Singer, Wolf

Wolf Singer: „Den Code des Hirns entschlüsseln“

Wolf Singer; Copyright: Max-Planck-Institut für Hirnforschung Wolf Singer gilt als einer der bedeutendsten Neurowissenschaftler der Welt. Als Direktor am Frankfurter Max-Planck-Institut für Hirnforschung (MPIH) arbeitet er am so genannten Bindungsproblem. Es geht um die Frage, wie unser dezentral organisiertes Gehirn aus all den parallel ablaufenden Wahrnehmungsprozessen in Sekundenbruchteilen ein schlüssiges Gesamtbild der Wirklichkeit konstruiert – und mir damit das Gefühl verleiht, dass ich als Ich überhaupt existiere.

Wolf Singer ist nicht freiwillig Hirnforscher geworden. Zumindest könnte man das sagen, wenn man seinen Thesen folgt. Denn der 65-jährige Wissenschaftler kann an einen freien Willen im klassischen Sinn nicht glauben. „Es muss davon ausgegangen werden, dass jemand tat, was er tat, weil sein Gehirn just in diesem Augenblick zu keiner anderen Entscheidung kommen konnte“, sagt Singer. „Die Annahme, wir hätten uns in diesem Augenblick auch anders entscheiden können, ist aus neurobiologischer Perspektive nicht haltbar.“

Freiheit ohne Möglichkeiten?

Neuronale Vernetzung; Copyright: Max-Planck-Institut für Hirnforschung Für solche Sätze hat Singer viel Kritik bezogen. Philosophen witterten Verrat am Freiheitsbegriff der Aufklärung. Juristen sahen den Rechtsstaat, dessen Strafsystem maßgeblich auf der Idee einer Verantwortung des Täters beruht, bedroht. Singer selbst kann die Aufregung nicht verstehen. „Ich habe ja nur gesagt, dass unsere Fähigkeiten und Leistungen auf neuronalen Prozessen beruhen, die bewusst oder unbewusst ablaufen“, resümiert der Forscher. „Das kann doch heute niemand mehr ernsthaft bezweifeln.“

Für Singer bleibt jeder Urheber seines Tuns und kann dafür zur Rechenschaft gezogen werden. „Nur gibt es eben keinen Geist, der über den Neuronen schwebt“ und Entscheidungen im letzten Augenblick noch revidieren kann. Unser Wollen ist ein „Optionenraum“, der je nach äußeren oder inneren Zwängen wie Gesetzen oder psychischen Störungen, privaten Erinnerungen oder kulturellen Prägungen enger oder weiter sein kann. „Ein kaltblütiger Mörder hat eben das Pech, eine niedrige Tötungsschwelle zu haben“, sagt Singer. Gerade deshalb aber müsse sich die Gesellschaft vor ihm schützen. Der Ausweg ist nicht kriminelle Anarchie, sondern ein anderer, sozial definierter Rechtsbegriff.

Geist ist Materie

PET-Aufnahmen des Gehirns; Copyright: Max-Planck-Institut für Hirnforschung Die Entscheidung zur eigenen Profession verdankt Singer unter anderem der neuronalen Prägung aus dem Elternhaus – und einem glücklichen Zufall. Als Sohn eines Arztes wollte er in München Medizin studieren. Dann besuchte er ein Seminar, dass sich mit den neurophysiologischen Grundlagen der Schizophrenie beschäftigte. Der Versuch, geistige Phänomene durch naturwissenschaftlich erforschbare Prozesse zu erklären, habe seine Berufswahl stark beeinflusst, sagt Singer. 1975 wurde er an der TU München im Fach Physiologie habilitiert.

Seit 1981 ist Singer Direktor am Max-Plank-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main. Inzwischen gilt er als einer der bedeutendsten Experten seines Fachs. In der Hälfte der rund 50 neurowissenschaftlichen Fachzeitschriften sitzt er im Herausgebergremium, als Mitglied der päpstlichen Wissenschaftsakademie berät er hin und wieder auch den Vatikan. Momentan entsteht in Frankfurt für Singer ein Institut mit 200 Millionen Euro Gründungskapital zweier Pharmaunternehmer, das die wissenschaftliche Kompetenz des MPIH mit der Freiheit privater Finanzierung koppeln soll.

In seiner Arbeit will Singer vor allem das „Bindungsproblem“ lösen: Es geht um eine Antwort auf die Frage, wie die hundert Milliarden Nervenzellen mit ihren bis zu 100.000.000.000.000 Verbindungen aus den verschiedensten Sinnesreizen in unserem Kopf in Sekundenbruchteilen ein schlüssiges Gesamtbild der Wirklichkeit konstruieren. Für Singer nämlich ist das Gehirn ein hoch komplexes System, in dem sich von objektiver Warte aus kein ordnendes Zentrum ausmachen lässt. Von einem „Denkorchester ohne Dirigenten“ spricht Singer gern, wenn er dies Laien erklären soll. „Unsere Wahrnehmungen sind das Ergebnis sehr verteilter, parallel ablaufender Teilprozesse, die auf wundersame Weise miteinander verbunden werden“, sagt Singer. Er will enträtseln, wie das Wunder funktioniert.

Wetterwendisch denken

Nervenzellen im Hippocampus; Copyright: Max-Planck-Institut für HirnforschungWoran denkt ein Hirnforscher, wenn er nicht ans Hirn denkt? „Das richtet sich ganz nach dem Wetter“, sagt Wolf Singer und lacht. „Wenn’s schneit, will ich gleich in den Schnee“. Begeisterter Skifahrer ist er, weil er als Knabe im Winter auf Skiern vom bayerischen Dorf in die Schule musste. Gerade diese Kindheitserlebnisse sind es, die für Singer das ganze Leben lenken können. Deshalb misst er der Erziehung eine nicht zu überschätzende Bedeutung zu. „Die Ausbildung von Hirnfunktionen wird ganz wesentlich von Erfahrungen und Lernen mitbestimmt“, sagt Singer. „Lehrer und Erzieher verantworten nicht nur die Weitergabe kultureller Inhalte, sondern prägen Verhalten für ein Leben.“

Für die Rolle der Eltern im neuronalen Prägungsprozess ist die Familie Singer beispielhaft. Eine der Zwillingstöchter ist als Professorin für experimentelles Radio in die Fußstapfen der Mutter, einer Rundfunkredakteurin, getreten. Die andere ist Hirnforscherin in Zürich geworden. Dabei wollte sie zunächst als Psychologin „weit weg vom Papa“, wie Singer betont. Irgendwann sei sie dann in die Neurowissenschaften ebenso „hineingeschliddert“ wie er selbst. Tania Singers Spezialgebiet ist das „Social Brain“: die Erforschung jener Hirnfunktionen, die nur durch den Dialog mit anderen Hirnen entstehen und sich in einem isolierten Hirn nie entwickeln würden. Damit beginnt die Tochter dort, wo die Forschung des Vaters endet.

Die Seele des Zehn-Euro-Scheins

Neben der Lösung des Bindungsproblems liegt für Singer im „Social Brain“ die große Herausforderung seiner Zunft. „Ein Zehn-Euro-Schein hat ja keinen Wert an sich“, sagt der Neurowissenschaftler. „Der Wert ist eine Verabredung, die darüber schwebt“. Was aber bringt den Homo sapiens dazu, sich Wertsysteme und Regelwerke – und damit Kultur und Gesellschaft – zu erfinden? Wie entstehen Gefühle wie Glück und Empathie, die sich per Voltmesser nicht messen lassen? Und warum materialisiert sich das Unfassbarste in einem Wort wie Gott, das zwischen den Hirnen so wirkmächtig wird, dass daraus etwas Materielles wie der Kölner Dom entsteht?

„Leib-Seele-Problem“ nennt Singer diese Punkte, die auf subjektive und soziale Fragestellungen seiner Arbeit zielen – und vielleicht nicht allein durch seine Disziplin geklärt werden können. „Alles hängt ja miteinander zusammen“, ist seine Ansicht. „Und wir müssen schauen, diese Brücken zwischen allem hinzukriegen.“

Ob dabei sein Verzicht auf einen freien Willen letztlich der richtige Ansatz ist, lässt der kluge Forscher ganz bewusst ein wenig offen.

Buchempfehlungen:

Wolf Singer: Der Beobachter im Gehirn. Essays zur Hirnforschung. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2002. 238 S., € 11,00; ISBN: 3518291718

Wolf Singer: Ein neues Menschenbild? Gespräche über Hirnforschung. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2003. 139 S., € 9,00; ISBN: 3518291963

Wolf Singer und Matthieu Ricard: Hirnforschung und Meditation. Ein Dialog. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2008. 134 S., € 10,00; ISBN: 3518260049
Thomas Köster
ist einer der beiden Leiter des Südpol Redaktionsbüros Köster & Vierecke. Zudem arbeitet er als Kultur- und Wissenschaftsjournalist (Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, NZZ am Sonntag, Westdeutscher Rundfunk) und Lexikonberater in Köln.

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September 2008
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