Dunkles Kapitel
Max-Planck-Gesellschaft untersucht ihre Geschichte

Spitzenforscher waren in die Rüstungspolitik und die medizinischen Verbrechen des Dritten Reiches stärker verstrickt als bisher bekannt. Das ist ein Ergebnis des sechsjährigen Forschungsprogramms, das die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) zur Aufklärung der Geschichte ihres Vorläufers, der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG), jetzt vorlegte.
Untersucht wurden unter anderem die Rassen- und Vererbungsforschung in den KWG-Instituten, die Rüstungsforschung, die agrarwissenschaftliche Forschung im Rahmen der NS-Expansionspolitik und die Rolle der Gesellschaft bei der Vertreibung jüdischer Wissenschaftler. Auf zehn Bände ist die Geschichte der KWG im Nationalsozialismus angelegt, die Ergebnisse sind teilweise publiziert, weitere Veröffentlichungen in Vorbereitung.
Teil des NS-Systems
Die KWG war über personale Verflechtungen in den militärisch-industriellen Komplex des Dritten Reiches eingebunden. Susanne Heim, die Projektleiterin des Forschungsprogramms: "In der Regel formulierten die Wissenschaftler ihre Forschungsfragen und -anträge selbst. Sie verstanden es dabei gut, sich der politischen Stimmungslage anzupassen, d.h. im Fall der Züchtungsforscher z.B. mit der 'Nahrungsfreiheit' Deutschlands zu argumentieren oder mit den zu erwartenden Erkenntnissen über Erbschädigungen und ganz generell ihre Arbeit als 'kriegswichtig' darzustellen."Viele Wissenschaftler, gerade auch in der Rüstungsforschung, hatten gute Kontakte zu Wehrmacht und Industrie und übernahmen wichtige Funktionen in Arbeitsausschüssen, die eine Ausrichtung der Forschung an den praktischen Erfordernissen der Aufrüstung gewährleisteten. Ein Beispiel ist die Agrar- und Züchtungsforschung: "Hier war die Verbindung zwischen Wissenschaft und Politik, vermittelt vor allem über die Person des Staatssekretärs und späteren Landwirtschaftsministers Herbert Backe, der ab 1941 Vizepräsident der KWG war, sehr eng."
Das bereits 1927 gegründete "Kaiser-Wilhelm-Institut (KWI) für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik" unter seinem Direktor Eugen Fischer stand dem NS-Regime ideologisch besonders nah und spielte eine herausragende Rolle bei der Vorbereitung der gesetzlichen Grundlagen der nationalsozialistischen Rassenpolitik. Fischer war ebenso wie der Direktor des KWI für Psychatrie, Ernst Rüdin, für die Regierung zudem als Gutachter bei Zwangssterilisationen tätig. Die Hirnforschung bediente sich in großem Umfang der Präparate von ermordeten KZ-Häftlingen. Anthropologen und Erbpathologen des KWI arbeiteten mit dem berüchtigten KZ-Arzt Josef Mengele kollegial zusammen.
Förderung von Elitewissenschaftlern
Die "Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung von Wissenschaft und Forschung" wurde am 11. Januar 1911 als eingetragener Verein unter dem Vorsitz des preußischen Kultusministers August von Trott zu Solz in Berlin gegründet. Mit der Gründung schloss sich Preußen einem internationalen Trend zur Errichtung von Forschungsinstituten an und stieß dabei auf großes Interesse bei Kaiser Wilhelm II. Der Kaiser gab der überwiegend durch privates Mäzenatentum finanzierten, aber staatlich kontrollierten Selbstverwaltungskörperschaft seinen Namen.Ziel war die Errichtung und Unterhaltung vorwiegend naturwissenschaftlicher außeruniversitärer Forschungsinstitute. Die dezentral verteilten Kaiser-Wilhelm-Institute (KWI) sollten Grundlagenforschung betreiben. Dafür wurden die Wissenschaftler von jeglicher Lehrverpflichtung freigestellt, erhielten die jeweils modernsten Apparaturen und einen großen Mitarbeiterstab. Unter diesen komfortablen Voraussetzungen gelangen bahnbrechende wissenschaftliche Entdeckungen, für die Persönlichkeiten wie Albert Einstein, Werner Heisenberg und der spätere Namensgeber Max Planck stehen. Aber auch der Chemiker Fritz Haber, auf den die Produktion des Giftgases für den Ersten Weltkrieg zurückgeht, hat in der KWG an prominenter Stelle gewirkt.
Bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 war den meisten Spitzenforschern ihre Karriere wichtiger als das Schicksal der jüdischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Allenfalls bei den Entlassungen der Prominenz, so die Studie der MPG, gab es Verzögerungen, in den mittleren und unteren Rängen wurde der Arierparagraf zügig durchgesetzt.
Späte Aufarbeitung
Nach dem Krieg wurde die KWG von Göttingen aus neu konstituiert und 1948 in die Max-Planck-Gesellschaft umgewandelt. Diese übernahm einen großen Teil der Institute und das verbliebene Vermögen der KWG.Warum es erst 60 Jahre nach Kriegsende zu einer umfassenden Aufarbeitung der NS-Geschichte der KWG kam, erklärt Projektleiterin Susanne Heim so: "Die Gründe liegen zum einen in der hohen personellen Kontinuität zwischen KWG und MPG. Auch die langjährige MPG-Ehrenpräsidentschaft Adolf Butenandts hat die Aufarbeitung der Vergangenheit eher verzögert als befördert. Zum anderen hat die Zurückhaltung der MPG auch mit dem Selbstbild der Gesellschaft als einer Vereinigung hochqualifizierter Wissenschaftler zu tun, die sich ausschließlich ihrer wissenschaftlichen Arbeit verpflichtet sahen, diese aber für gewissermaßen politisch neutral ansehen. Von einigen kompromittierten Ausnahmen ('Belastete') glaubte man sich distanzieren zu können." Butenandt (Nobelpreisträger Biochemie 1939), so die Studie, habe nach dem Krieg geholfen, Kollegen vom Vorwurf des Nazismus reinzuwaschen und immer die Vorstellung einer unpolitischen Wissenschaft vertreten, die nur der "reinen Lehre" verpflichtet sei.
Dazu passt, dass im Dritten Reich nicht unbedingt politische Ergebenheitsadressen verlangt wurden. "Viele trugen zum Prestige des NS-Staates gerade dadurch bei, dass sie als seriöse Wissenschaftler und nicht als Parteigänger der Nazis galten." Projektleiterin Susanne Heim resümiert: "Die Besonderheit des NS-Regimes lag nicht darin, dass es die Wissenschaftler gezwungen hätte, verbrecherische Menschenversuche durchzuführen. Der Unterschied zu den demokratischen Systemen lag in der Außerkraftsetzung ethisch-moralischer Regeln..." Den wissenschaftlichen Ehrgeiz vieler Forscher brauchte das Regime wohl gar nicht erst anzustacheln – es setzte ihm einfach keine Grenzen.
ist freier Journalist in Berlin und Leiter der Agentur Thomas Presse und PR, Berlin/Bonn.
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Juni 2005















