Reihe: Gesichter der Wissenschaft

Zensurgeschichte als Krimistück – Kirchenhistoriker Hubert Wolf

Hubert Wolf; © Universität Münster/ Wilfried GerharzHubert Wolf; © Universität Münster/ Wilfried GerharzAls einer der ersten Forscher der Welt durfte Hubert Wolf aus Münster in die geheimen Archive des Vatikan, um die Geschichte vom Index der verbotenen Bücher aufzuarbeiten. Dabei ist seine Forschung nicht selten spannende Detektivarbeit.

Vom Vatikan hat Dan Brown keine Ahnung. Das gilt zumindest für jene Passagen seines Welt-Bestsellers Illuminati, in denen der Symbologe Robert Langdon in den spezialbelüfteten und gut sortierten High-Tech-Kästen der Geheimarchive nach Weltverschwörungen fandet.

„Diese Schilderung entspringt einzig und allein Browns Fantasie“, betont der 49-jährige Münsteraner Kirchenhistoriker, Theologe und Priester Hubert Wolf. „Das sind ganz normale Archive. Und sie sind nur unzureichend erschlossen. Wenn man ein Aktenbündel aufschnürt, einen Pergamentband oder eine Schachtel öffnet, ist man nicht selten der erste Forscher, der dies tut.“

So gesehen gleicht Wolfs Stöbern in den ebenso labyrinthischen wie verstaubten Beständen dann doch wieder dem Treiben von Browns Helden: „Meine Arbeit ist wie im Krimi, wo immer wieder neue Spuren auftauchen, die man weiterverfolgen muss.“

Warum Heine – und nicht Hitler?

Tom Hanks als Robert Langdon im Vatikanischen Geheimarchiv; © Sony Pictures Releasing GmbH Tatsächlich ist Wolf eine Art Geschichtsdetektiv, der sich neben der Erforschung der Pontifikate von Pius XI. und Pius XII. einer der dunkelsten Seiten des Kirchenstaats verschrieben hat: dem Index der verbotenen Bücher nämlich, mit dem die Inquisition im Zuge der Gegenreformation seit 1542 versuchte, den neu entstandenen Druckmarkt mit seinen vermeintlich ketzerischen Schriften einer Totalzensur zu unterwerfen. So war es Katholiken bis zum Ende des Index 1966 unter Androhung der Exkommunikation verboten, Immanuel Kants Kritik der reinen Vernunft oder die Reisebilder Heinrich Heines zu lesen.

Hingegen blieb Adolf Hitlers Mein Kampf von der Indizierung verschont. „Die Inquisition hat von 1934 an zwei Jahre lang intensiv eine Verurteilung vorbereitet“, erläutert Wolf. „Papst Pius XI. konnte sich dann aber nicht zu einer Indizierung durchringen, weil er Hitler als legalen Vertreter der Staatsmacht ansah, der man nach dem Römerbrief zu Gehorsam verpflichtet war.“

Auch Protestanten können katholisch schreiben

Schweizergardist vor dem Eingang des Vatikanischen Archivs; © Sony Pictures Releasing GmbHDass es den Fall Hitler im Vatikan überhaupt gegeben hat, war bis zu den Enthüllungen von Wolf und seiner rund zehnköpfigen Forschergruppe gänzlich unbekannt. Denn nicht alle Prozesse endeten mit der öffentlichen Tabuisierung. Nach Schätzungen Wolfs wurde mindestens die Hälfte der angezeigten Bücher in einem ausgeklügelten Prozess mit Vor- und Hauptverfahren, schriftlichen Gutachten und intensiven Diskussionen unter den Kardinälen freigesprochen.

So fand der Forscher heraus, dass auch die Lektüre von Harriet Beecher-Stowes Klassiker Onkel Toms Hütte über die Befreiung der amerikanischen Sklaven verboten werden sollte. „Die Ignoranz des ersten Gutachters, der dem Buch den Aufruf zum Umsturz unterschob, hat mich auf die Palme gebracht“, erinnert sich Wolf. „Im Gegensatz zu ihm hat der zweite Gutachter das Buch komplett gelesen. Er kam zu dem Ergebnis, dass das Anliegen der Sklavenbefreiung durch und durch katholisch sei, auch wenn es eine protestantischen Autorin formuliere. Sein Votum auf Freispruch setzte sich dann durch.“

Die Bekehrung von Papst Benedikt XVI.

Archiv der Glaubenskongregation; © privatAuf die Bücherwächter des Vatikan ist der Bauernsohn Hubert Wolf eher durch Zufall gestoßen. Zum Priester geweiht und vom Bischof trotz eines Einser-Diploms in die schwäbische Provinz befohlen, fand der Enttäuschte in einem zum Archiv umfunktionierten Pferdestall dreihundert Briefe des Tübinger Theologen Johannes Evangelist von Kuhn: Ihm hatte die Inquisition im 19. Jahrhundert übel mitgespielt. Um den Prozess für seine Promotion lückenlos recherchieren zu können, bat Wolf den damaligen Präfekten für die katholische Glaubenslehre und Erben der Inquisitionsangelegenheiten, Joseph Kardinal Ratzinger, 1988 um freien Zugang zu den verschlossenen Archiven der Glaubenskongregation. Prompt beschwerte sich der spätere Papst Benedikt XVI. bei Wolfs Vorgesetzten über die unerhörte Bitte des dreisten Unbekannten.

Gegen den Rat seines Doktorvaters zeichnete der trotzige Wolf Kuhns Prozess ohne die internen Dokumente nach – und schickte die fertige Arbeit, ebenso trotzig, an Kardinal Ratzinger nach Rom. Der war so begeistert, dass er Wolf 1992 den Zugang zu den Archiven ermöglichte. Im dunklen Keller überprüfte Wolf an einem viel zu hohen Tisch mit einem riesigen Kruzifix im Rücken zunächst einmal die Fakten seiner Dissertation. Ergebnis: „Bis auf eine Sache, die ich nicht wissen konnte, war alles richtig.“

„Von der Liebe zur Wahrheit beseelt“

Privataudienz Hubert Wolfs und seiner Forschergruppe bei Papst Benedikt XVI.; © DFG1998 öffnete der Vatikan seine Türen zu den Inquisitionsarchiven. Nach dem Schuldbekenntnis Johannes Pauls II. zu den „Methoden der Intoleranz“ innerhalb der katholischen Kirche im Jahr 2000 ist heute auch das letzte Dokumentenbündel für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aller Konfessionen offen. Inzwischen gibt es sogar einen modernen Besucherraum mit zwölf Plätzen samt Stromanschlüssen für die Laptops.

Trotzdem ist der Münsteraner Kirchenhistoriker seinen Kollegen dank der Sondergenehmigung Kardinal Ratzingers weit voraus. 2005 konnte er Papst Benedikt XVI. mit Vertretern der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), des Schöningh-Verlags und seiner Forschergruppe bei einer Privataudienz die ersten sechs Bände der Grundlagenforschung zur Römischen Buchzensur durch Inquisition und Indexkongregation übergeben. Interessiert habe der als Kardinal einstmals so erzürnte Papst in den dicken Büchern geblättert und sich mit allen in der Gruppe unterhalten, erinnert sich Wolf. „Es war ein Gespräch unter Wissenschaftlern, die von der Liebe zur Wahrheit beseelt sind.

Die öffentliche Zensur von Büchern durch die katholische Kirche ist inzwischen Geschichte. „Heute äußert man im Vatikan nur noch Privatmeinungen“, sagt Wolf und schmunzelt: „Zum Beispiel, dass einem die Thriller von Dan Brown nicht besonders gut gefallen.“

Hubert Wolf mit einem ‚Dectretum’ – einem an den Häuserwänden Roms angeschlagenen Verbotsplakat; © Gruppe 5Ziel von Hubert Wolf und seiner Forschergruppe ist die systematische Erforschung der gesamten römischen Buchzensur von 1542 bis 1966 – mitsamt ihrer Akten, Gutachten und Mitarbeiter. Gefördert wird das auf zwölf Jahre angelegte Projekt mit Geldern der DFG, die Wolf 2002 zudem den mit 1,55 Millionen Euro dotierten Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis – und damit den renommiertesten deutschen Wissenschaftspreis – verlieh. Ein Jahr später folgte der Communicator-Preis für die allgemeinverständliche Vermittlung seiner Forschungsergebnisse. 2006 erhielt Wolf den Gutenberg-Preis der Stadt Mainz.

Hubert Wolf: Papst und Teufel: Die Archive des Vatikan und das Dritte Reich. C.H. Beck Verlag, München 2008, 360 Seiten, ISBN: 3406577423, 24,90 Euro.

Hubert Wolf: Index: Der Vatikan und die verbotenen Bücher. C.H. Beck Verlag, München 2007, 303 Seiten, ISBN: 3406547788, 12,95 Euro.

Thomas Köster
ist einer der beiden Leiter des Südpol-Redaktionsbüros Köster & Vierecke. Zudem arbeitet er als Kultur- und Wissenschaftsjournalist (Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, NZZ am Sonntag, Westdeutscher Rundfunk) und Lexikonberater in Köln.

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Juli 2009

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