Bildungskonzepte in Deutschland

„Bildung? Bildung!“ – Aber welche Bildung brauchen wir?

Cover des Buchs „Bildung? Bildung?“; © Berlin Verlag

Cover des Buchs „Bildung? Bildung?“; © Berlin VerlagViele Schüler und Studenten in Deutschland klagen über Reformen im Bildungswesen. Passend zum Protestjahr 2009 erschien das Buch „Bildung? Bildung!“, in dem sich 26 renommierte Experten der Wissenschaftslandschaft zum Bildungsbegriff äußern und neue Impulse geben wollen.

Bildung – für viele Schüler und Studenten in Deutschland ist es das Unwort des Jahres 2009. Zu Tausenden gingen sie auf die Straße, um gegen die Missstände in der Bildungspolitik von Bund und Ländern zu demonstrieren: gegen die Einführung der Studienabschlüsse Bachelor und Master, die ihrer Meinung nach das Studium verschulen.

Studentinnen und Studenten ärgern sich auch über die Studiengebühren von 500 Euro pro Semester, die in vielen Bundesländern eingeführt wurden, Schülerinnen und Schüler über die Reform des Abiturs, das Gymnasiasten nun in zwölf statt in 13 Jahren schaffen müssen. Außerdem befürchten sie eine zunehmende Ökonomisierung von Bildung.

26 Thesen für die Bildung

„Nicht Amboss sondern Hammer sein.“ Studentenprotest in Tübingen; © Südpol Redaktionsbüro/V. Hütter Deutschland muss mehr in die Bildung investieren, darin sind sich alle einig. Doch wie das zu stemmen ist, weiß niemand so richtig. „Der Streit um die Zuständigkeiten verhindert vielfach den Zugang zu notwendigen Veränderungen“ schreibt Andreas Schlüter in der Einleitung von Bildung? Bildung!, das „26 Thesen zur Bildung als Herausforderung im 21. Jahrhundert“ formuliert. „Eine inhaltliche Neuerung ist geboten, doch wie sie gelingen kann, darüber gehen die Meinungen auch nach Jahren und Jahrzehnten der Debatte weit auseinander.“

Dass das so ist, zeigt das Buch dann auch gleich selbst. Die 26 Essays beschäftigen sich mit ganz unterschiedlichen Themen: mit einer allgemeinen Definition des Bildungsbegriffes zum Beispiel, mit Fragen der Wissensvermittlung zu Zeiten des Internets, mit dem Zusammenhang von Karrierechancen und sozialer Herkunft. Daneben geht es um „Klassiker“ wie die Exzellenzinitiative, die bald in ihre zweite Runde gehen soll, und um die neuen Abschlüsse Bachelor und Master.

Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU), DFG-Präsident Matthias Kleiner und Peter Strohschneider während eines Treffens zur Exzellenzinitiative; © DFGHerausgegeben wird das Buch von zwei Bildungsexperten, die das System schon lange kennen: Peter Strohschneider ist der Vorsitzende des Wissenschaftsrates (WR), dem wichtigsten Beratungsgremium für die deutsche Hochschul- und Forschungslandschaft. Andreas Schlüter war früher Generalsekretär des Goethe-Instituts und ist heute Generalsekretär des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft, dessen Ziel es ist, in Wissenschaft, Bildung und Forschung zu investieren. Die Liste der Personen, die die Herausgeber für das Buch gewinnen konnten, ist beeindruckend. Zu ihnen gehören viele der hochrangigen Akteure der Wissenschaftslandschaft: etwa Margret Wintermantel, Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Matthias Kleiner, der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), oder Jutta Limbach, von 2002 bis 2008 Präsidentin des Goethe-Instituts.

Der Bildungsbegriff des 21. Jahrhunderts

Eines der Kernthemen der Essays ist die Suche nach einem Bildungsbegriff. So fragt der Bildungsexperte und ehemalige WR-Vorsitzende Winfried Schulze gleich zu Beginn des Buches, inwieweit das neuhumanistische Bildungskonzept, das über so viele Jahre die Debatte in Deutschland bestimmte, heute noch Bestand haben kann. Denn: Über das Internet, Zeitungen, Bücher und zahlreiche andere Informationsquellen sind wir von so vielen Informationen umgeben, dass niemand mehr sagen kann, welches Wissen überhaupt noch relevant ist. Die Definition eines Kanons, also von verbindlichen Wissensbeständen, sei deshalb gar nicht mehr möglich. An die Stelle eines Bildungskonzeptes sollte nach Schulze deshalb ein Set von Kompetenzen treten, die Menschen dabei helfen, Wissen zu erwerben, es kritisch zu prüfen und es auch auszusondern, wenn es unbrauchbar ist.

Über Ländergrenzen hinaus geht der Blick von Jutta Limbach, die Bildung mit Blick auf verschiedene Kulturen diskutiert. Ihre These: Der interkulturelle Dialog kann nur gelingen, wenn die Gesprächspartner bereit sind, ihr „Denken, Wissen und Handeln zu hinterfragen und sich auf einen wechselseitigen Lernprozess einzulassen.“ Schließlich werde der Begriff der Bildung zunehmend „von seiner sozialen Bindekraft her begriffen“. Die Suche nach einer gemeinsamen europäischen Identität brauche deshalb neue Bildungsziele.

Plädoyer für mehr Ethik in der Wissenschaft

Wissenschaftler; © ColourboxInsgesamt bildet das Buch zahlreiche Themen und Ideen ab – die zum Teil sehr überraschend sind. So schreibt der Mediziner und Neurologe Gian Domenico Borasio über die Ausbildung in der Medizin und die Unfähigkeit vieler Ärzte, im Patientengespräch adäquat auf die zu behandelnde Person einzugehen. Dass Ärzte, unter anderem, auch in der Lage sein müssen, eine „Fähigkeit zur Empathie mit kranken und sterbenden Menschen“ zu entwickeln, „die wir alle irgendwann sein werden“, hat für ihn viel mit Bildung zu tun: Was es brauche, sei eine Bildung des Herzens, eine intellektuelle Bildung, die zur „kritischen Überprüfung tradierter Informationen“ beiträgt – und eine ethische Bildung, also „die Fähigkeit, den eigenen ethischen Standpunkt zu erkennen und zu reflektieren“.

Der Theologen Friedrich Wilhelm Graf wiederum beschäftigt sich in seinem Essay mit der „Kultur des kalkulierten Kleinbetrugs“ von Forscherinnen und Forschern. Seiner Meinung nach neigen viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in einer Forschungslandschaft, die durch zunehmenden Konkurrenzdruck geprägt ist, dazu, mit jedem noch so kleinen Vortrag und jeder noch zu kleinen Publikation aufzutrumpfen – und vergessen so das, was sie eigentlich ausmachen sollte: Bescheidenheit. Mit Blick auf mehrere Korruptionsfälle in Deutschland, bei denen Wissenschaftler gegen Geld zum Doktortitel gekommen sind, fordert er eine größere moralische Sensibilität.

Gute Ideen, wenig Lösungsansätze

So liefert Bildung? Bildung! viele spannende Anekdoten, viele gute Erklärungsmodelle, viele neue Impulse, viele kreative Herangehensweisen, viele gute Ideen – auch wenn es nur wenige konkrete Lösungsansätze gibt. Doch gerade die sind es, die wir brauchen, um nicht diejenigen zu vergessen, um die es beim Thema Bildung eigentlich geht: Die Schüler und Studenten, die in Zukunft die Säulen bauen werden, auf denen unser Bildungssystem steht.

Andreas Schlüter und Peter Strohschneider (Hg.):Bildung? Bildung! 26 Thesen zur Bildung im Wissenschaftssystem als Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Berlin Verlag 2009, 160 Seiten, ISBN 3827008492
Britta Mersch
arbeitet als freie Bildungsjournalistin, Dozentin und Moderatorin in Köln.

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Januar 2010

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