Forschungsthemen

„Weisheit kann man nicht in einem Satz zusammenfassen.“ – Ursula M. Staudinger im Gespräch

Ursula M. Staudinger; © privatUrsula M. Staudinger; © privatGemeinsam mit dem Psychologen Paul B. Baltes hat Ursula M. Staudinger am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung das „Berliner Weisheitsparadigma“ entwickelt und seither in vielen Untersuchungen angewendet. Im Gespräch mit Goethe.de erklärt sie, was Weisheit ist – und wie sie die Wissensgesellschaft bereichern kann.

Frau Dr. Staudinger, was ist eigentlich Weisheit?

Weisheit ist tiefe Einsicht und umfassende Urteilsfähigkeit in schwierigen und existenziellen Fragen des Lebens.

Wie kann man weise werden?

Da müssen viele verschiedene Faktoren zusammenkommen. Erstens sind es Personeneigenschaften, die eine wichtige Rolle spielen – zum Beispiel Offenheit für neue Erfahrungen, Kreativität, soziale Kompetenz, Empathie. Zweitens sind auch Erfahrungen von Bedeutung – und wie ich diese verarbeite. Und drittens ist eine bestimmte Motivlage sehr wichtig: Ich muss den Willen und den Wunsch haben, das Leben immer besser zu verstehen und tiefere Einsichten zu gewinnen.

Weisheit bietet Orientierungshilfe

Denkende Skulptur; © Colourbox Wie hängen Weisheit, Intelligenz und Wissen zusammen?

Intelligenz ist eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für Weisheit, weil man durch sie das Erlebte auch bewerten und einordnen kann. Aber Intelligenz alleine verhilft einem nicht zur Weisheit.

Wissen ist ein ganz anderes Gebiet. Sein Gegenstand sind Dinge, die eindeutig und objektiv als richtig oder falsch einzuordnen sind. Bei weisheitsbezogenen Einsichten hingegen gibt es ein solches absolutes Wahrheitskriterium nicht. Man kann sich zwar in einer Gemeinschaft von Menschen darauf einigen, was weiser oder weniger weise ist. Aber das lässt sich nicht im Sinne eines absoluten Richtig oder Falsch wie bei einer mathematischen Gleichung beurteilen.

Kann Weisheit die Wissensgesellschaft bereichern?

Absolut, denn Weisheit bietet Orientierungshilfe. Seit der Postmoderne sind wir von einem Wertepluralismus und einer Vielzahl an Orientierungsmöglichkeiten umgeben. Dabei wird der Einzelne sehr gefordert, Entscheidungen zu treffen, was für ihn selbst die richtige Richtung, die richtige Wertehaltung ist. Gerade in diesen Zeiten können wir aus Weisheit Orientierung ableiten.

Wie misst man Weisheit?

Wer ist weise? Menschenmenge; © ColourboxIst Weisheit messbar?

Ja. Wir haben im Berliner Weisheitsparadigma neben unserer Definition von Weisheit fünf Kriterien entwickelt. Sie erlauben uns, bestimmte Einsichten als mehr oder weniger weise zu bewerten. Zu diesen Kriterien gehört zum Beispiel der Werterelativismus, also die Fähigkeit, verschiedene Wertesysteme zu erkennen und auch zu verstehen, warum Menschen aus welchen Wertehintergründen wie handeln.

Weitere Kriterien sind der Umgang mit den Ungewissheiten des Lebens, das Erkennen von zeitlichen und bereichsbezogenen Zusammenhängen, die Verfügbarkeit von guten Lösungsstrategien und tiefe Erkenntnisse über die Eigenschaften des Lebens.

In Ihren Weisheitsstudien werden die Teilnehmer zu verschiedenen Dilemma-Situationen befragt. Welche Antworten bewerten Sie als weise?

In den Antworten mussten alle fünf Weisheitskriterien besonders ausgeprägt und differenziert aufzufinden sein. Denn der Charakter der Weisheit besteht auch darin, dass man ihn nicht in einem Satz zusammenfassen kann. Er wird in einer Urteilsfähigkeit sichtbar, die versucht, der Komplexität des Lebens gerecht zu werden.

Weisheit ist schwer auffindbar

Wie viele Menschen sind weise?

Bisher haben wir in unseren Untersuchungen mehr als 1.200 Interviews mit Menschen aus verschiedenen Schichten und Lebensbereichen geführt. Dabei hatten wir durchaus Personen, die in die höheren Abschnitte unserer Skala vorgedrungen sind. Aber wir haben keine Person gefunden, über die wir sagen würden: Das ist die perfekte weise Person. Denn niemand hat in allen unseren Kriterien die höchste Bewertung bekommen.

Woran liegt das?

Wir vermuten, dass die Weisheit etwas ist, was Menschen zwar anstreben. Aber möglicherweise geht es über die Möglichkeiten eines einzelnen Menschen hinaus, auch am Ende des Weisheitsweges – also der Verkörperung von Weisheit – anzukommen.

Gibt es die viel zitierte „Altersweisheit“ wirklich?

Unsere Befunde zeigen, dass das Älterwerden nicht reicht, um weiser zu werden. Es müssen bestimmte Dinge hinzukommen, die es uns erlauben, aus unseren gemachten Erfahrungen weise Einsichten zu gewinnen.

Aber es gibt leider auch einige Entwicklungen mit dem Alter, die gegen eine Weiterentwicklung der Weisheit gerichtet sind: Mit zunehmendem Alter werden wir weniger offen, haben weniger Lust, Neues auszuprobieren und neu über Dinge nachzudenken. Eine weise Person hingegen relativiert die eigenen Einsichten immer wieder und stellt sich selbst in Frage – aber das tun wir mit zunehmendem Alter eher weniger.

Weisheit der Jugend?

Können junge Menschen weise sein?

Bis zum Alter von 20 bis 25 Jahren entwickelt sich die weisheitsbezogene Urteilsfähigkeit sehr steil, aber auf einem relativ niedrigen Niveau. Das passiert automatisch während unseres Heranwachsens in der Gesellschaft. Danach flacht diese Kurve ab – automatisch passiert dann mit dem Älterwerden nichts mehr.

Wie weise sind Sie selbst?

Ich habe keine Ahnung. Ich finde es spannend zu erforschen, was wir tun können, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass sich Menschen positiv entwickeln – und dazu gehört als eine Facette die Weisheit.

Ich habe jedoch schon eine gewisse Motivation, auf dem Weg der Weisheit Fortschritte zu machen, aber nicht um jeden Preis. Ich bin nicht bereit, mich aus dem täglichen Leben zurückzuziehen, um die nötige Distanz zu gewinnen, die man von einer weisen Person erwartet. Ich will mitten im Leben sein und auch die Höhen und Tiefen auskosten. Und auch mal ganz unweise aus der Haut fahren können.

Ursula M. Staudinger ist Professorin für Psychologie und Vizepräsidentin der Jacobs University Bremen. Die 50-Jährige ist außerdem Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs) und Vizepräsidentin der Deutschen Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina. Ihre Schwerpunkte liegen neben der Weisheitsforschung auf der Beeinflussbarkeit menschlicher Entwicklung im Erwachsenenalter.
Irina Fernandes
führte das Gespräch. Sie arbeitet als freie Journalistin in Dortmund, u.a. für die Ruhr Nachrichten und den Westfalenspiegel. Ihre thematischen Schwerpunkte sind Bildung, Kultur, Politik, Justiz und Gesellschaft..

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Januar 2010

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de

Links zum Thema

Deutsch in den Wissenschaften

Welche Rolle spielt Deutsch als Wissenschaftssprache? Eine Konferenz und ein Kreativwettbewerb wollen das herausfinden.

Scholars in Residence

Dr. Daniel Feierstein, Scholar in Residence 2009/2010
Das Residenz-
programm bietet internationalen Nachwuchsforschern die Möglichkeit zum wissen-
schaftlichen Austausch.

Gesichter der Wissenschaft

Wissenschaftler, deren Laufbahn sich durch ungewöhnliche Wege und besondere Erfolge auszeichnet

Interkulturpreis 2012: Soziologie

Das Goethe-Institut lobt im Rahmen des 36. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie einen Preis für den soziologischen Nachwuchs aus

Twitter: @GI_Journal

Aktuelles aus Kultur und Gesellschaft in Deutschland

WWWege zur Germanistik

Kommentierte Linksammlung wichtiger Links zu Germanistik & Nachbardisziplinen

Zukunftswerkstatt 2008-2010

Netzwerk junger Wissenschaftler aus Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Serbien und Deutschland


Wissenschaftsberichte