Schule und Lernen in Deutschland

Alles fließt: die „Wasserwerkstatt“ der Akademie Remscheid

Gewässeruntersuchung mit einem Küchensieb; Copyright: Kurs `Wasserwerkstatt´, Akademie RemscheidGewässeruntersuchung mit einem Küchensieb; Copyright: Kurs `Wasserwerkstatt´, Akademie RemscheidUmweltbildung ist zunehmend gefragt – etwa, um das komplexe „System“ Wasser zu verstehen. Auf eine neue, unorthodoxe Art der Vermittlung setzt die "Wasserwerkstatt: ein ganzheitlicher Ansatz, der Ökologie und Kunst verbindet.

Die 13 Kursteilnehmer der „Wasserwerkstatt“ an der Akademie Remscheid wissen noch nicht genau, was in den nächsten Tagen auf sie zukommt. Das gilt auch für den Diplom-Pädagogen Günter Klarner, Seminarleiter und Entwickler des Projekts. Die neugierig machende Unsicherheit ist gewollt. Denn der Kurs ist prozessorientiert angelegt. Es geht darum, ergebnisoffen zu arbeiten, das Programm zusammen zu gestalten und so gemeinsam zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Die teilnehmenden Pädagogen, Lehrer und Sozialarbeiter sollen diese Methode später mit Jugendlichen in Ferienaktionen, Ökologie-Projekten, Jugendkunstschulen, Waldschulen oder naturnahen Jugendherbergen umsetzen. Dabei will die „Wasserwerkstatt“ Natur, Naturkunde und bildende Kunst zu einem spannenden Lernfeld für Kinder und Jugendliche verknüpfen.

Gleich neben der Akademie fließt die Wupper: ein idealer Lehr-Ort für die „Wasserwerkstatt“. Mit einer Digitalkamera und Objekten wie Steinkugeln und einer Barbie-Puppe im Gepäck machen sich die „Schüler“ und „Schülerinnen“ auf den Weg. Sie sollen Fotos vom fließenden Wasser machen. Die mitgebrachten Gegenstände werden ins Wasser geworfen, gehen unter und erzeugen im Fließgewässer immer neue Wellenformen. So entstehen Motive, die sich ständig verändern. Die spätere Diskussion löst Fragen aus: Was ist der Charakter eines Bildes? Inwieweit entspricht ein konstruiertes Bild der Wirklichkeit? Der Vergleich mit der Fotoaussage und den vor Ort gesammelten Eindrücken soll auch dazu herausfordern, Fotos mit neuen, kritischen Augen zu sehen.

Der Salamander im Küchensieb

Bachbewohner Salamander; Copyright: Kurs `Wasserwerkstatt´, Akademie RemscheidZur interdisziplinären Arbeit an der Wupper gehört die Betrachtung seiner Bewohner. Mit Küchensieben fischen die Laienforscher Wassertiere wie Egel, Larven, Schnecken und Minikrebse aus dem Fließgewässer. Sogar ein Salamander ist dabei. Unter der digitalen Lupe erscheinen winzig kleine Fliegenlarven später am Computerbildschirm im Seminarraum gigantisch groß. Durch diesen vergrößernden Blick lernen die Teilnehmer der „Wasserwerkstatt“ die Vielfalt des Lebendigen auch im Kleinen kennen. Die Ergebnisse werden später für eine Präsentation auf einer Website oder auf CD-ROM aufbereitet.

Strömungsbeobachtung und Kunst: Marmorbilder aus der Wasserwanne; Copyright: Kurs `Wasserwerkstatt´, Akademie RemscheidNach der ökologischen Untersuchung wird eine Brücke zur Bildenden Kunst geschlagen. Dazu tropfen die Teilnehmer Ölfarbe in eine Wasserwanne und verteilen sie mit einem Stöckchen. Anschließend ziehen sie vorsichtig ein Papier über die Wasseroberfläche. Das Ergebnis sind Marmorbilder mit Spiralen und Faltungen, die der Fluss der Farben auf dem Papier erzeugt hat. Diese Formen werden mit analogen Strukturen aus der Umgebung – etwa mit den ähnlichen Mustern der Baumrinden – verglichen. Dort sind die gleichen Wirbel auszumachen. Später bauen die Teilnehmer mit einfachen Materialien wie Knete, Stöckchen oder Gittern einen Experimentier- und Spielbrunnen. So entsteht in der „Wasserwerkstatt“ auch dreidimensionale Kunst.

Ganzheitliches Denken

Teilnehmer beim Brunnenbau; Copyright: Kurs `Wasserwerkstatt´, Akademie RemscheidAuf den ersten Blick scheint die Auseinandersetzung mit ökologischen Themen mit spielerisch-künstlerischen Elementen in der „Wasserwerkstatt“ gewöhnungsbedürftig. Doch Günter Klarner, selbst Autodidakt auf dem Gebiet der Ökologie und der neuen Medien, ist ein überzeugter Verfechter des Konzepts. Für den freiberuflichen Diplom-Pädagogen, der schon seit 15 Jahren in der Umweltbildung arbeitet, setzt die ganzheitliche Betrachtung der Natur Denkprozesse in Gang, die sich in einem 45-minütigen Schulstunden-Rhythmus nicht entwickeln würden. Kein Pausenklingeln soll den „Flow“, wie er das nennt, unterbrechen.

„Wer einen offenen Lernkontext anbietet, kommt heraus aus dem Fächerdenken und denkt übergreifender“, unterstreicht Klarner. Für ihn erleichtert der sinnliche Umgang mit dem „System“ Wasser dem Menschen auch die ökologische Annäherung. Das Bewusstsein für Wasser und seine Rolle im globalen Ganzen wird so geschärft.

Ausschnitt aus dem selbstgebauten Experimentier- und Spielbrunnen; Copyright: Kurs `Wasserwerkstatt´, Akademie RemscheidDie „Wasserwerkstatt“ ist offizielles Projekt der UN-Weltdekade „Bildung für eine nachhaltige Entwicklung“: ein Qualitätssiegel, das die selbsttätige Wissensaneignung, den partnerschaftlichen Umgang mit der Umwelt und die Qualifikation zum Umgang mit komplexen Systemen in den Mittelpunkt stellt. Finanzielle Zuschüsse sind damit nicht verbunden.

Ines Gollnick
arbeitet als freie Journalistin in Bonn. Ihre thematischen Schwerpunkte sind Politik, Medien, Bildung und Gesellschaft.

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November 2008

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