Kulturelle und religiöse Vielfalt in Europa und Kanada
Interview mit Dr. Ferdinand Sutterlüty

Herr Dr. Sutterlüty, Sie haben auf dem Symposium »How to live with growing diversity in the European Union and in Canada«, das am 5. September 2006 vom Goethe-Institut de Montréal veranstaltet wurde, einen Vortrag zum Thema »The belief in ethnic kinship: a deep symbolic dimension of social inequality« gehalten. Worum ging es dabei?
Auf dem Symposium beschäftigten sich Fachleute aus Kanada, Frankreich, Großbritannien und Deutschland mit der Frage, wie es um das Zusammenleben zwischen kulturell heterogenen Bevölkerungsgruppen in den jeweiligen Ländern bestellt ist und wie der Umgang mit kultureller Vielfalt erlernt werden kann. Während etwa in Kanada der Multikulturalismus und die positive Ankerennung kultureller Differenz seit einigen Jahrzehnten eine staatlich gestützte gesellschaftspolitische Leitidee darstellt, herrscht in der deutschen Politik und Gesellschaft ein Bild vor, das sich Integration von Migranten nur als kulturelle Assimilation verstellen kann. Solche Unterschiede in den jeweiligen nationalen Rahmenbedingungen machten die Diskussion so interessant.
Ich selbst habe über einige Ergebnisse aus der Untersuchung »Negative Klassifikationen« berichtet, die ich zusammen mit Prof. Dr. Sighard Neckel und Ina Walter am Institut für Sozialforschung in Frankfurt durchgeführt habe. In meinem Vortrag habe ich insbesondere die Frage zu beantworten versucht, weshalb in sozial benachteiligten Stadtteilen gerade türkische Aufsteiger bei der deutschen Bevölkerung einen schlechten Leumund haben und beispielsweise als Kriminelle oder Schmarotzer diffamiert werden.
Können Sie etwas genauer erläutern, was Sie in dieser Studie untersucht haben?
Am Beispiel von zwei ehemaligen Arbeitervierteln wollten wir in Erfahrung bringen, welche negativen Bewertungen das Zusammenleben zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen bestimmen, die sich in Stadtteilen mit einem hohen Anteil unterprivilegierter Bevölkerungsschichten und einer ethnisch heterogenen Bewohnerschaft als Nachbarn begegnen.
Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?
Wir sind zu dem Ergebnis gekommen, dass es gegenwärtig vornehmlich ethnische Merkmale sind, an die sich despektierliche Zuschreibungen heften. Deutschsein oder Nichtdeutschsein sind auf der Ebene städtischer Nachbarschaftsbeziehungen die bestimmenden Merkmale der wechselseitigen Wahrnehmung. Andere Merkmale erscheinen gegenüber der ethnischen Zugehörigkeit als sekundär. Auffällig dabei ist, dass die größte Migrantengruppe, nämlich die der Türken, besonders häufig Ziel von Stigmatisierung und Abwertung ist.
Wie ist es mit den deutschen Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern? Werden sie etwa nicht stigmatisiert?
Deutsche Stadtteilbewohner stellen verschiedentlich unter Verweis auf mediale Berichte – etwa über »Florida-Rolf«, »Thailand-Angelika« oder »Pool-Harry« – fest, dass es unrechtmäßige Empfänger von Sozialleistungen gebe. Die entsprechenden Vorhaltungen werden aber recht selten auf konkrete Personen oder Gruppen aus der sozialräumlichen Nachbarschaft bezogen – es sei denn, es handelt sich um Migranten.
Was meinten Sie vorhin, als Sie sagten, die türkische Bevölkerung habe bei ihren deutschen Nachbarn einen besonders schlechten Ruf?
Viele deutsche Stadtteilbewohner sehen bei türkischstämmigen Migranten, insbesondere bei den Geschäftsleuten, aber etwa auch bei aktiven Moscheevereinen expansive Machtansprüche am Werk: »Die wollen alles von uns übernehmen«, ist ein Satz, den wir in beiden Untersuchungsgebieten wiederholt zu hören bekamen. Das Agieren einer kleinen Gruppe wird dabei häufig auf die türkische Bevölkerung im Stadtteil insgesamt übertragen.
Ist die türkischstämmige Bevölkerung denn nur passives Opfer von Missachtung und Verleumdung?
Nein, keineswegs. Es gibt durchaus Gegenstigmatisierungen. Dominant ist dabei ein Zuschreibungsmuster, das Teile der deutschen Bevölkerung oder die »deutsche Mentalität« im Ganzen als dissozial kritisiert. Die wohlsituierten türkischen Stadtteilbewohner stellen die sozial Benachteiligten unter ihren deutschen Nachbarn als niveaulos, ungebildet und trunksüchtig dar.
Und jetzt werden Sie sicher sagen, dass die wechselseitigen Negativbilder zwischen der deutschen und der türkischstämmigen Bevölkerung zu einer Desintegration der entsprechenden Stadtteile führen.
So einfach ist das nicht. Türkischstämmige Leute werden aufgrund der verbreiteten Ansicht, sie seien laut und dreckig, auf dem Mietwohnungsmarkt benachteiligt. Dies führt dazu, dass sie vermehrt Häuser kaufen und selbst zu Vermietern werden. Stigmatisierung und Ausgrenzungsversuche führen also zu materieller Teilhabe eines Teils der türkischstämmigen Bevölkerung. Dieser Integrationserfolg zieht allerdings wiederum neue Ausgrenzungsversuche nach sich.
Die Sache mit den desintegrativen Wirkungen von negativen Klassifikationen ist also durchaus verwickelt. Unter Umständen wirken Auseinandersetzungen um diese Klassifikationen – wir nennen sie »Klassifikationskämpfe« – sogar integrierend.
Das müssen Sie erklären. Wann wirken negative Klassifikationen integrierend, wann sind sie desintegrativ?
Wir haben drei entscheidende Faktoren gefunden, von denen es abhängt, ob die ausschließenden Effekte oder die Integrationspotentiale die Oberhand gewinnen.
Der erste Faktor besteht in der inneren Logik der Klassifikationen selbst. Wer immer andere als Schmarotzer klassifiziert, weist ihnen sprachlich-symbolisch einen Platz außerhalb der ehrenwerten Gesellschaft zu. Und ein solcher symbolischer Ausschluss schlägt unseren Ergebnissen zufolge leicht in sozialen Ausschluss und ethnische Separierung um.
Zweitens entscheiden die Austragungs- und Verlaufsformen von Klassifikationskämpfen über die Integrationswirkungen negativer Zuschreibungen. Offen ausgetragene Klassifikationskämpfe stellen wesentlich günstigere Bedingungen für die soziale Integration bereit als solche, die verdeckt bleiben und bei denen die wechselseitigen Negativbilder nur innerhalb der jeweiligen ethnischen Eigengruppe artikuliert werden. Nur in der direkten Auseinandersetzung hat die machtschwächere Gruppe auch die Chance, sich wirkungsvoll auf inklusive Normen zu beziehen, die über den ethnischen Grenzziehungen stehen: auf Normen der Chancengleichheit beispielsweise.
Damit wären wir schon beim dritten und letzten Punkt. Die desintegrativen Wirkungen negativer Klassifikationen hängen auch vom gesellschaftlichen Bereich ab, auf den sie sich beziehen. Denn in einigen Bereichen, wie zum Beispiel der Wirtschaft oder der Politik, gelten institutionalisierte Normen, die sozialer Ausgrenzung entgegenwirken. In der sozialen Lebenswelt hingegen kann die Ausgrenzungslogik negativer Klassifikationen besonders durchschlagend zur Geltung kommen, weil dieser Bereich kaum funktionale Zwänge und normative Verpflichtungen zum interethnischen Austausch kennt. Wenn man die anderen beispielsweise als »dreckig« empfindet, schafft dies Kontakthindernisse, die im alltäglichen Zusammenleben zwischen Türken und Deutschen ungebremst wirken und die interethnische Separierung vorantreiben können.
Wir danken Ihnen für das Gespräch!








