Bildungskonzepte in Deutschland

Ganztagsschulen – ein neues Forschungsfeld

Logo der Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (SteG); © Deutsches Institut für Internationale Pädagogische ForschungLogo der Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (SteG); © Deutsches Institut für Internationale Pädagogische ForschungDie empirische Ganztagsschulforschung steckt in Deutschland noch in den Kinderschuhen. Doch erste Forschungsergebnisse zeigen, dass sich die Ganztagsschulen in großen Schritten entwickeln. Eine spannende Frage ist, ob Migrantenkinder besser an Ganztags- oder an Halbtagsschulen lernen.

„Wir wissen noch gar nicht, was Ganztagsschulen bei Migrantenkindern bewirken“, sagt Heinz Reinders. Die Zurückhaltung des Würzburger Pädagogikprofessors ist typisch für einen empirischen Bildungsforscher: bloß nichts behaupten, was nicht mit Zahlen untermauert werden könnte.

Reinders arbeitet im Verbund mit den Universitäten von Mannheim und Hamburg an einem Projekt mit dem Titel „Ganztagsschulbesuch und Integrationsprozesse bei Migranten“ (GIM). Gemeinsam mit seinen Kollegen untersucht der Mitdreißiger Ganztagsschulen, über die kaum Forschungsliteratur vorliegt, weil es in Deutschland bis vor kurzem fast nur Halbtagsschulen gab. Reinders will etwa wissen, ob sich ein türkischer Junge in der Schule besser integriert, wenn er mehr Zeit zum Lernen hat. Und ob Ali, der die Ganztagsschule besucht, im Vergleich mit Ahmed, der nur halbtags die Schulbank drückt, bessere Deutschkenntnisse hat.

Brücken zwischen Disziplinen schlagen

Schulklasse; © ColourboxUm dies herauszufinden, arbeitet die empirische Ganztagsschulforschung mit quantitativen Erhebungen. Sie dienen dazu, große, repräsentative Datenmengen zu sammeln und Erkenntnisse zu gewinnen, die sich verallgemeinern lassen. Auf der anderen Seite treiben die Empiriker qualitative Studien, bei denen etwa die konkrete Unterrichtspraxis, die Kommunikationsformen in der Schule und das Selbstverständnis von Schülern und Lehrern untersucht wird.

Bei ihrer Arbeit schlagen Pädagogen, Psychologen, Soziologen und Historiker neuerdings Brücken zwischen ihren Disziplinen – vor allem aber auch zwischen empirischer Forschung und geisteswissenschaftlicher Pädagogik, die lange Zeit nebeneinander her existierten. Pragmatisch eingestellte Erziehungswissenschaftler wie Heinz Reinders haben damit keine Probleme mehr: „Meine Generation geht davon aus, dass sich empirische und geisteswissenschaftliche Ansätze wechselseitig befruchten.“

StEG von Bund und Ländern

Rucksäcke an Schulstühlen; © ColourboxDass Kinder aus zugewanderten Familien an Halbtagsschulen schlechte Karten im deutschen Schulsystem haben, zeigte bereits die PISA-Studie von 2000, eine der folgenreichsten Bildungsstudien überhaupt. Um das hiesige Schulwesen im internationalen Vergleich zu stärken, verabschiedete die Bundesregierung das „Investitionsprogramm Zukunft Bildung und Betreuung“ (IZBB). Ihm zufolge erhalten Schulen in allen Bundesländern bis Ende 2009 vier Milliarden Euro für die Ausstattung der Schulen sowie für Serviceeinrichtungen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) flankiert das IZBB mit einem umfangreichen empirischen Forschungsprogramm.

Die Mutter der aktuellen Ganztagsschulstudien ist indes nicht GIM, sondern StEG: die „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“. Obwohl Bildung in Deutschland gemäß Grundgesetz eigentlich Ländersache ist, haben der Bund und 14 Länder bei ihrer Konzeption intensiv zusammengearbeitet. Illustratives Bild der Zusammenarbeit ist das Logo der StEG-Studie: Es stellt eine Brücke dar.

Im Zuge der Langzeitstudie kommt es erstmals zu einer Bestandsaufnahme darüber, wie sich Ganztagsschulen in Deutschland entwickeln und was sie bewirken. Im März 2009 läuft die dritte und letzte Erhebung an 373 Ganztagsschulen mit knapp 65.000 befragten Personen. StEG wird von einem Konsortium geleitet, dem drei führende deutsche Schulforschungsinstitute angehören.

„Ganztagsschulen entwickeln sich explosionsartig“

Schüler in der Schulmensa; © ColourboxErste Forschungsergebnisse liegen nun vor. „Ganztagsschulen entwickeln sich explosionsartig“, resümiert Heinz-Günter Holtappels, Leiter des Instituts für Schulentwicklungsforschung in Dortmund (ISF) und Mitglied im StEG-Konsortium. Dass Ganztagsangebote von Kindern und Jugendlichen immer stärker genutzt werden, hält auch eine StEG-Stellungnahme fest: und zwar „unabhängig von der sozialen Schicht, den Familienkonstellationen und dem Migrationshintergrund“. In allen Bundesländern dominieren offene Ganztagsschulmodelle, deren Besuch freiwillig ist. Und mehr als die Hälfte aller Grundschüler besucht mittlerweile eine Ganztagsschule.

Nicht zuletzt um die empirische Ganztagsschulforschung weiter in Deutschland zu etablieren, gibt es in beinahe jedem Bundesland inzwischen ein Forschungsprojekt. In über 20 Forschungsverbünden klären derzeit knapp 50 Wissenschaftler, ob und, wenn ja, wie Ganztagsschulen Bildung fördern, Familien beeinflussen, Sport und Kultur aufwerten, Kooperationen etwa zwischen Berufsmusikern, Vereinstrainern, Künstlern und Lehrern innerhalb der Schule in Gang bringen oder die lokale Bildungsverwaltung verändern.

Laut Heinz-Günter Holtappels kümmert sich StEG allerdings viel zu wenig darum, ob die Zeugnisnoten durch den Besuch einer Ganztagsschule besser werden. Seiner Meinung nach sollten gerade diese Effekte ebenfalls erforscht werden. „Es gibt aber Länder, die sich vor den Ergebnissen fürchten“, meint Holtappels. Spätestens, wenn 2010 die gesamten Ergebnisse vorliegen, wird das Thema Ganztagsschule auch politischen Zündstoff haben.

Arnd Zickgraf
arbeitet als Wissenschaftsjournalist und Publizist in Bonn.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
April 2009

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