Bochum.NRW/TrimbornTechnik ist ein zentraler Teil unseres Lebens. Technik ist wichtig für unsere Zukunft – und wird trotzdem als Unterrichtsfach an deutschen Schulen stark vernachlässigt. Das Innovationszentrum Schule-Technik in Bochum will das ändern.

Mit leuchtenden Augen beugt sich Daniel Ochs über den Tisch. Es geht um ein kniffeliges Problem. Zusammen mit einer Gruppe von Mitschülern soll der 15-Jährige einen Bauplan für eine Solarzelle entwerfen. Die Aufgabe ist schwierig, aber Daniel hat schon eine Idee: „Wie wäre es, wenn wir eine Solarzelle aus ganz alltäglichen Dingen bauen würden“, schlägt er vor. „Dann könnte jeder mit einfachsten Mitteln seinen eigenen Strom erzeugen.“ Sein Techniklehrer findet den Ansatz interessant. Und so macht sich Daniel mit Feuereifer an die Umsetzung.

Technikunterricht : Fehlanzeige

Blick in einen IST-Klassenraum; Copyright: IST.Bochum.NRW/TrimbornDaniel Ochs besucht den Technikunterricht des Innovationszentrums Schule-Technik Nordrhein-Westfalen in Bochum (IST.Bochum.NRW). Damit gehört er zu den wenigen privilegierten Schülern in Deutschland, die sich in gut ausgestatteten Unterrichtsräumen praxisnah mit Technik auseinander setzen können. Nicht nur nach Einschätzung des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) ist der Technikunterricht an deutschen Grund-, Haupt-, Real- und Gesamtschulen unzureichend. An den meisten Gymnasien ist er gar nicht vorhanden. Nur in Nordrhein-Westfalen, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg gibt es an einigen Schulen Technikunterricht bis in die Oberstufe. Das ist schwer nachvollziehbar: Immerhin fehlen in Deutschland laut einer aktuellen Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) bereits heute knapp 100.000 Ingenieure. Die Wirtschaft spürt den Mangel an Fachkräften also schon seit langem.

„Ob an einem Gymnasium in NRW Technikunterricht angeboten wird, ist vom Willen des Schulleiters abhängig“, erklärt Klaus Trimborn, selbst Techniklehrer und Mitbegründer des IST.Bochum.NRW. „Und Technik ist ein teures Fach.“ Um diese Situation zu ändern, wurde die Idee geboren, ein Technikzentrum für alle Schülerinnen und Schüler der Stadt zu eröffnen. An einem schulischen Standort, sodass die teure Ausstattung nur einmal angeschafft werden muss – und wo der Lehrereinsatz gebündelt und viel konzentrierter stattfinden kann als in einer Schule. Wichtiger Eckpfeiler des IST.Bochum.NRW ist die praxisnahe Technik-Vermittlung: Forschen und Experimentieren der Schüler stehen im Vordergrund.

100.000 Euro in vier Wochen

Netzwerk des IST.Bochum.NRW; Copyright: IST.Bochum.NRW/TrimbornAngestoßen wurde das IST.Bochum.NRW indirekt vom Innovationsministerium Nordrhein-Westfalen: „Das fragte mich, was man gegen den Ingenieurmangel tun könne, gegen den Nachwuchsmangel, gegen den Mangel an Studienanfängern in den Ingenieurwissenschaften“, erzählt Klaus Trimborn. „Da habe ich geantwortet, dass das am besten über Schulunterricht funktioniert“. Als er Sponsoren für das neue Technikzentrum suchte, rannte er bei den Bochumer Unternehmen offene Türen ein: „Innerhalb von vier Wochen hatten wir Zusagen für Sponsorengelder in Höhe von 100.000 Euro.“ So stand dem Aufbau des IST.Bochum.NRW nichts mehr im Wege.

Als Standort wurde die Heinrich von Kleist Schule gewählt, an der Trimborn bereits seit 24 Jahren Technik unterrichtet. Zweiter, universitärer Standort ist die Hochschule Bochum mit dem Projektleiter Norbert Dohms; ein Teil des Unterrichts findet hier statt. Von der bisherigen Entwicklung des Pilotprojektes ist der Lehrer begeistert: „In diesem Schuljahr können wir bereits 450 Schülerinnen und Schüler ab dem neunten Jahrgang mit nachhaltigem Technikunterricht versorgen.“ Nach den ersten Erfolgen des IST.Bochum.NRW stieg auch die Bundesagentur für Arbeit in die Förderung ein. Seit 2007 fördert sie das Projekt als Maßnahme zur vertiefenden Berufsorientierung mit 475.000 Euro jährlich.

Fürs Leben lernen

Schüler bauen Schaltkreise; Copyright: IST.Bochum.NRW/Trimborn„Meiner Meinung nach macht der Technikunterricht allen sehr viel Spaß“, berichtet Daniel Ochs von seinen Erfahrungen. „Jeder ist interessiert, wirklich das Beste zu geben.“ Das bestätigen auch die nackten Zahlen. Von 180 Schülern des ersten Jahrgangs haben sich 150 entschieden, den Technikunterricht weiter zu besuchen.

Aber auch jenen 30 Schülern, die im Unterricht feststellten, dass Technik vielleicht doch nicht das Richtige für sie ist, hat das IST.Bochum.NRW geholfen. „Wir brauchen gute Studierende, die wissen, worauf sie sich einlassen“, betont der Diplom-Ingenieur Professor Martin Sternberg, Präsident der Hochschule Bochum. Und auch Daniel findet, dass der Technikunterricht bei der Entscheidung über den späteren Berufsweg hilfreich ist. „Man bekommt schon die erste Berufserfahrung, lernt mit Materialien und Werkzeugen umzugehen“, sagt der Schüler. „Ich denke, das ist ein großer Vorteil gegenüber denen, die diese Erfahrung nicht machen können.“

Mehr Standorte und jüngere Schüler

Für die Zukunft des IST.Bochum.NRW gibt es ehrgeizige Pläne. Die technischen Studiengänge der Ruhr-Universität Bochum sollen stärker eingebunden und weitere Partnerunternehmen gefunden werden. Ein weiterer Standort im Bochumer Süden ist geplant. Außerdem wird daran gearbeitet, Technikunterricht bereits ab dem fünften Jahrgang oder sogar ab der Grundschule anzubieten. 

Das IST.Bochum.NRW ist das erste Zentrum der Initiative „Zukunft durch Innovation“ (ZdI) des Landes NRW. Inzwischen gibt es acht davon, bis 2010 sollen es 25 werden. Das Bochumer Erfolgsprojekt hat hierzu den entscheidenden Anstoß gegeben. Aber nicht nur hierzu: Auch vielen Schülern hat es geholfen, den Lebensweg etwas klarer zu sehen. So war es auch bei Daniel: Er möchte Maschinenbau oder Informatik studieren.
Anja Bardey
arbeitet als freie Kultur- und Bildungsjournalistin sowie als Mitglied der Künstlergruppe Cybercity Ruhr in Essen, unter anderem für ein mehrjähriges internationales Kulturhauptstadtprojekt.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Februar 2009

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