Zeitz Arndt, Brandt Fabian, Berg Christian

Zwischen Orangenblüten und Blauhelmen -
Chancen und Widersprüche im Grenzbereich Europas

Copyright: Arndt ZeitzCopyright: Arndt ZeitzZypern, Anfang Februar 2007 – es ist 1:50 Uhr in der Nacht. Der Flug LH 3368 ist soeben in Larnaca gelandet – und mit ihm wir – Arndt Zeitz, Christian Berg und Fabian Brandt, drei Mitglieder des Think Tank 30 Deutschland, dem jungen Think Tank des Club of Rome.

Übernächtigt vom späten Flug gehen wir durch die Passkontrolle. Während wir im Neonlicht der Gepäckhalle auf unsere Taschen warten, besprechen wir letzte Details unseres Beitrags zum Nachhaltigkeits-Symposium „Sustainability, Markets and Me – Innovations for the future“, den wir an der University of Cyprus präsentieren und mit Studenten und Unternehmern diskutieren wollen.

Während der Fahrt zum Hotel beantwortet uns der Taxifahrer in gutem Englisch alle Fragen, die wir ihm als Zypern-Neulinge stellen: Zypern hat rund 700.000 Einwohner - also etwas mehr als Frankfurt am Main - und eine Fläche von ca. 1000 km2 - also weniger als die Hälfte des Saarlandes - die Flamingos sind oft zu Gast hier, und das Referendum im Jahr 2004 zum UN-Plan der Insel-Vereinigung abzulehnen, ja dafür hätten die griechischen Zyprioten gute Gründe gehabt, meint er.

Copyright: Arndt ZeitzMit einem Frühstück gestärkt machen wir uns gleich am nächsten Morgen auf den Weg, das unmittelbare Umfeld des Hotels zu erkunden. Keine 300 Meter sind wir gegangen und entdecken einen UN-Blauhelm-Posten, Schießscharten, Stacheldraht und Orangenbäume.

Copyright: Arndt ZeitzEin merkwürdiges Gefühl macht sich breit – ein Hauch von innerdeutscher Grenze liegt in der Luft: bedrohlich und irgendwie auch friedlich, kulissenhaft und gleichzeitig real. Als Deutsche im Alter zwischen 35 und 40 Jahren sind wir mit einer Mega-Grenze im eigenen Land groß geworden. Wir haben miterlebt, wie die politische Teilung überwunden wurde.
Dennoch: Ein Gang durch die UN-Pufferzone lässt in uns große Ratlosigkeit aufkommen, welche Schritte hier in Zypern notwendig wären, um die Teilung der Insel zu überwinden.

Schnell ist uns klar: Es handelt sich hier um einen besonderen Grenzbereich Europas. Während die innerdeutsche Grenze Sinnbild für den Kalten Krieg war, steht diese Grenze in unseren Augen für die Teilung Europas. Denn der Süden, also die Republik Zypern, ist seit dem 1. Mai 2004 EU-Mitglied; da jedoch die Zypern-griechische Republik Zypern de jure die gesamte Insel repräsentiert, erkennt die EU die Grenze auf Zypern, die so genannte `Grüne Linie´, nicht als EU-Außengrenze an. De jure ist nämlich streng genommen auch der Norden bereits beigetreten. Da die Insel aber faktisch geteilt ist, ist die Anwendung der EU-Regelungen im Norden bisher ausgesetzt.

Copyright: Arndt ZeitzMit anderen Worten: “Ein Desaster für die europäische Diplomatie“, wie die ZEIT bereits in der Ausgabe vom 29. April 2004 anmerkte. Im Jahr der deutschen Rats-Präsidentschaft der EU für uns also ein ganz besonderer Ort mit vielen Facetten. Insbesondere bemerken wir während unseres Zypern-Aufenthaltes den feinen Unterschied, als wir mit den Menschen im Süden über die Teilung sprechen – für sie ist es ein Land, dessen Nordteil noch immer zu Unrecht militärisch von der Türkei besetzt ist.

Copyright: Arndt ZeitzDas Symposium beginnt. Der Deutsche Botschafter in Nicosia, Herr Dr. Rolf Kaiser macht im Zuge der Eröffnungsansprache deutlich, welchen Stellenwert das Konzept der Nachhaltigkeit für Deutschland und die deutsche EU-Ratspräsidentschaft einnimmt. Unser Beitrag, den die Organisatoren als Titel für die gesamte Veranstaltung übernommen hatten, spannt den Bogen von der gemeinsamen gesellschaftlichen Verantwortung für nachhaltige Entwicklungen über Chancen neuartiger Informationstechnologien hin zu konkreten Aktionen, mit denen jeder Einzelne von uns gleich Morgen beginnen kann. Mit mehr als siebzig Teilnehmern diskutieren wir intensiv Perspektiven, Methoden und Aktionen für eine nachhaltige Entwicklung auf Zypern, in Europa und in der Welt.

Im Anschluss an die Präsentationen gratuliert uns der zypriotische Handelsminister mit Handschlag für den gelungenen Input. Mag sein, dass er es gelernt hat, als Politikprofi Authentizität auszustrahlen – uns kommt es so vor, als hätte er das eine oder andere dazugelernt und bedanke sich aufrichtig bei uns dafür. 

Copyright: Arndt ZeitzWir lernen viele junge Menschen mit innovativen Geschäftsideen kennen, erleben eine Universität Zypern mit ungeheurem Ausbau-Potential und sind erstaunt über die vielfältigen Sektoren übergreifende Dialoge, die wir an diesem Abend führen. Selbst aus dem türkischen Nordteil der Insel sind Zuhörer gekommen. Wir spüren eine frische, starke Aufbruchstimmung auf Zypern. Die Insel erscheint uns als Innovations-Brutkasten – ein Eindruck, der im krassen Gegensatz zu den Straßenbildern Nicosias steht.

Copyright: Arndt ZeitzUns wird klar: das Goethe-Zentrum, welches Initiator und Veranstalter des Symposiums ist, spielt auf dieser Insel eine wichtige Rolle in vorderster Front der EU.
Unser Eindruck ist: Dank des großen und zähen persönlichen Einsatzes der Leiterin der Programmabteilung des Goethe-Zentrums, Frau Wörmann-Stylianou, werden nicht nur deutsche Identität und Kultur im besten und modernsten Sinne über die offizielle Diplomatie hinaus auf Zypern vertreten, sondern wird auch die inner-zypriotische Verständigung zwischen Nord und Süd durch „neutrale“ kulturelle Angebote gefördert. Nicht zufällig befindet sich das Gebäude des Goethe-Zentrums in der UN-Pufferzone, in unmittelbarer Nachbarschaft des UN-Hauptquartiers der Insel.

Zypern führt die Ergebnisse des Dialogs der Kulturen direkt vor Augen: Geographisch in Asien liegend, bildet es kulturell die Schnittstelle zwischen Asien, Europa und Afrika; zur Westküste Syriens sind es kaum 95 km, die besondere Grenze verläuft mit Stacheldraht markiert quer durch die Insel. Das Potential für eine friedliche Zukunft haben wir deutlich gespürt, als wir mit den Menschen auf Zypern gesprochen haben – selbst, wenn es für die tagesaktuellen Themen keine einfachen Antworten gibt.

Copyright: Arndt ZeitzWir sind selbst überrascht, wie schnell unsere Zeit auf Zypern verflogen ist: Zurück in Larnaca - unser Flug nach Frankfurt wird aufgerufen. Wir gehen durch die Passkontrolle. Unser Reispass enthält keinen Stempel, der auf einen Besuch des Nordteils der Insel hinweist. Wir dürfen über den Südteil der Insel nach Deutschland, also innerhalb der EU ausreisen.

Der Flug LH 3369 startet pünktlich. Wir sind an Bord und haben das gute Gefühl, im Austausch einige neue Ideen dort gelassen zu haben. Kurz darauf landen wir mit vielen Eindrücken, guten Hoffnungen und neuen Fragen in Frankfurt - Danke Zypern!

Dr. Arndt Zeitz, Fabian Brandt, Dr. Christian Berg
Mitglieder des Think Tank 30 Deutschland, dem jungen Think Tank des Club of Rome

    Deutschland denkt

    Deutschland denkt
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