Wider den Ressourcenfluch

Nigeria, das Land der fossilen Ressourcen, hat einen Masterplan für Erneuerbare Energien entwickelt.
Odutola Odubela hat das Solarhandwerk in Berlin gelernt. In einer kleinen Firma im Prenzlauer Berg installierte er die ersten Solarzellen und montierte Module und Wechselrichter. Zurück in seiner Heimat Nigeria ließ sich Odutola in einem kleinen Dorf einige Stunden von Lagos entfernt nieder und gründete die Firma Solarstations Nigeria. Unterstützt von seinen früheren Berliner Kollegen versucht er nun, kleine solare Pumpstationen, photovoltaisch betriebene Kühlschränke und Beleuchtungsanlagen zu vermarkten.
Als Odutola mir mit seinem neuen Geländewagen seine ersten Anlagen in Lagos zeigen will, erleben wir, was es heißt, in Nigeria Geschäfte machen zu wollen. Nach vier Stunden inmitten eines unbarmherzigen Staus, umkreist von hungernden Bettlern und stinkenden Mopeds, brechen wir die Exkursion ab.
Neue Impulse
Odutola ist einer von zwanzig Teilnehmern eines Experten-
workshops, den das Goethe-Institut in Lagos veranstaltet hat. Das Goethe-Institut ist einer der wenigen stabilen Anlaufpunkte in Lagos. Es vermittelt nicht nur die deutsche Sprache, ermöglicht Internetrecherchen, schickt begabte Nigerianer nach Deutschland und schafft kulturelle Begegnungen mit deutschen Filmen, Künstlern und Autoren. Es ist zugleich ein Kondensationskeim für neue politische Akzente und Ideen.
Der Workshop „Chance for the Future – Renewable Energies in Nigeria“, an den sich eine große öffentliche Präsentation anschloss, sollte nicht nur die dortigen Energieexperten vernetzen, sondern auch die deutsche Begeisterung für erneuerbare Energien nigerianischen Entscheidungsträgern nahe legen.
Arne Schneider, Direktor des Goethe-Instituts Lagos, und Ako Amadi, nigerianischer Mitarbeiter der Canadian International Development Agency, luden mich zu diesem Workshop ein, um aus erster Hand von den deutschen Förderinstrumenten, deutschen Technologien und Firmen, Finanzierungsmöglichkeiten und Stiftungen, aber auch von den Hemmnissen und Erfahrungen einer zehnjährigen Erfolgsgeschichte erneuerbarer Energien zu berichten.
Paradox of the plenty
Die Ausgangsbedingungen für die Entwicklung einer erneuerbaren Energiestruktur sind in Nigeria allerdings schlecht. Nigeria ist ein klassisches Beispiel für das, was die Entwicklungsexperten „Ressourcenfluch“ nennen. Über 80 % der Staatseinnahmen stammen aus der Erdölförderung. 300 Milliarden Dollar hat Nigeria in den letzten 25 Jahren eingenommen, und trotzdem liegt das tägliche Pro-Kopf-Einkommen unter einem Dollar. „Wir sind ein reiches Land armer Leute“, sagt Ewah Otu Eleri, Direktor des International Centre for Energy, Environment & Development und einer der Vorkämpfer für erneuerbare Energien in Nigeria.
Persönliche Bereicherung, Missmanagement und Korruption, übertriebene Militär- und Staatsausgaben und eine ungesunde ökonomische Abhängigkeit von der Ölindustrie führen dazu, dass sich das „paradox of the plenty“ entfaltet und die Bevölkerung unter dem Ölreichtum leidet. Die Ölförderung zerstört große Teile des Ackerlandes im Niger-Delta und raubt der Bevölkerung damit Einkommensmöglichkeiten. Mangrovewälder und fischreiche Gewässer werden verseucht, Pipelines lecken, und das bei der Förderung entstehende Gas wird einfach abgefackelt. Dabei entstehen immense Mengen Treibhausgase und Schadstoffe. Die Bevölkerung wehrt sich: mit Attentaten, Komplotten, Entführungen und Öldiebstahl.
Kleine Innovationen mit großer Wirkung
Erneuerbare Energien im von Öl, Gas und Kohleressourcen reichlich ausgestatteten Nigeria – das erscheint auf den ersten Blick inkompatibel. Und doch ist der neue Renewable Master Plan, den die Regierung beschlossen hat, gerade in diesem Land sinnvoll. Denn trotz des Ölreichtums sind Petroleum, Kerosin und Benzin für Kocher, Lampen und Autos teuer. Nigeria deckt mehr als die Hälfte seines Energiebedarfs aus Brennholz. Ein Drittel der Wälder wurde daher innerhalb von 15 Jahren abgeholzt. Gekocht wird mit einer uralten Ofentechnologie, die nicht mal ein Zehntel der Holzenergie ausnutzt. Stundenlang müssen viele Nigerianerinnen Holz sammeln; im Norden des Landes fliehen viele vor einer Ausbreitung der Sahara.
Nigeria kann hier lernen von der Erfahrung anderer Länder. Aus heimischen Materialien gebaute, simple Öfen könnten den Wirkungsgrad der herkömmlichen Öfen rapide steigern, die Luftverschmutzung in den Hütten mindern und die Brennholzausbeutung verlangsamen. In kleinen Biogasanlagen könnten Gülle und andere Reststoffe vergoren und in energiereiches Biogas umgewandelt werden. Mit kleinen Solaranlagen und Windrädern könnten kleine Dorfnetze gerade in netzfernen Regionen aufgebaut werden. Denn noch immer haben 80 % der ländlichen Haushalte in Nigeria keinen Zugang zu Elektrizität. Aber auch neue Einkommensmöglichkeiten können entstehen. Beispielsweise ist Nigeria der größte Produzent von Cassava, das zur Biokraftstoff-Produktion genutzt werden kann.
Es sind die angepassten, pfiffigen Ideen, mit denen erneuerbare Energien das Leben in Nigeria einfacher machen könnten. „In Ebonyi State erhitzen Frauen Tag für Tag Wasser, um Salz zu gewinnen“, erzählt Sade Onadeko auf dem Workshop des Goethe-Instituts. Sie arbeitet für die Nichtregierungsorganisation Earth First. 95 % des Einkommens mussten die Frauen in Ebonyi für den Kauf von nicht nachhaltig eingeschlagenem Brennholz aufwenden. „Doch dann wurden Sonnenkollektoren eingeführt –Brennholz wurde überflüssig.“
Renewable Energy Masterplan
Auf dem Workshop des Goethe-Instituts war nicht nur die Presse außerordentlich präsent. Auch die kommunale und nationale Regierung bekräftigte ihr Interesse an erneuerbaren Energien. Der Renewable Energy Masterplan und ein ergänzender 10 Year Action Plan jedenfalls legen ambitionierte Ziele vor, u. a. einen Anteil der erneuerbaren Stromproduktion, der auf über 10 % im Jahr 2025 ansteigen soll, sowie vier Millionen kleine Solaranlagen und eine Millionen verbesserte Biomasse-Öfen innerhalb von knapp zwanzig Jahren.
Seit dem Workshop sind einige Monate vergangen. Was ist seither passiert? Hunderte von Toten hat die Explosion einer Ölpipeline gekostet, die illegal angezapft wurde. Der Renewable Master Plan wurde mittlerweile ratifiziert. Und Nigeria hat neu gewählt – in einer chaotischen und umstrittenen Wahl. Der neue Präsident Umaru Yar’Adua hat sich noch nicht zu erneuerbaren Energien geäußert.
Experte für Ökobilanzen und Technikfolgenabschätzung zukünftiger Energiesysteme am
Institut für Energie- und Umweltforschung (IFEU)








