Wissenschaft aus der Privatschatulle

Forschung und Lehre stützen sich auch in Deutschland auf Unternehmen und Privatpersonen, die eine gemeinnützige oder philanthropische Verpflichtung zur Förderung der Wissenschaften übernehmen. Die Geber bündeln ihre Kräfte im Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. Der ist zugleich eine gewichtige Stimme in der Öffentlichkeit und gegenüber der Politik.
Beispielgebende Reformfakultäten oder gar Reformuniversitäten in Deutschland, vorbildliche Bachelor-Master-Studiengänge oder die studentenfreundlichste Ausländerbehörde zwischen Rhein und Oder – sie alle verdanken ihre Auszeichnung und ein damit verbundenes Preisgeld dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. Er gehört zu den treibenden Kräften der Hochschulerneuerung im Lande Humboldts. Dabei unterstützt der Verband den notwendigen Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zum Beispiel mit dem alljährlichen "Wissenschaftssommer", einem Programm für Jung und Alt mit dem Ziel, Forschung lebensnah zu präsentieren.
Darüber hinaus wirkt der Stifterverband, ein gemeinnütziger Förderkreis vor allem der forschungsintensiven Wirtschaft in Deutschland, neuerdings in den gemeinsamen Bildungsraum der Europäischen Union und ihrer Anrainer. So ist der Verband einer der Väter des Euroscience Open Forum (ESOF), in dem sich Gelehrte fächer- und länderübergreifend austauschen. ESOF ist bewusst als europäisches Gegengewicht zur American Association for the Advancement of Science gedacht. Der erste Kongress war 2004 in der schwedischen Hauptstadt Stockholm, der zweite findet 2006 in München statt.
Der Stifterverband zählt rund viertausend Mitglieder, Unternehmen, Wirtschaftsverbände und Einzelpersonen. Er stellt für Forschung und Lehre jährlich mehr als hundert Millionen Euro zur Verfügung. Ein charakteristisches Förderinstrument sind die so genannten "Stiftungslehrstühle" auf Zeit, zum Beispiel für fünf Jahre. Sie sollen Wege in neue Forschungsgebiete eröffnen, die anschließend von der jeweiligen Hochschule aus eigenen Mitteln fortgeführt und ausgebaut werden.
Die Fördergelder stammen hauptsächlich aus den Erträgen von rund 350 Einzelstiftungen im Gesamtwert von 1,4 Milliarden Euro. Der Stifterverband verwaltet das ihm anvertraute Stiftungskapital von Firmen und Personen und sammelt daneben Großspenden.
Eine lange Geschichte
Die Geberorganisation existiert schon seit 1920. Sie wurde damals als "Stifterverband der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft" gegründet, um die kurz nach dem Ersten Weltkrieg finanziell darbende Spitzenforschung durch private Gönner zu unterstützen. Erster Vorsitzender wurde der Industrielle Carl Friedrich von Siemens, dessen Unternehmen heute zu den Weltmarktführern der Elektrotechnik gehört. Einer der ersten Forschungsstipendiaten war der spätere Physik-Nobelpreisträger Werner Heisenberg. Unter der Naziherrschaft (1933-1945) schwand die Wirksamkeit des Verbandes gegen Null. 1949 wurde er wiederbelebt und entwickelte sich zum wichtigen privaten Mit-, manchmal auch Gegenspieler der staatlich gespeisten Förderer. Das sind vor allem die Deutsche Forschungsgemeinschaft, der deutsche Akademische Austauschdienst und die Alexander von Humboldt-Stiftung.In den vergangenen zehn Jahren wurde die Verbandsarbeit namentlich vom Generalsekretär Manfred Erhardt geprägt. Er brachte langjährige Erfahrung als leitender Beamter in der staatlichen Wissenschaftsverwaltung, sodann auch als Wissenschaftsminister des Bundeslandes Berlin mit ins Amt. Sein Nachfolger ist seit Beginn dieses Jahres Andreas Schlüter, 48, bisher Generalsekretär des Goethe-Instituts, vorher Geschäftsführer der Bertelsmann Stiftung und nicht zuletzt ein Experte für Stiftungswesen. "Die neue Funktion führt mich als Forscher und als Gestalter wieder näher in mein angestammtes Arbeitsgebiet", so Schlüter. "Das reizt mich, denn die gesellschaftliche Rolle von Stiftungen wird sich in den nächsten Jahren in Deutschland noch vergrößern."
| Literaturtipp:
Winfried Schulze, Der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft 1920-1995, Berlin: Akademie Verlag 1995. 338 Seiten |
Der Autor ist Historiker an der Technischen Universität Aachen.
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Februar 2005















