Bildungskonzepte in Deutschland

Lernen in der Kita – Frühkindliche Bildung

Mädchen; © ColourboxMädchen; © ColourboxIm Dezember 2001 erschütterte die erste PISA-Studie die deutsche Öffentlichkeit. Seitdem hat sich nicht nur an den Schulen viel getan: Auch der Stellenwert der frühkindlichen Bildung ist gewachsen.

Der Kindergarten war einst ein deutscher Exportschlager wie Autos und Maschinen – sogar das Wort „Kindergarten“ wurde in viele Sprachen übernommen oder übersetzt. Doch das liegt lange zurück – den ersten Kindergarten, der international zum Vorbild wurde, gründete der Pädagoge Friedrich Fröbel 1837 in Thüringen.

Heute ist Deutschland längst nicht mehr „Marktführer“ in der frühkindlichen Bildung. 2008 verglich die OECD die Qualität der Förderung der Unter-Sechsjährigen in 25 OECD-Staaten: Deutschland belegte Platz 14. Vorn landeten die skandinavischen Länder. Sie gaben alle mindestens ein Prozent ihres Bruttonationaleinkommens für die frühkindliche Bildung aus, Deutschland hingegen nur 0,4 Prozent.

Kindergartenkinder; © ColourboxInzwischen ist dieser Anteil zwar auf 0,5 Prozent gestiegen. Das zusätzliche Geld fließt jedoch vor allem in die Steigerung der Quantität, weniger der Qualität. Denn ab 2013 gilt der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz auch für Unter-Dreijährige, der einen massiven Ausbau der Kindertageseinrichtungen nötig macht. 100.000 Plätze sind in den letzten Jahren bereits geschaffen worden, dennoch können noch längst nicht alle Eltern, die es wünschen, ihre Kleinkinder in eine Kindertagesstätte (Kita) geben. Ob das 2013 anders sein wird, ist noch offen.

Professionalisierung durch Akademisierung

Stärker als die Investitionen sind in den letzten zehn Jahren die Erwartungen und Anforderungen an die Leistungen der Kitas gestiegen. Die Erzieherinnen und Erzieher müssen heute viel mehr Aufgaben erfüllen als früher: Es gilt, die Entwicklung der Kinder zu dokumentieren und individuell auf jedes Kind einzugehen. Sprachförderung, mathematisch-naturwissenschaftliche Förderung und Medienbildung stehen ebenfalls auf dem Programm. Um die Fachkräfte auf das gewachsene Aufgabenspektrum vorzubereiten, wird die Akademisierung der Ausbildung vorangetrieben.

Schließlich sind akademisch ausgebildete Frühpädagogen in vielen europäischen Ländern seit langem üblich. Mittlerweile gibt es in Deutschland mehr als 70 frühpädagogische Studiengänge.

Logo von BIBER; © bibernetz.deDas reicht aber bei Weitem nicht, um die benötigte Zahl an Fachkräften auszubilden. „Ich halte die Akademisierung nicht für das Nonplusultra“, meint Gerhard Seiler vom BIBER-Netzwerk für frühkindliche Bildung. Die Ausbildung an den nicht-akademischen Fachschulen erreiche im theoretischen Bereich oft akademisches Niveau und beinhalte vor allem intensive Praxisphasen. Die dürften in einer akademisierten Ausbildung nicht verloren gehen, sonst käme es zum gleichen Effekt wie häufig bei den Lehrern: „Sie absolvieren eine tolle theoretische Ausbildung, aber werden dann an den Schulen ins kalte Wasser geworfen.“

Hilde von Balluseck hat an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin den ersten frühpädagogischen Studiengang in Deutschland mit aufgebaut. Sie sagt: „Die Akademisierung hat die Fachschulen zu großen Anstrengungen motiviert, ihre Ausbildung zu verbessern.“ Auch von Balluseck befürwortet keine vollständige Akademisierung, sondern die Zusammenarbeit zwischen Fach- und Hochschulen: „Optimal sind Modelle, in denen die Fachschulausbildung so ausgerichtet ist, dass ein Großteil in der Hochschulausbildung angerechnet werden kann.“

Konzept der Ko-Konstruktion

Schreibender Junge; © T. KösterDie Verbesserung der Ausbildung ist das eine. Aber für eine bessere Bildungsqualität in den Kitas ist die Weiterbildung der bereits dort arbeitenden Fachkräfte mindestens genauso wichtig. Inzwischen gibt es vielfältige Angebote. Die Bereitschaft der Erzieherinnen, sich zu spezialisieren, sei trotz hoher Arbeitsbelastung groß, sagt Gerhard Seiler. Denn ihnen sei heute sehr bewusst, dass sie Bildungsarbeit leisten – und dafür Fachkenntnisse benötigen. „Wichtig ist allerdings, dass die gestiegenen Bildungserwartungen an den Kindergarten nicht zu einer ‚Verschulung‘ führen. Es geht nicht um Wissensvermittlung im klassischen Stil“, betont Seiler. „Die Fachkräfte müssen lernen, das Kind als aktiven Konstrukteur seiner Bildungsprozesse anzusehen“, findet auch die Erziehungswissenschaftlerin Hilde von Balluseck. Dahinter steht der pädagogische Ansatz der Ko-Konstruktion, den vor allem der Frühpädagoge Wassilios Fthenakis propagiert.

Die Kita ist eine Bildungseinrichtung

Vor allem auf den sogenannten PISA-Schock ist zurückzuführen, dass der Stellenwert der frühkindlichen Bildung in den letzten zehn Jahren nach oben geschnellt ist. Ein internationaler Vergleich der OECD im Jahr 2001 hatte dem deutschen Bildungssystem ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. „Wirtschaft und Politik bekamen es wegen der Gefahr der abnehmenden Wettbewerbsfähigkeit mit der Angst zu tun. Also schaute man auf die Ursachen und nahm wahr, was seit Jahrzehnten in der Psychologie und Pädagogik bekannt ist: Bildung beginnt in den ersten Lebensjahren und nicht erst in der Schule“, sagt von Balluseck, die seit ihrer Emeritierung Chefredakteurin des Online-Fachmagazins Erzieherin.de ist. Viele öffentlichkeitswirksame Initiativen von Unternehmen, Stiftungen und dem Bundesbildungsministerium folgten. Die Bundesländer verabschiedeten Bildungspläne für den frühkindlichen Bereich und erkannten damit an, was in anderen Ländern schon lange selbstverständlich ist: Die Kita ist eine Bildungseinrichtung.

Damit die Erzieherinnen den Bildungsauftrag angemessen erfüllen können, müssten sie allerdings auch angemessen bezahlt werden, fordern nicht nur die Gewerkschaften. Eine Erzieherin verdient in Deutschland durchschnittlich 2.000 Euro brutto, eine Grundschullehrerin rund 3.700 Euro. „Der Erzieherberuf wird miserabel bezahlt, noch dazu handelt es sich vielfach um Teilzeitstellen“, moniert auch Gerhard Seiler. „Viele Erzieherinnen wechseln nach der Ausbildung entweder relativ schnell in andere Bereiche oder steigen familienbedingt aus dem Beruf aus. Darunter leidet die Qualität der pädagogischen Arbeit.“

Christoph Brammertz
ist Kommunikationswissenschaftler und Germanist. Er lebt in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Januar 2012

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
internet-redaktion@goethe.de

Links zum Thema

Dossier: CLIL

Integriertes Fremdsprachen- und Sachfach-Lernen

Schule im Wandel

Das Comenius-Projekt entwickelt ein Kursmodell für die Aus- und Fortbildung europäischer Fremdsprachenlehrkräfte.

Twitter: @GI_Journal

Aktuelles aus Kultur und Gesellschaft in Deutschland


Wissenschaftsberichte