Schlaglöcher auf der Seidenstrasse
Als Dialogartist in der Zirkuskuppel des GI Taschkent

Wohl jeder, den eine freundliche Einladung des Goethe-Instituts erreicht, wird innere Phantasiebilder der Seidenstrasse aufrufen. Wer dorthin gelangt, wird tatsächlich über die Baukunst, die kulturellen Schätze und die Bewahrung des kulturellen Erbes staunen.Aber im Mittelpunkt stehen doch die widersprüchlichen Erfahrungen einer postsozialistischen Übergangsgesellschaft mit einer nominellen Präsidialdemokratie. Im Nachhinein drängt sich da die Frage auf, wie es gelingen kann, jetzt schon zum fünften Mal hintereinander deutsch-usbekische Konferenzen zum Thema „Geschichte und Identität“ durchzuführen. Veranstaltungen, in denen sich beide Seiten „ihre“ Geschichte(n) erzählen und der Clou darin besteht, im Spiegel der Gegengeschichte auch dort etwas über die eigene Gesellschaft zu erfahren, wo von dieser nicht die Rede ist.
In dem aufgeschlossenen und zugleich verschwiegenen, interessierten und zugleich kontrollierten Milieu Taschkents glich dieses Vorhaben einer akrobatischen Übung. Die Kunst der deutschen Teilnehmerinnen und Teilnehmer, so schien mir, bestand darin, diese „Angebotspolitik“ an „Vergangenheitsbewältigung“ aufgeschlossen und selbstkritisch wahrzunehmen. Leicht konnte man sich in dem Gefühl zurücklehnen, im Vollbesitz einer erfolgreich durchreflektierten Nachkriegs- oder Vereinigungsgeschichte anderen Lektionen zu erteilen.
Doch der eigentliche Stachel dieser Präsentationen lag auf einer anderen Ebene. Konnte es gelingen, dem usbekischen – intellektuellen – Publikum zu verdeutlichen, wie sehr eine pluralistische Gesellschaft gerade der Offenheit und der argumentativen Zugänglichkeit ihrer eigenen Geschichtsbilder (Plural!) bedarf? Ließ es sich vermitteln, wie vielfältig deutsche „Identitäten“ sein können? Konnte man den Diskussionspartnern eines „neuen“ Staatswesens mit „alten“ Traditionen und einem offenbar hohen Bedarf an Selbstvergewisserung verdeutlichen, dass die Auflösung fester Zuschreibungen und ein für alle Mal fixierter Deutungen noch lange keinen Relativismus oder gar eine Selbstaufgabe bedeutet?
Das Spiel der Identitäten war in den historischen Ausflügen der Konferenz wie bei den in den nächsten Tagen folgenden Vortragsveranstaltungen allgegenwärtig. Am beeindruckendsten erscheint mir aber eine kleine beiläufige Episode, in der sich Selbst- und Fremdwahrnehmungen frappierend zusammenschlossen. In einer der Diskussionsrunden ergab sich die Frage, ob der Referent denn nun West- oder Ostdeutscher sei. Das am Auftritt, Outfit oder Aussprache festzustellen, fiel dem versammelten Studentinnen und Studenten schwer, die zu einem Gutteil deutsch sprachen. Nun stellte sich heraus, der Referent war aus Bremen gebürtig und arbeitete in Hamburg. – In der Pause folgte dann die Nachfrage, zu wem er denn halten würde – zu Werder Bremen oder zum HSV?
In dem Moment war klar, wir waren längst in einer gemeinsam Welt angekommen.








