Ein paar neue Fragen – Das Hamburger Institut für Sozialforschung

Was eine private, unabhängige Stiftung zu leisten imstande ist, beweist das 1984 gegründete Hamburger Institut für Sozialforschung. Die wissenschaftlichen Forschungsprojekte, die Tagungen, Workshops und Ausstellungen des HIS haben ihren festen Platz in der bundesrepublikanischen Wissenschaftslandschaft.
Am Hamburger Institut für Sozialforschung arbeiten zur Zeit ca. 50 Personen, davon ungefähr die Hälfte im Wissenschaftsbereich. Die meisten von ihnen sind Soziologen und Historiker. Und was sie dort am Institut tun, ist vor allem eines: miteinander reden. Multidisziplinarität ist das Gebot, lebendige Wissenschaft das Ergebnis. Empirische Sozialforschung, historische Analyse und sozialwissenschaftliche Theoriebildung finden zusammen. Dieser Dreiklang zur Beschreibung des Ansatzes ist bewusst weit gefasst: Die Themen und Arbeitsbereiche sollen Ergebnis des fachübergreifenden Austauschs zwischen den Wissenschaftlern sein, nicht das Ergebnis einer vorgegebenen inhaltlichen Programmatik.
Aktuell: drei Themenbereiche
Die Umsetzung dieses Ansatzes lässt sich derzeit an drei Arbeitsbereichen ablesen. Der Schwerpunkt "Die Gesellschaft der Bundesrepublik" will vor dem Hintergrund der besonderen Vergangenheitshypothek der BRD den gesamten Gesellschaftsaufbau in all seinen Strukturen beleuchten und den gegenwärtigen sozialen Wandel mit seinen Risiken und Chancen für die Zukunft ins Auge fassen.Der Arbeitsbereich "Nation und Gesellschaft" geht noch allgemeiner Fragen der politischen Vergesellschaftung nach. Gegenstand des theoretischen Interesses sind die Legitimationen staatlicher Gewalt, die sich wandelnden Formen der Organisation von Macht und der Wandel gesellschaftlicher Normenbildung.
Der dritte Arbeitsbereich, "Theorie und Geschichte der Gewalt", konzentriert sich auf zeitgeschichtliche Gewalterfahrungen. Terror und Krieg im 20. und 21. Jahrhundert sollen untersucht werden.
Der Stifter: Jan Philipp Reemtsma
Dass überhaupt in den drei Themenbereichen geforscht werden kann, verdankt die Stiftung ihrem Gründer Jan Philipp Reemtsma. Der 1952 in Bonn geborene Professor für Neuere Deutsche Literatur zählt zu den bekanntesten Mäzenen der deutschen Wissenschafts- und Kulturszene. Er verkaufte als 26-Jähriger seine ihm zu diesem Zeitpunkt zufallenden Anteile am Reemtsma-Konzern seines Vaters, der heute Bestandteil der Imperial Tobacco Group ist, dem viertgrößten Tabakunternehmen der Welt. Damit war der junge Akademiker mit einem Schlag zum Multimillionär geworden. Seitdem hat er keine Verbindung mehr zu dem Konzern und stellt seine Mittel immer wieder in den Dienst von Wissenschaft und Kultur. Seit 1996 lehrt Reemtsma als Literaturprofessor an der Universität Hamburg, das Hamburger Institut für Sozialforschung leitet er seit 1990.Das Reizthema: die Wehrmachtsausstellung
Das HIS wird wohl noch auf lange Zeit mit einem Vorgang assoziiert werden, der in der nachkriegsdeutschen Museums- und Gedenkkultur tatsächlich beispiellos ist. Unter dem Titel "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944" wurde im Auftrag des HIS 1995 eine Wanderausstellung auf Reisen geschickt, die die Beteiligung der Wehrmacht an den Kriegsverbrechen in Osteuropa thematisierte. Belegt wurde die Tatsache, dass nicht etwa nur SS- und SA-Verbände verantwortlich für den systematischen Vernichtungskrieg und für den Holocaust waren, sondern eben auch die "ganz normale" deutsche Wehrmacht. Es wurde schnell offenbar, dass dieser Umstand im öffentlichen Bewusstsein der BRD bis dato noch nicht angekommen war – obwohl die Ausstellung noch nicht mal neue Forschungsergebnisse präsentierte, sondern lediglich Bekanntes "in geballter Form" zusammenstellte. Die Resonanz war enorm, die heftigen Diskussionen erfassten alle Teile der Gesellschaft, und auf einmal demonstrierten Neonazis an den Ausstellungsorten. Als dann bei weniger als 20 von knapp 1500 Fotos tatsächlich Unzulänglichkeiten in der Dokumentation nachgewiesen wurden, wurde die Ausstellung im November 1999 vorläufig zurückgezogen. Eine überarbeitete Konzeption ging zwei Jahre später auf Tour, ohne dass die Grundaussage verändert oder abgemildert worden wäre. Nach Beendigung der Ausstellung 1994 resümierte Reemtsma: "Es wird nie wieder so über die Wehrmacht im Nationalsozialismus gesprochen werden, wie vor 1995."Die Medien: Mittelweg 36 & Hamburger Edition
Jede wissenschaftliche Einrichtung benötigt eine zielgerichtete und ausgewogene mediale Präsenz, wenn sie sich sowohl an ein akademisches wie an ein nicht-akademisches Publikum wenden will. Das HIS verfügt zu diesem Zweck über eine institutseigene Zeitschrift. Die zweimonatliche Zeitschrift "Mittelweg 36" ist ein unmittelbares Publikationsforum für die Stiftungsprojekte. Ebenfalls projektbegleitend arbeitet der institutseigene Verlag, die "Hamburger Edition", in der u. a. die Ergebnisse der einzelnen Projekte der Öffentlichkeit angeboten werden. Mit zehn bis zwölf Neuerscheinungen pro Jahr ist der "Ertrag" der Hamburger Edition beträchtlich.
Reemtsma: "Den fachwissenschaftlichen und den öffentlichen Diskurs so zu beeinflussen, dass ein paar neue Fragen gestellt werden und über bekannte Themen neu geredet wird – mehr kann ein wissenschaftliches Institut nicht tun."
Nach seinem Studium der Philosophie arbeitet er als freiberuflicher Publizist mit den Schwerpunkten Philosophie, Literatur, Geschichte
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März 2008















