Wohngemeinschaft mit Perspektive – die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen an der Gesamtschule Bremen Ost

Junge Menschen brauchen Orientierung, heißt es. Dass da etwas dran ist, beweist ein weltweit wohl einmaliger Fall in Bremen. Dort ist ein Spitzenorchester in einer Schule untergekommen – und sorgt bei den Schülern für eine nie gekannte Aufbruchsstimmung. Uneingeweihte dürften sich wundern, wenn sie auf der Suche nach den Proberäumen der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen nicht ins schmucke Zentrum der Hansestadt chauffiert werden, sondern ganz in den Osten. Dorthin, wo zwischen Mercedes-Werk und Autobahnring die Hochhäuser von Tenever, Bremens „Klein-Manhattan“, in den Himmel ragen. Es ist eine jener Trabantenstädte, wie man sie aus fast jeder Großstadt kennt – ein „sozialer Brennpunkt“, an dem sich auf engstem Raum rund 6.000 Menschen 80 verschiedener Nationalitäten drängen.
Die Zweifel an der Richtigkeit der Adresse dürften noch wachsen, wenn das Ziel erreicht ist: der schmucklose Betonbau der Gesamtschule Bremen Ost an der Walliser Straße 125. Nun bedarf es statt der ortsüblichen Hip-Hop-Beats schon der Klänge von Beethoven oder Bach, um den Besucher zu überzeugen. Denn dass ein Orchester von Weltrang inmitten eines Problembezirks residiert, ist tatsächlich alles andere als alltäglich. Es ist geradezu eine Sensation.
Was sich hier im Herzen der Großsiedlung Osterholz-Tenever seit ein paar Jahren abspielt, hat etwas von einem modernen Märchen, einem jener Hollywoodfilme, in dem ungezogene Jugendliche durch Vorbilder zu Hochform auflaufen und zu starken Persönlichkeiten reifen. Als Vehikel wird dabei gerne der Sport dargestellt. Doch dass es mit Musik in Wirklichkeit vielleicht noch besser funktioniert, diesen Beweis hat die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen angetreten. Dabei entsprang der Entschluss, hier Quartier zu beziehen, ursprünglich einer Not, die man mittlerweile aber längst zur Tugend gemacht hat.
Soziale Verantwortung
Als die Stadt Bremen den Philharmonikern auf der Suche nach Proberäumen 2003 die damals baufällige Aula des GSO anbot, mochte das auf den ersten Blick wie ein schlechter Scherz anmuten. Doch der erweist sich heute nachgerade als Glücksfall – nicht nur für die rund 1.000 Schüler, sondern für das ganze Stadtviertel. Zu verdanken ist dies zuallererst der Experimentierfreudigkeit und dem sozialen Engagement der 35 Musiker des 1980 gegründeten Ensembles, das sich binnen kürzester Zeit zu einem international gefeierten Spitzenorchester gemausert hat. Welch ungeheurer Tatkraft es bedarf, sich einen solchen Aufstieg zu erarbeiten und sich in der musikalischen Oberliga zu halten, lässt sich nur erahnen. Zumal für ein Orchester, das nicht wie die meisten namhaften Konkurrenten vollumfänglich mit öffentlichen Geldern alimentiert wird. Bei der Deutschen Kammerphilharmonie handelt es sich zwar um ein gemeinnütziges aber privatwirtschaftlich organisiertes Unternehmen, in dem die Mitglieder als Gesellschafter zu 60 Prozent für ihren Unterhalt selbst aufkommen müssen.
Müßiggang, Trägheit und Schlendrian sind für die Musiker Fremdwörter. Diese Grundeinstellung sowie der Eifer und Ehrgeiz, mit denen sie ihrer beruflichen Leidenschaft nachgehen – das ist es, was ihre Nähe auch und vor allem zu Kindern so wertvoll macht, die aus Perspektivlosigkeit oder Resignation nicht selten „null Bock“ auf Lernen und Anstrengung haben. Erst recht wenn es sich nicht auszahlt, wie es bei freiwilligen Diensten in der Freizeit oder bei praktizierter Nächstenhilfe allzu oft der Fall ist. Dass der Einsatz für andere trotz Mehrbelastung durchaus befriedigen und das Leben bereichern kann, wird den Schülern der GSO nun tagtäglich vorgelebt. Beispielsweise beim kostenlosen Instrumentalunterricht für mittellose Kinder und Jugendliche, den die Profimusiker noch nach Feierabend anbieten, oder bei ihrem Engagement im Rahmen der von ihnen übernommenen Klassenpatenschaften.
Lohnende Allianz
Nicht nur Schulleiter Franz Jentschke ist begeistert. Das gesamte Lehrerkollegium stimmt überein, dass sich das Vorbild der Orchestermusiker segensreich auf das Schulklima ausgewirkt hat. Endlich macht die Arbeit an der GSO richtig Spaß. Musiklehrerin Imke Howie schwärmt vom positiven Einfluss auf Motivation, Kreativität und Selbstbewusstsein ihrer Schützlinge. Vor allem das „Zukunftslabor“ hat es ihr angetan. Es übt eine magische Anziehungskraft auf die Schüler aus, die plötzlich scharenweise ihr Faible für Musik entdeckt haben. Ein Renner ist auch die Show-Reihe „Melodie des Lebens“. Dabei werden auch die aus problematischen sozialen Verhältnissen stammenden Jugendlichen ermutigt, künstlerisch auszudrücken, was sie im Inneren bewegt.
Doch die Allianz hat sich nicht nur für die Schüler ausgezahlt. Auch die Musiker lernen viel aus der Zusammenarbeit mit den Schülern, mit denen sie bereits mehrfach bejubelte Gemeinschaftsprojekte auf die Bühne gebracht haben, wie etwa Faust II im letzten Jahr oder jüngst im Vorfeld der Fußball-WM Afrika kommt, eine vertonte Version von Henning Mankells Der Chronist der Winde.
Zur Nachahmung empfohlen
Das Aufsehen, das das inzwischen mehrfach preisgekrönte Experiment an der GSO erregt, ist Balsam für die Bildungspolitiker von Bremen, das bei den bundesweiten PISA-Studien in der Vergangenheit regelmäßig auf einem der hinteren Plätzen landete. Kultursenator Jörg Kastendiek etwa ließ während seiner Amtszeit kaum eine Gelegenheit aus, seine „Kulturschule“ anderenorts als Modell zur Nachahmung zu empfehlen. Dankbar für die musikalischen Mitstreiter ist auch der städtische Sozialarbeiter Joachim „Barlo“ Barloschky, ein Idealist, der in seiner Funktion als „Quartiersmanager von Tenever“ schon einiges zur Verschönerung des tristen Viertels unternommen hat. Es bereitet ihm jedes Mal diebische Freude, wenn gut situierte Bürger bei den Kammerkonzerten der Philharmoniker, für die stets ein Kontingent Sonderkarten für sozial Schwache reserviert ist, mit den gesellschaftlichen Realitäten in ihrer Stadt konfrontiert werden.
arbeitet als Freier Redakteur, Journalist und Autor in München und Landshut.
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Juni 2010
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