Gudehus, Christian

Clash of nearly everything

Copyright: Christian GudehusAll jene, die sich beruflich mit Ägypten beschäftigen, Land und Leute kennen, werden meine Beobachtungen während der im Mai dieses Jahres in Kairo abgehaltenen deutsch-ägyptischen Konferenz „Identität und Globalisierung“ wenig überraschen. Ich allerdings war überrascht.

Bilaterales Treffen
Die Idee des BMBF für die Konferenz bestand darin, im Kontext eines bilateralen Jahres der Wissenschaft, Geistes- und Sozialwissenschaftler der beiden Länder zusammen zu bringen, sie miteinander sprechen zu lassen. Gesprochen wurde viel, ob wir uns verstanden haben, wage ich zu bezweifeln. Es war eher ein Nebeneinander. Ähnlich jenem, das ich während des obligatorischen Ausflugs nach Gizeh beobachten konnte. Im Angesicht der Sphinx führten einige Europäer oder Amerikaner scheinbar rituelle Bewegungen auf, sehr zur Freude übrigens der Fremdenführer.
Copyright: Christian GudehusDass ich selbst auch eine Träne verdrückt habe, belegt einmal mehr, dass auch innerhalb einer Kultur Grenzen des Verstehens existieren. Dass Ägypter und Deutsche aber durchaus über dasselbe Lachen können, dies zeigte sich bei diesem Ausflug ebenfalls.

Unterschiedliche Auffassung von Wissenschaft
Doch zurück zur Konferenz, die - obwohl sie von Seiten des Goethe-Instituts Kairo und der Kairoer Universität hervorragend organisiert worden war - nicht zu einer Annäherung auf wissenschaftlicher Ebene geführt hat. Zentraler Grund dafür war meiner Wahrnehmung nach die fundamental unterschiedliche Auffassung von Wissenschaft, genauer der Rolle von Wissenschaft innerhalb der jeweiligen Gesellschaft. Das wurde besonders deutlich in den Fragen, die uns Deutschen nach den Vorträgen aus dem Publikum gestellt wurden. “Wozu ist das was Sie machen gut?“ oder „Nutzt Ihre Forschung Deutschland?“
Nun bin ich wahrhaft kein Anhänger einer Wissenschaft, die sich jeglichen Nützlichkeitserwägungen entzieht. Kern der deutschen Sozial- und Geisteswissenschaft ist jedoch der immerwährende, nicht selten auch scheiternde und durchaus auch von Zweifeln begleitete Versuch, einen Gegenstand zu verstehen. Diese Form des Verstehens aber, so schien es, ist nicht der Hauptbeweggrund zumindest jener Ägypter, die dort mit uns sprachen.

Selbstverortung als Ziel
Entsprechend unterschieden sich auch die Vorträge. Während wir in eingeübter Weise bemüht waren unsere Forschung vorzustellen, in der Hoffnung, Ansatzpunkte für einen möglichen weiteren Austausch zu bieten, ging es bei den Beiträgen der Ägypter vielmehr um eine Selbstverortung Ägyptens, der ägyptischen Wissenschaft, oder noch allgemeiner um die Frage einer islamischen Wissenschaft. Diese Selbstverortung hatte eine Reihe recht unterschiedlicher Facetten. So zeigte sich in vielen Beiträgen ein offenbar tief sitzender Minderwertigkeitskomplex gegenüber westlicher Forschung aber auch gegenüber westlichem Wohlstand. Zugleich waren viele Beiträge stark politisiert, insbesondere dann, wenn es um die Rolle der USA im Irak und in der „israelischen Okkupation“ Palästinas ging. Einige diesbezügliche Äußerungen aus dem Publikum waren für uns nur schwer erträglich, wurden aber vom Podium, gerade auch von den ägyptischen Kollegen, deutlich zurück gewiesen.

Rolle des Islam
Als zentrales Thema dieser innerägyptischen Diskussion, zu der wir wenig beizutragen wussten, hatten wir doch keinen Islamwissenschaftler in unseren Reihen, stellte sich die Rolle des Islam heraus. Eine Reihe von Diskutanten bezog sich auf den Koran und andere Schriften, in denen, so die oftmals vorgetragene Argumentation, bereits sämtliche Antworten auf die angesprochenen Fragen und Probleme – sei es aus der Erinnerungsforschung, der Stadtsoziologie oder der Migrationsforschung – gegeben worden seien.
Dieser Auffassung wurde zum Teil heftig widersprochen mit Argumenten, die mir nur allzu bekannt vorkamen, auch wenn es schon länger her ist, dass diese Diskussion in Deutschland geführt wurde: ein Teilnehmer sagte, er habe am Morgen zu Hause gebetet, jetzt aber sei er an der Universität und hier ginge es darum zu a r b e i t e n, er wiederholte diesen Begriff immer wieder.

Copyright: Christian GudehusMöglichkeiten der Zusammenarbeit
Auch wenn die hier nur angedeuteten Unterschiede recht groß sein mögen, sehe ich durchaus Möglichkeiten zur Zusammenarbeit mit den ägyptischen Kollegen. Basis dafür sollten allerdings keine Konferenzen sein, auf denen Diskussionskulturen in einer Weise aufeinandertreffen, die eine Annäherungen eher erschweren. Wir sollten vielmehr kleine, überschaubare, am besten gemeinsame empirische Projekte, oder vielleicht so etwas wie summer schools für Studenten oder Graduierte durchführen. Wichtig hierbei wäre es, den Fokus auf praktische Probleme der Forschung zu richten, im Kern also auf methodische Fragen.
Ähnlich wie bei interdisziplinären Projekten von Geistes- und Naturwissenschaften funktioniert die Zusammenarbeit nämlich ganz gut, so lange man darauf verzichtet, gleichzeitig die großen Fragen lösen zu wollen. Die Studierenden, übrigens vor allem die weiblichen, schienen ohnehin vor allem daran interessiert, eine gute Ausbildung zu erhalten.

Christian Gudehus ist wissenschaftlicher Geschäftsführer
des Center for Interdisciplinary Research am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen.

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