Ein philosophischer Kosmopolit - Porträt des Deutschen Alexander García Düttmann![]() |
Alexander García Düttmann |
Sie sind, das darf man sagen, nicht eben einfach zu lesen, die Werke des Philosophen Alexander García Düttmann, geboren 1961 in Barcelona. Es haftet den Texten etwas Störrisches an, man muss eine Weile mit ihnen ringen, doch ist dies keine rhetorische Geste, sondern durchaus sinnfällig: Schon früh beschreibt Düttmann eine jeder Sprache innewohnende Sinndifferenz, die für ihn, den professionellen Übersetzer Derridas aus dem Französischen ins Deutsche, eine Dialektik von Übersetzbarkeit und Unübersetzbarkeit ermöglicht. Die Auseinandersetzung mit Walter Benjamin wird hier erkenntlich, aber auch Düttmanns wesentlich intensivere Beschäftigung mit Theodor W. Adorno. Argumentieren führe letztlich in Aporien, nicht aus ihnen heraus, schreibt Düttmann in seinem philosophischen Kommentar zu Adornos Minima Moralia, womit er Adornos Aphorismensammlung verteidigen mag, womit er aber auch und vor allem sein eigenes Denken und dessen sprachliche Vermittlung charakterisiert. Das mitunter Störrische des Textes ist der Einsicht zu verdanken, dass sich das Denken selbst in einer steten Spannung zum Argumentieren befindet, dass es stets selbst Vollzug ist. Und um diesen Vollzug kenntlich zu machen, bedarf es bisweilen auch der Übertreibung als "erschließender Grenzüberschreitung", womit sich García Düttmann klar zu Adorno bekennt.
Denken und Reden über einen Virus
In García Düttmann verbindet sich das Erbe von Adornos Kritischer Theorie mit dem Dekonstruktivismus Jacques Derridas. Und dies zeitigt sehr handfeste Folgen; Düttmann scheut keineswegs jene heiklen Fragen, denen die akademische Philosophie unter Verweis auf die niedere Politik so gerne ausweicht. Hier ist es vor allem der Begriff der "Identität", der – ganz im Sinne Derridas – "de-konstruiert" werden muss, so Düttmann, um in problematischen Entwicklungen unserer Gesellschaft überhaupt noch anwendbar und hilfreich zu sein. García Düttmann untersucht die Möglichkeiten einer homosexuellen Identität, er konstatiert, dass die "Anerkennung" des Andersartigen noch ausstehe, und beleuchtet die Art und Weise, wie unsere Gesellschaft mit AIDS umgeht. Er bescheinigt uns, "uneins" zu sein mit den Erfordernissen im Umgang mit der Krankheit und den von ihr direkt Betroffenen. Düttmann sieht hier gar eine "historische Zäsur" und bemängelt ein kollektives Versagen vor der Herausforderung.
Das Ende nach dem Ende
Und der Kunst hat er sich angenommen, besser gesagt: ihres Endes, ihres neuerlichen Endes, wie nicht wenige überraschend vernommen haben dürften, als García Düttmann im Jahr 2000 den Titel Kunstende als Kampfansage gegen museales Wohlbefinden in die Runde warf. Seit Hegel, dem ersten und bis heute berühmtesten Endzeitredner der Kunst, wurde das viel zitierte "Ende der Kunst" unzählige Male prophezeit, ersehnt und gefürchtet. Doch war, in der Nachfolge Heideggers, Arthur Danto wohl der Letzte, der die Frage nach dem Ende der Kunst ernsthaft stellte, gibt es sie doch immer noch, auch noch zweihundert Jahre nach Hegel, und ist sie doch präsenter als je zuvor. Düttmann nimmt die Frage trotzdem wieder auf, er will sie jedoch in gezielter Abgrenzung von Hegel neu und anders stellen. Die Existenz der Kunst, so Düttmann, gründe wie nichts anderes so im Grundlosen, dass sich mit jedem einzelnen Kunstwerk die Frage nach dem Ende der Kunst immer wieder neu stelle. Und zwar entweder als mögliche Vollendung von Kunst – im Sinne eines erfolgreichen Abschlusses – oder eben als ihr möglicher Niedergang, im Sinne eines definitiven Scheiterns.Verwisch die Spuren
Da mit jedem Kunstwerk so viel auf dem Spiel steht, verwundert es nicht, dass sich Düttmann der Sache sehr eingehend widmet. In seinem jüngsten kunsttheoretischen Werk, den Analysen Verwisch die Spuren, beklagt er die heutige Fetischisierung von Kunst und ihre Verdinglichung zur Kultur, mithin also eine qualitative Ausdünnung zugunsten einer enormen quantitativen Präsenz. Leidenschaftlich nimmt sich Düttmann dieses Themas an, er sieht die Kunst zum Waisenkind verkommen und sucht nach Möglichkeiten gegenzusteuern und ihrem fortwährenden Ende ein Ende zu bereiten.In seiner Sorge um die Kunst belässt er es nicht bei der reinen Theorie. Mit einem Libretto beteiligte er sich 2004 an der Oper Liebeslied / My Suicides des Komponisten Paul Clark, in jüngster Zeit beschäftigte er sich mit der italienische Film- und Theater-Legende Luchino Visconti.
| Bibliographie (Auswahl)
Das Gedächtnis des Denkens: Versuch über Heidegger und Adorno, Frankfurt/M: Suhrkamp, 1991 Uneins mit AIDS: Wie über einen Virus nachgedacht und geredet wird, Frankfurt/M: Fischer, 1993 Zwischen den Kulturen: Spannungen im Kampf um Anerkennung, Frankfurt/M: Suhrkamp, 1997 Freunde und Feinde. Das Absolute, Wien: Turia & Kant, 1999 [Übersetzung ins Kroatische: Petar Milat, Zagreb: Multimedijalni institut, 2003] Kunstende: Drei ästhetische Studien, Frankfurt/M: Suhrkamp, 2000 Philosophie der Übertreibung, Frankfurt/M: Suhrkamp, 2004 So ist es: Ein philosophischer Kommentar zu Adornos Minima Moralia, Frankfurt/M: Suhrkamp, 2004 Verwisch die Spuren, Zürich – Berlin: diaphanes, 2005 Visconti: Einsichten in Fleisch und Blut, Berlin: Kadmos (im Druck) [Übersetzung ins Kroatische: Dalibor Davidović, Zagreb: BLOK, 2006] |
Nach seinem Studium der Philosophie arbeitet er als freiberuflicher Publizist mit den Schwerpunkten Philosophie, Literatur, Geschichte
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Juni 2006










