Gesine Schwan:
Ohne Vertrauen verkümmert die Demokratie

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Gesine Schwan |
Sie konnte bei dieser Wahl nur „gewinnen“, gerade weil klar war, dass sie keine Chance gegen den Kandidaten der CDU/CSU und der FDP, Horst Köhler, hatte. In dieser Zeit prägte sie in der Öffentlichkeit das Bild von einer unbekümmerten, herzlichen und gescheiten Frau, einer Politikerin, die einfach anders ist, menschlich. Sie bekam 589 von 1204 möglichen Stimmen, 40 mehr als von SPD und Grüne zu erwarten waren.
Professor Dr. Gesine Schwan (geboren 1943) hat 1970 zur politischen Philosophie der Freiheit nach Marx promoviert. Sie war Assistenz-Professorin an der FU Berlin, hat sich 1975 habilitiert, in Washington, Cambridge, Warschau und New York gelehrt. Marxismus und Sozialismus, Demokratietheorie und Fragen der politischen Kultur sind ihre Spezialgebiete. Von 1977 bis 1984 war sie Mitglied in der Grundwertekommission beim Parteivorstand der SPD. Sie verließ das Gremium, weil sie nicht damit einverstanden war, dass ihre Partei den Diktaturen im Ostblock so weit entgegenkam. Seit Oktober 1999 ist sie Präsidentin der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder.
Linke Bürgerlichkeit
Gesine Schwan besuchte neun Jahre lang das elitäre Französische Gymnasium. Zu Hause durfte nicht berlinert werden, man war – Vater Oberschulrat - großbürgerlich. In der Nazizeit gehörte er zum Widerstandskreis. Sie ist katholisch, und bis heute hält sie daran fest, dass ein religiöser Glaube zum unverzichtbaren Rüstzeug des Menschen gehört. Mit ihren Kommilitonen an der Freien Universität Berlin teilte sie in den 1960er Jahren den Protest gegen den „Muff unter den Talaren“ und gegen das Spießertum. Protest gegen Ungerechtigkeit gehört zu ihrem Leben. Aber eine Feministin sei sie nie gewesen, sagt sie. „Es tut mit leid, aber ich wurde nie benachteiligt, weil ich eine Frau bin.“Als sie im Mai 2004 gegen Horst Köhler kandidierte, wurde sichtbar, dass hier eine „linke“ gegen eine eher konservative, rechte Art von Bürgerlichkeit stand. Gesine Schwan lebt im feinen Berlin-Nikolassee, umgeben von Büchern, das Piano deutet auf Hausmusik. Ihre Welt ist nicht getrimmt auf Globalisierung, das immer schnellere Sich-Anpassen-Müssen. Sie hat wiederholt für eine andere Haltung plädiert: „Man muss nicht mit 40 alles schon geschafft haben. Und man gehört nicht mit 60 aufs Altenteil. Die Alterspyramide, die wir im Kopf haben, darf nicht zu einer Bedrohung werden.“
Demokratie verstehen
In ihren Büchern und Vorträgen kommen immer wieder Begriffe wie „Vertrauen“, „Offenheit“, „Wahrheit“ und „Glauben“ vor. Sie ist überzeugt, dass „autoritäre Persönlichkeiten, die ihr Urteilsvermögen ungefragten Autoritäten unterordnen, weder Selbst- noch Fremdvertrauen und infolgedessen keine Zukunftszuversicht haben.“ Weder sie noch Menschen, die „ungeniert ihre partikularen Interessen verfechten, ihre Macht ausnutzen und sich um Fairness nicht scheren“ könnten eine Demokratie aufbauen oder bewahren. „Vertrauen ist die kulturelle Nahrung, ohne die eine Demokratie verkümmert“. Das ist so ein Kernsatz von ihr.Sie geht aber noch weiter und stellt die „Kolonialisierung aller Lebensbereiche durch das Prinzip des ökonomischen Wettbewerbs“ in Frage. Die Verabsolutierung von Markt und Wettbewerb, die „Unterordnung aller Bereiche unter die Logik des ökonomischen Marktes“ negiere die Möglichkeit „freiheitlichen politischen Austauschs ebenso wie die Unterordnung unter eine obrigkeitsstaatliche Bürokratie.“ Wenn es keine Alternative mehr gebe, gebe es auch nichts mehr zu diskutieren. „Dann hört Politik auf.“
Die polnische Seele
Gesine Schwan ist in Polen genauso zu Hause wie in Deutschland. Sie spricht polnisch, sie hat von Anfang an die Gründung „ihrer“ Europa-Universität an der deutsch-polnischen Grenze unterstützt, sie hat Preise für die Völkerverständigung bekommen – und das von beiden Seiten. Heute besuchen 5000 Studenten die Viadrina, davon 1500 aus Polen.Im November 2004 hat die Bundesregierung ihr das Amt einer Koordinatorin für die deutsch-polnischen Beziehungen angetragen. Eine bessere Besetzung könnte es nicht geben. Sie weiß, dass die Beziehungen zu dem Nachbarland Zeit brauchen – 20 bis 30 Jahre werde es noch dauern, bis man so entspannt miteinander umgehen könne wie mit Frankreich. Der an der Viadrina lehrende Direktor des Collegium Polonicums, Krzysztof Wojchiechowski, hat sie in seinem Buch Meine lieben Deutschen so beschreiben: „Sie ist eine schöne Frau und auf überaus undeutsche Weise spontan. Zur Begrüßung küsst sie alle. Und wenn sie sich verabschiedet wieder.“
Der Traum vom erfüllten Leben
„Wenn alles zu regelmäßig läuft, bin ich die Erste, die dem Wunsch hat, die Dinge in Bewegung zu bringen“, bekennt sie in einem Selbstporträt. Gefragt nach ihrem Traum, schildert sie ihr Bild von einem erfüllten Leben: Schwimmen im See, Gläser voll Rotein auf dem Tisch, man sitzt im Garten, die Kinder sind zu Besuch. Aber gleich geht ihr Traum auch ins Politische über: „Mich erfüllt es mit echtem Glücksgefühl, wenn sich Menschen treffen, die etwas wirklich um der Sache willen tun – oder für andere. Das Leben wird viel interessanten, wenn man sich mit anderen befasst!“ Und natürlich darf auch im Traum ihre Viadrina nicht fehlen. Hier könne sie für eine vielleicht noch ferne Utopie arbeiten: für Europa.
Bücher von Gesine Schwan (Auswahl)
Leszek Kolakowski. Eine politische Philosophie der Freiheit nach Marx (Diss. 1970)
Politik und Schuld. Die zerstörerische Macht des Schweigens. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt/M 1997
Antikommunismus und Antiamerikanismus in Deutschland. Kontinuität und Wandel nach 1945. Nomos-Verlag, Baden-Baden 1999
Demokratische politische Identität. Deutschland, Polen, Frankreich im Vergleich. Gesine Schwan (Hrsg.) Verlag für Sozialwissenschaften, Januar 2006
Vertrauen und Politik : politische Theorie im Zeitalter der Globalisierung, Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus, Stuttgart 2006
ist freier Journalist in Bonn und Berlin und leitet in Berlin eine Agentur für Text und Gestaltung
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September 2006




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