Sprachenvielfalt im Thüringer Wald – das Spezialgymnasium Salzmannschule

Aussprache üben, Grammatik pauken und Vokabeln büffeln: Das ist beim Erwerb von Fremdsprachen Pflicht. Bei zwei neuen Fremdsprachen innerhalb der Schullaufzeit stoßen deshalb viele Schüler an ihre Grenzen. Nicht so an der Salzmannschule im thüringischen Schnepfenthal: Hier müssen bereits die Sechstklässler zwei neue Sprachen lernen, Abiturienten sogar gleich vier. Marie Burghardt ist 19 Jahre alt. In diesem Sommer hat sie mit einem Notendurchschnitt von 1,2 ihr Abitur gemacht. Dieser hervorragende Notenspiegel wäre bereits an einem normalen Gymnasium Grund genug, um neidisch zu sein. Bei Marie ist er noch viel beeindruckender. Denn die junge Frau hat ihre Allgemeine Hochschulreife an der Salzmannschule erworben.
Die Salzmannschule ist ein staatliches Spezialgymnasium für Sprachen und fordert seinen Schülern jede Menge ab. So belegte Marie neben Englisch, das sie in der fünften Klasse als Pflichtfach hatte, in ihrem zweiten Jahr am Gymnasium bereist Japanisch. Später standen noch Russisch, Französisch und Spanisch auf dem Stundenplan. „Englisch und Spanisch spreche ich fließend“, sagt Marie. „In den restlichen Sprachen kann ich mich aber auch auf der Straße mit Einheimischen unterhalten."
Sechs Sprachen bis zum Abitur
Mit diesem Sprachenrepertoire ist Marie Burghardt keine Ausnahme an der Salzmannschule im Thüringer Wald, im Gegenteil: Sie hat damit lediglich das Pflichtrepertoire an der Schule abgedeckt. Denn das Unterrichtspensum an der 1784 gegründeten Schule hat es in sich. So haben die Schüler dort ab der fünften Klasse 40 Wochenstunden Unterricht – und das konstant bis zum Abitur. Üblich sind an anderen deutschen Gymnasien Unterrichtswochen von 33 oder 36 Stunden.
Hinzu kommt, dass bis zu den Abiturprüfungen mindestens vier Fremdsprachen erlernt werden müssen. Neben Englisch als erster verpflichtender Fremdsprache stehen Arabisch, Chinesisch und Japanisch als zweite Fremdsprache ab der sechsten Klasse zur Wahl. Später folgen dann Spanisch, Französisch, Italienisch oder Russisch, aus denen in der achten und neunten Klasse noch zwei Sprachen gewählt werden müssen. „Es kommt aber auch vor, dass Schüler bis zu sechs Sprachen bis zum Abitur belegen“, sagt Marie Burghardt. Teilweise erfolgt der Unterricht dann bilingual. Das Fach Geschichte wird in englischer Sprache unterrichtet.
Harte Tests für guten Durchschnitt
Um an der Salzmannschule aufgenommen zu werden, muss man nicht hochbegabt sein. Aber jeder potenzielle neue Schüler muss eine eintägige Aufnahmeprüfung durchlaufen. Hierbei werden der Leistungsstand in Deutsch, und gegebenenfalls einer Fremdsprache getestet, aber auch die kognitiven Fähigkeiten der zehnjährigen Bewerber. Die Universität Erfurt begleitet das Aufnahmeverfahren wissenschaftlich. Ein Expertenteam berät und entscheidet über die Eignung der Kandidaten. Von bis zu 120 Bewerbern pro Schuljahr schafft es am Ende knapp die Hälfte. Diesen allerdings winkt nach Angaben der Oberstufenleiterin Birgit Jarry eine erfolgreiche Schulkarriere: „Unser erster Abiturjahrgang hat im Sommer mit einer 1,8 als Durchschnittsnote abgeschlossen.“
Um das zu schaffen, müssen die aktuell 410 Schüler aber „am Ball bleiben“, wie die stellvertretende Schulleiterin Kerstin Bitter betont. Statt herkömmlicher Hausaufgaben bekommen die Mädchen und Jungen Arbeitsaufträge, die sie in den „Studierzeiten“ am Nachmittag mit der Unterstützung von Lehrern oder älteren Schülern bearbeiten müssen. „Eigenverantwortliches Handeln“ ist an der Salzmannschule nicht nur ein Schlagwort. So werden die Schüler angehalten, die Lehrer bei der Aufsicht zu unterstützen, das Gelände zu pflegen oder eines der Freizeit- oder Arbeitsgemeinschaftsangebote zu leiten: Dazu gehören ein Keramik-, Sport-, Theater- und Debattierklub, eine Diskussions- und Fotogruppe sowie viele sportliche Angebote.
Zum Praktikum ins Ausland
Auch das herkömmliche Betriebspraktikum wird für die Schülen im Thüringer Wald zu einer echten Bewährungsprobe. So wird darauf geachtet, dass jeder Elftklässler möglichst einen Praktikumsplatz im Ausland findet. Der vierwöchige Kontakt zur Arbeitswelt verschlägt die Schüler dann schon mal nach Mexiko, Kuba, China oder Syrien, wo die erworbenen Sprachkenntnisse sofort zur Anwendung kommen. Marie Burghardt beispielsweise besuchte eine Nachrichtenagentur in Japan. „Ich wollte das Land kennen lernen und meine Sprache verbessern“, erklärt sie ihre Wahl ihres Praktikumsplatzes.
Als staatliches Gymnasium kostet der Besuch der Salzmannschule kein Geld. Allerdings müssen Eltern für die Unterbringung, Betreuung und Verpflegung im angegliederten Internat rund 250 Euro pro Monat zahlen. Doch das tut dem Zulauf der Schule keinen Abbruch: Rund 90 Prozent aller Salzmannschüler sind gleichzeitig auch im Internat untergebracht. Da das Sprachenkonzept der Schnepfenthaler Schule in Deutschland einzigartig ist, kommen die Schüler aus dem ganzen Bundesgebiet, teilweise sogar aus dem Ausland. „Natürlich ist für Fünftklässler die erste Zeit im Internat immer mit Heimweh verbunden“, erklärt Marie Burghardt. „Aber dafür entwickeln die Schüler untereinander einen großen Zusammenhalt. Und wer die Eltern anrufen möchte, kann das jederzeit über ein Telefon auf dem Internatsflur oder über das Handy machen.“
Gelernte Toleranz
Marie selbst möchte ihre Erfahrungen an der Salzmannschule nicht missen. „Ich glaube, ich habe gelernt, toleranter gegenüber anderen Kulturen zu sein“, sagt sie. Geholfen haben ihr dabei nicht nur der Sprachenunterricht, sondern ganz speziell die Lehrer. „Das sind fast nur Muttersprachler. Und die vermitteln nicht nur die Sprache, sondern können auch etwas zur Kultur des jeweiligen Landes erzählen.“
Dies alles hat zwar noch nicht dazu geführt, dass Marie Burghardt sich für eine bestimmte Berufslaufbahn entschieden hätte. Aber es hat einen großen Wunsch in ihr reifen lassen: „Ich weiß mittlerweile ganz sicher, dass ich später im Ausland arbeiten möchte.“ Fünf erlernte Fremdsprachen werden ihr das einfach machen.
arbeitet als Bildungsjournalist in Köln.
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Oktober 2009
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