Hannah Arendt: Eine deutsch-jüdische Eule in Athen

Kaum jemand hat die Frage der politischen Öffentlichkeit so konsequent ins Zentrum der politischen Philosophie gerückt wie Hannah Arendt. Inspiriert von den Denkern der klassischen griechischen Philosophie hat Arendt den westlichen Rationalismus konsequent gegen den Strich gebürstet. Ihre politisch-wissenschaftlichen Interventionen waren stets darauf gerichtet, gesellschaftliche Aufklärung zu betreiben. Dass sie dabei öffentlichen Kontroversen selbst mit Freunden nicht aus dem Weg ging, macht sie mit griechischen Verhältnissen kompatibel: Nach wie vor ist die politische Kultur in Griechenland von einer starken, dem westlichen Rationalismus skeptisch bis kritisch gegenüberstehenden Unterströmung geprägt. Was liegt da näher, als sich mit Hannah Arendt auseinanderzusetzen?
Erstaunliche Rezeption
Arendt hat zwar durch die geistige Orientierungskrise seit dem Zusammenbruch des Ostblocks weltweit eine Renaissance erfahren, insbesondere für kleinere Länder wie Griechenland ist es aber keine Selbstverständlichkeit, in solche geistigen Strömungen umfassend eingebunden zu sein: Der Buchmarkt, zumal der für politische Philosophie, ist klein, gute Übersetzungen sind teuer und brauchen ihre Zeit, so dass griechische Akademiker aus nahe liegenden Gründen zumeist erst auf die Veröffentlichungen in Frankreich, England oder Deutschland zurückgreifen. Umso erstaunlicher ist die Breite der Arendt-Rezeption in Griechenland, die sich nicht allein an der Zahl der veröffentlichten Arendt-Schriften ersehen lässt, sondern auch an der Verankerung der Arendt-Forschung im universitären Bereich.
Schärfen im Ton
Dass diese Rezeption keineswegs unkritisch erfolgt, demonstrierte Periklis Vallianos mit einem kenntnisreichen Beitrag auf einer Tagung über Hannah Arendt im Athener Goethe-Institut: Das Werk Arendts sei von Widersprüchen durchzogen und von Brüchen gekennzeichnet, eher intuitiv habe sie einige richtige Einsichten gehabt.
Bemerkenswert an dieser Kritik, die durchaus auf den Widerspruch der versammelten Wissenschaftler traf, ist ihre Nähe zu Hannah Arendts eigenem Vorgehen: Ihre Kritik tendiere zur Überpointierung, heißt es etwa bei Gert Schäfer. Und die Arendt-Biographin Elisabeth Young-Brühl moniert, Arendt habe mit ihrer argumentativen Zuspitzung mitunter einen unsachlichen Ton angeschlagen. All das mag zutreffen; es gibt jedoch keine wissenschaftliche Debatte von Bedeutung, die ohne Schärfen im Ton ausgekommen wäre, ja deren Lebendigkeit davon gelebt hätte.
Öffentliche Auseinandersetzung
Insofern Hannah Arendt sich mit den zentralen Fragen ihrer Zeit auseinandersetzte, streitbar in Debatten intervenierte oder gar – wie mit ihrer Berichterstattung über den Eichmann-Prozess – selbst Debatten anstieß, verkörpert sie nicht nur eine entscheidende Seite ihres politischen Denkens. Sie steht auch für eine politische Kultur, die in Griechenland allen autoritären Eingriffen zum Trotz äußerst lebendig geblieben ist: Die der öffentlichen Auseinandersetzung, ohne die Demokratie und politische Freiheit nicht zu denken sind. Es mag den Zentraleuropäer mitunter befremden, wie in Debatten in Griechenland mitunter die Klingen gekreuzt werden; in welchem anderen Land hätte es z.B. ein Minister gewagt, seinen Regierungschef als eine aufs Pferd gebundene Leiche zu bezeichnen? Und damals handelte es sich um keinen geringeren als den wenn auch in die Jahre gekommenen Andreas Papandreou. Jede Debatte lebt aber gleichermaßen von der Stärke der vorgetragenen Argumente als auch von der kämpferischen Haltung, mit der diese vertreten werden. Hannah Arendt repräsentiert diese beiden Seiten gleichzeitig; insofern ist sie in Griechenland jenseits aller Strömungen des wissenschaftlichen Zeitgeistes „anschlussfähig“ – vielleicht sogar mehr noch als andere griechisch-europäische Denker von Rang wie Cornelius Castoriadis oder Nicos Poulantzas.
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