Institutionen

Bildung ist Bürgerrecht – Die Volkshochschule

Copyright: dpaDie Volkshochschule (VHS) ist mit 9,5 Millionen Kursteilnehmern im Jahr der größte Anbieter von Weiterbildung in der deutschen Gesellschaft. Mehr als zehn Prozent der Bevölkerung gehen hin. Die früher so genannte Hochschule des kleinen Mannes ist zum Serviceunternehmen fürs lebenslange Lernen geworden.

Die VHS ist ein Supermarkt für die Bildung des ganzen Menschen. Die Angebotspalette umfasst Wellness-Kurse mit Sport- und Gesundheitsübungen, Malerei und andere künstlerische Ausdrucksformen, Fremdsprachen für den Urlaub genauso wie Schulabschlüsse für Nachholer und berufliche Qualifizierungen in Handwerk und Industrie. Dazu kommen noch Vorträge und sonstige Einzelveranstaltungen zumal zu Themen von allgemeiner politischer Bedeutung.

Das Programm variieren die tausend selbständigen VHS der Kommunen oder Landkreise entsprechend der jeweiligen Nachfrage vor Ort. Mit einem dauerhaft großen Zuspruch bei mehr als zehn Prozent der Gesamtbevölkerung sind sie die unangefochtene Nummer Eins unter den „freien“, auf freiwillige Besucher angewiesenen Bildungsmittlern. Auch wirtschaftlich gesehen. Die Teilnehmer kommen mit ihren Gebühren für vierzig Prozent aller Kosten auf. Für viele ist das Eintrittsgeld eine Investition in die eigene Zukunft. Denn 85 Prozent aller VHS-Kunden sind im erwerbstätigen Alter.

Grundlage jeder demokratischen Gesellschaft

Trotzdem lehnt sich Ulrich Aengenvoort, der Direktor des Deutscher Volkshochschul-Verbandes, nicht zufrieden zurück. Der Mittvierziger, zuvor Verbraucherschützer im Bundesland Baden-Württemberg, bedauert: „Wir haben noch immer ein angestaubtes Image.“ Ausgerechnet das beruht aber auf einer mehr als achtzigjährigen Erfolgsgeschichte der VHS. Sie begann mit der ersten republikanischen Verfassung Deutschlands von 1919. Darin wurde die staatliche Förderung des Bildungswesens gesetzlich verankert. Denn Bildung und Wissen in der ganzen Breite der Bevölkerung sind die Grundlage jeder demokratischen Gesellschaft.

Die Unterstützung gerade von „Benachteiligten“ oder Pechvögeln ist mithin nach wie vor ein Kernanliegen der VHS, auch wenn das auf den ersten Blick einem Hochglanz-Image nicht förderlich ist. Oft ist die VHS die letzte Chance, zum Beispiel für einen (verspäteten) Abschluss auf der Normalschule. Den erwerben hier rund Zehntausend im Jahr. Halb so viele gelangen zu einem höheren, dem „mittleren“ Abschluss, einige Hundert so gar zur Hochschulreife. Die VHS garantiert das Versprechen „Bildung ist Bürgerrecht“, wenn andere Schulen schon abgewinkt haben.

Volkshochschulen bieten jährlich auch rund einer Viertelmillion Zuwanderern aus aller Welt oder Aussiedlern von ehemals deutschen Siedlungsinseln in Osteuropa Integrationskurse zum besseren Verständnis von Sprache und Kultur in ihrer neuen Welt. Ein best practice-Beispiel ist die „Münchner Volkshochschule im Museum“. Statt „Deutsch als Fremdsprache“ nur im reizlosen Seminarraum anzubieten, besuchen die Dozenten mit den Teilnehmern die großen Sammlungen von Kunst und Technik in der bayerischen Metropole; der Wort- und Erfahrungsschatz der Schüler erweitert sich dabei in anregender Umgebung deutlich über die alltags- und berufssprachlichen Ansprüche hinaus. Das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung (DIE), die wissenschaftliche Referenzagentur der Volkshochschulen, fand das Projekt so gut, dass es ihm in diesem Jahr seinen „Innovationspreis“ zusprach.

Imagewechsel

Die jüngste inhaltliche wie mediale Neuerung des Deutschen Volkshochschul-Verbandes: Apoll, ein Internet-Portal, das es Analphabeten erlauben soll, im stillen Kämmerlein am Computer Schwächen im Lesen, Schreiben und Rechnen zu beheben. Die bislang einmalige Initiative richtet sich an rund vier Millionen Betroffene oder gut sechs Prozent der Gesamtbevölkerung in Deutschland.

Überhaupt muss sich der bisherige „Präsenzveranstalter“ VHS laut seinem Chefstrategen Aengenvoort in Zukunft zum multimedialen Anbieter wandeln, der auch orts- und zeitunabhängige Lernmöglichkeiten bereit hält. Die entsprechenden Lern- und Übungseinheiten können aus Kostengründen nur für große Märkte, also zumindest für den gesamten VHS-Verband, produziert werden. „Dazu brauchen wir nicht zuletzt private Partner aus der Medienwirtschaft, zum Beispiel Verlage“, sagt der Verbandsdirektor. Ein erstes Beispiel ist der „VHS-Kampus“ für Fremdsprachen, zunächst das Englische und Spanische. Das Lernen am Bildschirm wird, wie bei aller Fernlehre üblich, durch ergänzende Seminare in der örtlichen VHS unterstützt.

Wird das zunehmende E-Learning die tausend unterschiedlichen Volkshochschulen vereinheitlichen? Aengenvoort antwortet blumig: „Sie werden gewiss ein bunter Strauß bleiben, aber doch mehr Ton in Ton.“

Hermann Horstkotte
Der Autor lehrt Geschichte an der Technischen Universität Aachen.
Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion

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September 2003

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