Häußermann, Hartmut

Altstädte in Syrien – hat die behutsame Erneuerung eine Chance?

Copyright: Goethe-Institut Damaskus
Copyright: Goethe-Institut Damaskus
Während wir in Europa vor Städten, die auf mehr als 1000 Jahre Geschichte verweisen können, eine gewisse Ehrfurcht empfinden, können historische Spuren in Syrien bis auf 20.000 v. Chr. zurückverfolgt werden. Sie gelten als die ältesten Städte der Welt.

Es droht der Verfall
Dies ist kulturhistorisch bedeutsam, bringt aber für das heutige Stadtleben einige Probleme mit sich – zumal dann, wenn über lange Perioden keine Erneuerung und keine Anpassung an moderne Hygiene- und Wohnstandards vorgenommen wurde, wie es im historischen Kern von vielen orientalischen Städten der Fall ist. Bis 1993 verließen 100 000 Menschen, etwa die Hälfte der Bewohner, die Altstadt von Aleppo. Die Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) begann mit einer beispielhaften „behutsamen Stadterneuerung“ – ein mühsames und kostspieliges Projekt, das allerdings ein Referenzprojekt für viele Altstädte im Orient werden soll. Ziel ist es, bis 2008 jedes zehnte der etwa 10 000 Häuser zu sanieren. Das verlangt hohe staatliche (bzw. internationale) Zuschüsse.

Renaissance der Innenstädte
Sowohl in Aleppo als auch in Damaskus erlebt die Innenstadt nun eine gewisse Renaissance. Aufgrund einer neuen zahlungskräftigen Nachfrage nach innerstädtischen Häusern, die als Gewerberäume für Restaurants, Hotels oder für die Vermietung an Touristen renoviert und modernisiert werden, wäre eine Finanzierung von Erhaltungs- und Modernisierungsinvestitionen durch privates Kapital möglich. Die Mieter haben jedoch durch ihr unkündbares Wohnrecht einen eigentumsähnlichen Besitztitel.
Diesen müssten die Eigentümer den Bewohnern zu 40% des gegenwärtigen Verkehrswertes abkaufen. Sie müssten also ihr Haus gleichsam ein zweites Mal kaufen. Der inzwischen gewachsene Wert würde damit umverteilt, auch die Besitzlosen würden davon profitieren. Die Eigentümer tun deshalb lieber gar nichts und die Häuser verfallen, wenn sich nicht ein potenter Finanzmann findet, der die anfallenden Kosten trägt oder Regelungen mit der Stadtverwaltung trifft, die es ihm erlauben, eine Investition vorzunehmen.

Copyright: Goethe-Institut DamaskusSozialverträgliche Erneuerung möglich?
Mit der langsamen Öffnung des früher strikt autoritär beherrschten Landes für den internationalen Austausch fließt wahrscheinlich auch rasch globales Kapital in die Städte. Dies würde den baulichen Verfall möglicherweise stoppen, denn den Wert der historischen Altstadt für die Attraktivität von Aleppo und Damaskus haben inzwischen auch die Behörden erkannt und anerkannt. Eine sozial verträgliche Erneuerung wäre dies jedoch mit Sicherheit nicht. Der gegenwärtig noch überwiegende Stillstand zwischen dem Schutz der Bewohner vor den Interessen der Investoren und dem Zwang bzw. den Möglichkeiten zur Erneuerung wird mit Sicherheit so nicht mehr lange aufrechtzuerhalten sein.
Der Gegensatz zwischen den europäischen Städten mit ihren Marktplätzen und öffentlichen Räumen und den orientalischen Städten mit ihren typischerweise nach innen gerichteten Wohnanlagen, die nur durch schmale Gassen, die oft in Sackgassen enden, verbunden sind, wird sicher noch lange zu erkennen sein. Der gewaltsamen Modernisierung, wie sie in den 1970er Jahren geplant wurde, ist durch den Denkmalschutz vorerst ein Riegel vorgeschoben worden.
Aleppo und Damaskus sind im Laufe der Jahrhunderte von vielen verschiedenen Dynastien und Völkern beherrscht worden, sie sind damit sozusagen wirklich internationale Städte geworden. Etwas gut zu machen von dem, was an Zerstörung und Ausbeutung durch fremde Herrschaften immer wieder angerichtet worden ist, könnte eine internationale Anstrengung rechtfertigen – sofern die sozialistische Dynastie, die dort heute die Regeln bestimmt, sich für eine behutsame Erneuerung offen und kooperativ zeigt.

Prof. Dr. Hartmut Häußermann
Mitbegründer und Sprecher des Georg-Simmel-Zentrums für Metropolenforschung an der HU Berlin

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