Feldmann-Wojtachnia, Eva

Die Europäische Nachbarschaftspolitik muss auf Jugend setzen
Erfahrungen aus dem deutsch-ägyptischen Dialog

Copyright: Eva Feldmann-WojtachniaCopyright: Eva Feldmann-WojtachniaAuf Initiative des Goethe-Instituts in Kairo trafen sich Mitte September 2006 in der Abgeschiedenheit der Oase Bahariyya deutsche und ägyptische Intellektuelle zu Gesprächen über „Die Islamische Identität und die Moderne“. Das Thema mag offen klingen, es hätte jedoch in der heutigen Zeit kaum schwieriger sein können.

Asymmetrien anerkennen
Auch wenn Individuen und nicht offizielle Delegationen zusammen trafen, so waren die vier ägyptischen Teilnehmer – alle überzeugte Muslime – vorrangig darum bemüht, den deutschen Gästen das Wesen des wahren Islams näher zu bringen. Erst auf dieser Basis könne über konkrete gesellschaftliche Probleme und aktuelle politische Fragen diskutiert werden.
Für die deutschen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen war dies verwirrend, sind sie doch viel zu sehr davon geprägt, einen möglichst differenzierten Zugang zu suchen, um Ansatzpunkte zur Verständigung – oder auch zu einer offenen Auseinandersetzung – herauszuhören.
Es wurde schnell klar, dass es falsch wäre von Missverständnissen zwischen den Kulturen zu sprechen, denn diese ließen sich über Sachinformationen klären. Offenbar handelt es sich vielmehr um weitreichende Asymmetrien zwischen den gesellschaftlichen, religiösen, politischen und kulturellen Grundverständnissen der Gesprächspartner. Dialog entsteht demnach nicht von selbst! Interreligiöser und interkultureller Austausch sind jedoch für den Dialog nach wie vor unersetzlich. Nach einer Erfahrung wie in Bahariyya erscheinen sie jedoch nicht mehr per se der Situation gerecht zu werden. Hier ist zusätzlich eine kluge Politik - fern ab von diplomatischem Protokoll, offiziellen Verwaltungsstrukturen oder routinierten „Funktionären“ der Zivilgesellschaft - gefragt, die dennoch ausreichend öffentliche Relevanz haben muss. Als umso wichtiger ist deshalb ein solches Projekt wie die Oasengespräche zu erachten, denn rein zufällig wären die Gesprächspartner in dieser Form, die eine derart authentische und intensive Begegnung ermöglichte, nie zusammengetroffen.

Dialog: Strukturen und Kompetenzen fördern
Als Synopse der Oasengespräche und der Abschlussdiskussion lässt sich die Erkenntnis gewinnen, dass offene Austauschforen wie das Bahariyya-Projekt als Begegnungsstruktur wichtig sind. Diese Struktur ist die Grundvoraussetzung für den Beginn eines nachhaltigen Dialogs. Hier hat sich der Veranstalter und „Übersetzer“ Goethe-Institut als ideal erwiesen, da es einerseits als Kultureinrichtung weit genug entfernt von den „harten“ Politiklinien steht, andererseits jedoch über die Möglichkeit verfügt, auf Gesellschaft, Politik und Medien öffentlichkeitswirksam zurück zu wirken.
Nicht nur eine entsprechende Struktur, sondern auch vergleichbare Kompetenzen sind Grundbedingung für einen fruchtbaren Dialog im Schnittpunkt von islamischer und westlich-europäischer Identität. Westliche Akteure müssen hierzu lernen, Muslime nicht automatisch und unterschwellig im Restverdacht des potentiellen, imaginären und asymmetrischen Gegners wahrzunehmen. Die deutschen Teilnehmer in Bahariyya waren zwar davon überzeugt, dass eine solche Sichtweise nicht zutreffend ist, konnten jedoch trotz kompetenter Dolmetscher nicht die richtige Sprache finden, um dies ihren islamischen Gesprächspartnern glaubwürdig zu vermitteln.
Als zentrales Thema eines nachbarschaftlichen Austauschs wäre daher denkbar, gemeinsam über die Sicherheits- und Wertbezüge der Identität zu sprechen – vermutlich gäbe es eine ganze Reihe von unerwarteten Übereinstimmungen.

Copyright: Eva Feldmann-WojtachniaFazit: Junge Akteure, Medien und konkrete Projekte
Besonders wichtig ist es, speziell die junge Generation in Ägypten in diese Dialoge einzubeziehen. Dies hat die öffentliche Abschlussveranstaltung der Oasengespräche im Goethe-Institut in Kairo gezeigt: Es waren vorwiegend junge Menschen im Publikum, die äußerst lebhaft kritische Fragen gestellt und Zweifel an der offiziellen ägyptischen Politik geäußert haben. Sie waren ernsthaft darum bemüht, die Initiative des Goethe-Instituts konstruktiv zu unterstützen und sich aktiv als junge Muslime in die Diskussion einzumischen. Ihnen gelang es mit größerer Leichtigkeit die Asymmetrien zwischen den deutschen und ägyptischen Experten zu überwinden.
In der Diskussion zeichnete sich ab, wo künftig weitere Initiativen ansetzen könnten. Vielversprechend wäre es beispielsweise, speziell Nachwuchsjournalisten und junge Dolmetscher in beiden Ländern anzusprechen und sie in den Austausch intensiv einzubeziehen.
Nach der Erfahrung in Bahariyya ließe sich der Weg in die Zukunft am besten mit der Strategie „Medienengagement, konkrete gemeinsame Projekte und junge, möglichst unterschiedlichste Akteure“ beschreiben. Dabei wäre es sicherlich hilfreich, die Erfahrungen aus dem deutsch-ägyptischen Austausch über die bilaterale Ebene hinaus mit anderen europäischen Initiativen zu vernetzen. Die politischen Rahmenbedingungen in der Europäischen Union sind abgesteckt, sie müssen jedoch mit Ideen und kulturellem Leben gefüllt werden. So bleibt zu hoffen, dass beispielsweise das neue EU-Programm „Jugend in Aktion“ ab 2007 in die Fußstapfen des Goethe-Instituts tritt und ähnlich unkonventionell neue Wege der Zusammenarbeit eröffnet und möglichst unbürokratisch junge Menschen darin unterstützt, zu einem besseren Verständnis zwischen Muslimen und der westlichen Welt beizutragen.

von Eva Feldmann-Wojtachnia
Die Autorin war als Dialogpartnerin an den Gesprächen beteiligt und ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungsgruppe „Jugend & Europa“ am CAP mit den Schwerpunkten Demokratie-, Toleranz- und Partizipationsförderung sowie Sicherheits- und Identitätsforschung.

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