Am Anfang war der Missstand – Die Junge Akademie

Die Junge Akademie in Berlin schlägt eine Brücke zwischen Nachwuchs und Establishment.
Irgendwoher muss er ja kommen, der Nachwuchs für die Wissenschaft. Aber die akademischen Wege sind oft beschwerlich – und lang. Wohin auch immer sich das deutsche Bildungssystem entwickeln mag; junge Talente, die bereit sind, ihr Können in den Dienst der Wissenschaft zu stellen, braucht es auf jeden Fall.
Am Anfang war der Missstand, den es zu beheben galt: "Wir haben den Eindruck, dass das deutsche Wissenschaftssystem in herausragender Weise altersfreundlich ist", sagt Professor Dieter Simon auf der Gründungsveranstaltung der Jungen Akademie im Sommer 2000. Der Sinn des Projektes war und ist denkbar einfach: Jungen Wissenschaftlern, die nach ihrem Studium am wackligen Beginn einer akademischen Karriere stehen, soll die Möglichkeit gegeben werden, sich autonom und institutionell abgesichert in den Wissenschaftsprozess einzubringen. Ursprünglich stammte die Idee von Paul Baltes, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, und sie fand Gehör. Das Projekt wurde von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina für zunächst zehn Jahre ins Leben gerufen. Der organisatorische Modus: Fünfzig Mitglieder – alle etwa zwischen dreißig und vierzig Jahre alt –, sind an der Jungen Akademie beschäftigt. Pro Jahr werden zehn Mitglieder "erneuert", eine Mitgliedschaft ist auf fünf Jahre begrenzt. In diesem Zeitraum stehen jedem Jungforscher rund 25.000 Euro zu Verfügung, um wissenschaftliche Projekte durchzuführen. Und was tun sie dann, die jungen Akademiker?
Die Interdisziplinarität der AG
Sie gründen Arbeitsgruppen, um sich aus mehreren Blickwinkeln konkreten Themen widmen zu können. Von zentraler Bedeutung hierbei ist der Gedanke der Interdisziplinarität im wissenschaftlichen Diskurs. Mindestens drei Mitglieder soll jede AG haben, ein Blick in die konkreten Forschungsprojekte belegt den interdisziplinären Ansatz: Die AG "Zur Deutungsmacht der Biowissenschaften" etwa nahm neben drei Biologen und drei Philosophen auch eine Geoökologin, einen Kunsthistoriker und eine Theaterwissenschaftlerin mit ins Boot. Die AG "Renaissance des Religiösen?" bringt eine Sozialwissenschaftlerin, einen Historiker, einen Soziologen und einen Philosophen an einen Tisch. Über die regelmäßigen Treffen der einzelnen Arbeitsgruppen hinaus gibt es dreimal jährlich ein Treffen des gesamten Plenums der Jungen Akademie, um Forschungsergebnisse und neue Ideen auszutauschen.Die Publikationen der Akademie
Das Gros der Arbeitsergebnisse mündet in entsprechende Publikationen, die in unterschiedlichen Wissenschaftsverlagen erscheinen und auf diese Weise dem gesamten akademischen Publikum zugänglich gemacht werden. Ein zentrales Publikationsorgan ist die akademieeigene Zeitschrift Junge Akademie Magazin. Das Heft erscheint zweimal jährlich in einer 3.000er Auflage und ist für Interessierte kostenlos über die Geschäftsstelle der Jungen Akademie erhältlich. Das Magazin stellt neue Mitglieder vor, informiert über Forschungsprojekte und Veranstaltungen und dient teils als Publikationsforum für die Arbeitsergebnisse einzelner AGs.
Soweit, so gut. Doch über die seriöse Organisation von Arbeits- und Forschungsprozessen hinaus braucht es heutzutage, will man Beachtung und Argumente für die eigene Existenzberechtigung, offenbar nicht nur Ergebnisse, sondern ein öffentlichkeitswirksames "Event" – ein Ereignis, das wahrgenommen wird.
"Wer hat die Wahl?"
Einmal im Jahr stellt die Junge Akademie die "Preisfrage". Gemeint ist ein weltweit offener Wettbewerb, mit insgesamt 9.000 Euro dotiert. Es wird eine Frage gestellt, die eingehenden Antworten werden prämiert. Eine verzwickte Frage soll es sein, aber doch so schlicht, dass Antworten in fast jeder Form möglich sind. Essays, Gedichte, Skulpturen, Bilder, Fotografien, Kompositionen oder Mischformen aus alledem – was auch immer. Man will absichtlich keine Grenzen setzten, um möglichst vielschichtige und originelle Einsendungen zu erhalten. "Was ist es, das in uns schmerzt?" lautete 2001 die erste von der Jungen Akademie gestellte Preisfrage. 2005 hieß es "Wo bleibt die Zeit?", und die Jury freute sich über mehr als 600 Zusendungen, aus denen eine artifizielle Fotoserie über Sanduhren, ein Kartenspiel in Form eines Quartetts zum Thema Zeit sowie ein Essay über den Staub als Sieger ausgewählt wurden. Die Frage des letzten Jahres lautete "Wer hat die Wahl?", die Sieger werden im Sommer bekannt gegeben.
Konnte nun der Missstand in den Wissenschaften, den Gründungsmitglied Dieter Simon im Jahr 2000 bemängelte, durch die Junge Akademie zumindest ein Stück weit behoben werden? Es ist wohl noch zu früh, eine Antwort zu geben. Sie drängt sich aber spätestens dann auf, wenn in ein, zwei Jahren über den Fortbestand der Jungen Akademie entschieden werden wird.
Nach seinem Studium der Philosophie arbeitet er als freiberuflicher Publizist mit den Schwerpunkten Philosophie, Literatur, Geschichte
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April 2007















