Institutionen

Deutsche Geisteswissenschaft goes Ausland – die Stiftung DGIA

Logo der DGIA; © DGIALogo der DGIA; © DGIADie Stiftung Deutsche Geisteswissenschaftliche Institute im Ausland (DGIA) betreibt weltweit Grundlagenforschung. Dabei entstehen Projekte, die auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in Deutschland helfen. Die Institute arbeiten deshalb zunehmend interdisziplinär.

Sie forschen über Glück, Alter, Gewalt und Fremdherrschaft, Bildung oder nationale Identität: die Niederlassungen der Stiftung Deutsche Geisteswissenschaftliche Institute im Ausland. Insgesamt zehn Institute gibt es, in ganz unterschiedlichen Teilen der Welt. Nur die Stiftung selbst hat ihren Sitz in Deutschland – und zwar in Bonn.

Die Ausrichtung auf die alleinige Forschung im Ausland macht die Stiftung einzigartig. Ziel der Institute ist es, einen besseren Eindruck über jene Themen zu bekommen, welche die Menschen vor Ort beschäftigen. Außerdem sollen sie den Kontakt zwischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in Deutschland und im Ausland fördern: „Durch ihre Erfahrungen in den jeweiligen Ländern können sie wichtige Impulse für die deutsche Wissenschaft geben“, sagt Harald Rosenbach, Geschäftsführer der Stiftung Deutsche Geisteswissenschaftliche Institute im Ausland.

„Japan ist für viele nicht leicht zu verstehen“

Außenansicht des Instituts in Tokyo; © DGIAAm Deutschen Institut für Japanstudien in Tokyo zum Beispiel gibt es einen Forschungsschwerpunkt zur demografischen Entwicklung in Japan; ein weiterer beschäftigt sich mit Glück und Unglück. Bei letzterem untersuchen die Forscher zum Beispiel die Darstellung der Ehe in Zeitschriften. Ein anderes Projekt analysiert die sich wandelnden Lebensläufe von japanischen Frauen. Institutsdirektor Florian Coulmas profitiert davon, dass er täglich beobachten kann, was die Menschen im Land bewegt: „Es ist nicht einfach, ein relevantes Forschungsthema zu formulieren, wenn man diesen Einblick nicht hat.“

Zwar hat Coulmas Kontakt zu vielen deutschen Kollegen. Im Moment entsteht zum Beispiel ein gemeinsames Forschungsprojekt mit der Freien Universität Berlin zur Lebenszufriedenheit von Familien. Doch wünscht sich Coulmas für sein Institut einen stärkeren Austausch mit deutschen Forschern: „Für uns ist der Transfer nach Deutschland eine permanente Herausforderung.“ Japan sei in vielen Fachbereichen weit weg, viele Wissenschaftler konzentrierten sich auf die Lage in Europa, Amerika oder Afrika: „Japan ist für viele nicht leicht zu verstehen.“

Prof. Dr. Raoul Motika (Direktor Istanbul) auf dem Orientalistentag in Marburg; © DGIAIn der thematischen Ausrichtung ihrer Institute haben die Direktoren viel Freiheit. Begleitet werden sie von je einem wissenschaftlichen Beirat mit insgesamt neun Mitgliedern, von denen sieben aus Deutschland stammen, die anderen aus dem Gastland. „So haben sie eine permanente Verbindung zur deutschen Wissenschaftsszene“, sagt Stiftungs-Geschäftsführer Harald Rosenbach. Um die Qualitätsstandards dauerhaft zu sichern, finden in Zukunft Evaluationen der Institute statt, so hat es auch der Wissenschaftsrat empfohlen. Diese beginnen in diesem Jahr in Tokyo, weitere Institute folgen.

Neue Freundschaft mit alten Feinden

Der Kontakt zu deutschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern soll auch dadurch verbessert werden, dass die Forschung auf Empfehlung des Wissenschaftsrates an den Instituten zunehmend interdisziplinär ausgerichtet wird.

Ausstellung in Beirut; © DGIADie ersten Institute betrieben allein historische Forschung, sie wurden deshalb überhaupt nur gegründet. Das älteste entstand 1888 in Rom. Ziel war es, Forscherinnen und Forschern die Vatikanischen Archive zugänglich zu machen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg kamen weitere Institute dazu, etwa in Paris oder Warschau. Zwar stand immer die Wissenschaft im Vordergrund, doch auch für die Politik waren diese Forschungseinrichtungen nicht ohne Nutzen: „Die Institute helfen auch, historische Ereignisse aufzuarbeiten“, sagt Harald Rosenbach, „und um neue Freundschaften mit alten Feinden zu schließen.“

Doch die Ausrichtung auf rein historische Themen erscheint vielen Forschenden nicht mehr zeitgemäß. Neue Einrichtungen, wie etwa das 2009 gegründete Orient-Institut in Istanbul, berücksichtigen von vornherein die Interessen unterschiedlicher Disziplinen. Dazu gehören Politikwissenschaften, Linguistik oder Soziologie. Forschungsschwerpunkte bilden Turkologie, Islamwissenschaft oder Iranistik, wobei auch die Entwicklungen in anderen Ländern berücksichtigt werden. Viele Aktivitäten werden sogar von einem internationalen Team aus Wissenschaftlern durchgeführt.

Klima wissenschaftlicher Öffnung

Panoramablick über Istanbul; © DGIA

Das Istanbuler Institut gehörte viele Jahre lang zum Orient-Institut in Beirut, das 1961 gegründet wurde. Wegen des Bürgerkriegs wurde es erst 1994 wiedereröffnet. Seit drei Jahren ist Stefan Leder Direktor des Instituts im Libanon, den Standort in Istanbul hat er mit aufgebaut. Das Institut in Beirut deckt verschiedene Themengebiete der arabischen Welt ab, darunter religiöse Gesänge und politische Ethik im Islam.

Dabei profitieren Leder und seine Kollegen vom Klima der wissenschaftlichen Öffnung, die heute im Libanon herrscht. „Das Ausmaß der Freiheit in der Meinungsäußerung und im persönlichen Lebensstil ist sehr hoch“, sagt er. „Dadurch haben wir einen enorm großen Bewegungsspielraum.“ Regelmäßig gebe es Abendvorträge zu unterschiedlichen Themen, die immer gut besucht seien. Vorträge finden in englischer, arabischer oder französischer Sprache statt.

Online gehen

Ausstellung in Beirut; © DGIAIn allen Instituten haben die ausgewählten Forscherinnen und Forscher die Möglichkeit, eigene Projekte ins Leben zu rufen. Manches Vorhaben ergibt sich aus der Beobachtung des Alltags in der Region.

Durch ein neues Büro in Kairo sollen die Erfahrungen unterschiedlicher Länder miteinander verglichen werden, ein eigenes Institut in Ägypten ist aber vorerst nicht geplant. Auch mit dem Institut in Istanbul wollen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Beirut weiterhin eng kooperieren. Konkrete Projekte gibt es schon. Neben gemeinsamen Forschungsprojekten ist auch eine Online-Publikation geplant.

Britta Mersch
arbeitet als freie Bildungsjournalistin, Dozentin und Moderatorin in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
März 2011

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