Forschung und Wissenschaften in Deutschland

Unsichere Zeiten – Wie gerecht ist unsere Gesellschaft?

Die Sozialwissenschaftlerin Stefanie Hiß; Copyright: privatUnsichere Zeiten; Copyright: Deutsche Gesellschaft für SoziologieBesser hätte man das diesjährige Kongressmotto kaum wählen können: Während in der Woche vom 6. bis 10. Oktober 2008 Bankenpleiten und massive Kurseinbrüche an den Börsen überall in der Welt die Menschen in Angst versetzen, tagte in Jena unter dem Motto „Unsichere Zeiten“ der 34. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie.

„Nie waren die Menschen in Deutschland und Europa freier und sicherer. Doch dieser Soziologenkongress rätselt über ‚unsichere Zeiten‘. Wie geht das zusammen?“ fragte Ulrich Beck in seinem Eröffnungsvortrag. „Werden hier Luxusprobleme behandelt, um die uns die Menschen in anderen Ländern und Kontinenten – Tag für Tag konfrontiert mit Hunger, Gewalt und Unfreiheit – nur beneiden können?“ Nein, meint der Autor des soziologischen Standardwerks Weltrisikogesellschaft, denn das Thema „Unsichere Zeiten“ meine „Zeiten eines namenlosen, diskontinuierlichen Wandels grundlegender Koordinaten der Gegenwartsgesellschaft, der gesellschaftlich und politisch hochambivalent und dessen Ausgang völlig offen ist“.

Für eine „kosmopolitische Erneuerung der Sozialwissenschaften“

Ulrich Beck; Copyright: Suhrkamp VerlagDer Zusammenprall wachsender globaler Gleichheitserwartungen und wachsender globaler wie nationaler Ungleichheiten, so Beck weiter, könnte „schon bald das Gehäuse nationalstaatlicher Ungleichheit hinwegfegen wie der Hurrikan ‚Katrina‘ die Armenhäuser von New Orleans. Das sind unsichere Zeiten!“

Die Sozialwissenschaften seien unterdessen zu großen Teilen immer noch in einem „methodologischen Nationalismus“ gefangen und deshalb nur unzureichend gerüstet, der Globalität der längst welt-gesellschaftlichen Herausforderungen angemessen Rechnung zu tragen. „Grenzüberschreitende Lebens- und Überlebenslagen lassen sich nur in einer kosmopolitischen Perspektive (…) deutend verstehen und ursächlich erklären.“

Wie recht Beck mit dieser Einschätzung hat, macht nicht nur die Klimaproblematik mit ihren dramatischen, ebenso ungleich wie ungerecht verteilten Folgen deutlich, sondern in diesen Tagen auch die Weltfinanzkrise. Dies führte die junge Bamberger Wissenschaftlerin Stefanie Hiß den Kongressteilnehmern mit ihrem Vortrag vor Augen, den sie mit der Frage überschrieb:

„Wo bleibt eigentlich der Weltfinanzklimabericht?“

Ulrich Becks Eröffnungsvortrag als Buch im Suhrkamp VerlagDer Weltklimarat (IPCC: Intergouvernmental Panel on Climate Change) legt regelmäßig einen „Weltklimabericht“ vor. Zuletzt tat er dies im Frühjahr 2007. Darin können wir dann nachlesen, wie schlecht es mittlerweile um unser Klima bestellt ist, wer die Verursacher der immer bedrohlicheren Klimaveränderungen sind, wer den Schaden (oder in Einzelfällen vielleicht auch den Nutzen) hat und was eigentlich zu tun wäre, um das Schlimmste vielleicht doch noch abzuwenden.

In welch düsteren Farben der Weltklimabericht unsere Zukunft auch erscheinen lässt, hat er doch etwas Gutes: Die enorme mediale Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wurde, hat die Kritikfähigkeit einer immer besser informierten Zivilgesellschaft erheblich gestärkt. Jedenfalls: Überrascht sollte am Ende niemand mehr sein, wenn die uns in dem Bericht vorgerechneten Folgen des Klimawandels in den nächsten Jahren und Jahrzehnten nach und nach eintreten. Seit Jahren übersetzen Nichtregierungsorganisationen (NGOs) die wissenschaftlichen Befunde in für jedermann verständliche und nachvollziehbare politische Forderungen. Damit setzen sie die Regierungen ein ums andere Mal unter Zugzwang – und dies bei allen Defiziten, die man der internationalen Umweltpolitik gewiss nach wie vor ankreiden muss, nicht ganz ohne Erfolg. Dies gelingt ihnen, weil sie auf dem Feld der Umweltpolitik anerkanntermaßen über Expertenwissen verfügen.

Die Finanzkrise als Chance

Die Sozialwissenschaftlerin Stefanie Hiß; Copyright: privatVor diesem Hintergrund erscheint Hiß‘ Forderung nach einem Weltfinanzklimabericht, der nach den globalen Finanzrisiken fragt, nur allzu berechtigt. Von einem solchen erhofft sie sich eine Stärkung der zivilgesellschaftlichen Kritikfähigkeit gegenüber den weltgesellschaftlichen Gefahren, die von einem destabilisierten Weltfinanzsystem ausgehen. Doch während beim Thema Klimawandel die Akteure der NGOs über einen sehr guten Zugang zu Expertenwissen verfügen, blieb ihnen dies auf dem Feld des internationalen Finanzmarktes in der Vergangenheit weitgehend verschlossen. Die gegenwärtige Finanzkrise begreift Hiß deshalb als Chance: „Es könnte sein, dass sich damit ein ‚window of opportunity‘ für die Zivilgesellschaft auftut. Ein Gelegenheitsfenster, durch das sich eine Brücke in das Zentrum des Finanzmarktes und zum Zugang zu Finanzwissen öffnet. Und damit schließlich die Möglichkeit für zivilgesellschaftliche Akteure, den Zugang zu Wissen und Expertise auch im Finanzmarkt zu erhalten und damit erfolgreichen Wissensprotest zu mobilisieren.“
Andreas Vierecke, Dr. phil., ist einer der beiden Leiter des Südpol-Redaktionsbüros Köster & Vierecke und Chefredakteur der Zeitschrift für Politik.

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November 2008

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