Hochschule und Studium in Deutschland

Marktplatz statt Elfenbeinturm: Wissenschaftsvermittlung

Aktion von Wissenschaft im Dialog; © Wissenschaft im DialogHomepage des Schreiblabors der Universität Bielefeld; © Universität BielefeldFür die wissenschaftliche Laufbahn muss man schreiben können. Daher haben viele Hochschulen inzwischen Schreibzentren für Studierende gegründet. Forscher brauchen indes noch mehr als eine „gute Schreibe“: Sie sollten das ABC der Wissenschaftskommunikation beherrschen. Und dieses ABC ist multimedial.

Gymnasien geben nur Abiturienten an die Hochschulen ab, die korrekt schreiben und wissenschaftlich arbeiten können. So sollte man meinen. Die Wirklichkeit indes sieht anders aus. „Abiturienten haben gelernt, Wissen zu akkumulieren und zu reproduzieren“, heißt es auf den Internetseiten des Schreiblabors der Universität Bielefeld. „Als Studienanfänger müssen sie sich umstellen auf eine andere Art des produktiven Umgangs mit Wissen.“

DFG Science-TV; © DFGAnfang der neunziger Jahre hat die Universität ihr Schreiblabor gegründet und nach dem Strickmuster amerikanischer Schreibzentren aufgezogen. Es richtet sich sowohl an Studierende als auch an Lehrende. Ziel ist es, das Schreiben als Werkzeug des aktiven Lernens – als eines von mehreren „Vehikeln wissenschaftlicher Kommunikation“ – zu nutzen.

Heutzutage gibt es ein Riesenangebot an Studien, die für den Alltag der Menschen von Bedeutung sind. Nur die wissenschaftliche Kommunikation macht es möglich, dass die relevanten überhaupt von einem breiteren Publikum wahrgenommen werden.

Schreiben als Vorschule der Wissenschaft

Aktion von Wissenschaft im Dialog; © Wissenschaft im Dialog„Früher habe ich lange und komplizierte Seminararbeiten geschrieben, die eigentlich unleserlich waren“, sagt Thomas Welskopp, Professor für Geschichtswissenschaft an der Universität Bielefeld. „Erst in den USA habe ich das Schreiben gelernt“. Eine entscheidende Erfahrung hat den Historiker an der amerikanischen John Hopkins Universität in Baltimore weitergebracht: Das war, als sich ein Tutor die Zeit nahm, die Seminararbeit des damaligen Studenten bis ins Kleinste zu korrigieren.

An amerikanischen Hochschulen gehören Schreibzentren schon seit Jahrzehnten zum akademischen Alltag. Das professionelle Schreiben wird dort eben nicht ins Ghetto des Literaturbetriebs verbannt.

Autorenteams mit Journalisten

Kinderuniversität der TU Berlin; © TU Berlin/BöckUm die die Früchte ihrer Arbeit in Zeitungen zu platzieren, müssen Forscherinnen und Forscher aber noch nicht einmal interessant schreiben können. Was sie brauchen, sind aufgeschlossene Journalisten. So hat etwa Henning Noske, Redakteur der Braunschweiger Zeitung, dabei zugesehen, wie Forscher aus einem Naturstoff ein neues Krebsmedikament entwickelten. In afrikanischen Erdproben fahndeten die Naturwissenschaftler Gerhard Höfle und Hans Reichenbach vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung nach neuen Bakterienarten – und entdeckten „Sorangium cellulosum“. Als sie daraus das Stoffwechselprodukt „Epothilon“ isolierten, wussten sie zunächst noch nicht, dass Pharmazeutiker daraus ein neues Krebsmedikament gewinnen würden.

Journalist Noske heftete sich an ihre Fersen. Über Monate hinweg führte er Gespräche mit den Forschern, die ihm alle wichtigen Informationen über die Entstehung des neuen Medikaments lieferten und Details aus Verhandlungen mit amerikanischen Pharmafirmen verrieten. „In diesem seltenen Fall brauchte ich die Interviews noch nicht einmal durch die Forscher autorisieren zu lassen”, sagt Noske. Für die eindrucksvolle, neunteilige Serie in der Tageszeitung gewann das Autorenteam den ersten Preis beim hoch dotierten Wettbewerb „Hauptsache Biologie“.

Wissenschaft auf dem Marktplatz

Science-TV der DFG; © DFG„Vor zehn Jahren hinkte Deutschland in der Wissenschaftskommunikation noch deutlich hinterher“, sagt Eva Maria Streier, Pressesprecherin der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). „Seither hat sich ungemein viel getan – nicht zuletzt deshalb, weil sich die großen Wissenschaftsorganisationen zur Initiative Wissenschaft im Dialog zusammengeschlossen haben“. Dass sich Hochschulen auf den Marktplatz der Öffentlichkeit begeben, ist auch der Tatsache geschuldet, dass immer noch zuwenig junge Menschen studieren. Durch die Flucht nach vorn in die Medienlandschaft soll nicht zuletzt der talentierte Nachwuchs in die Universitäten gelockt werden.

Deswegen wenden sich Hochschulen schon an Grundschüler. An den Kinderuniversitäten schneidern Forscher den Wissensstoff auf die Erlebniswelt und die Vorkenntnisse der Kinder zu. Und sie machen überall in Deutschland Wissenschaften zum Erlebnis für die Massen: beispielsweise mit der MS Wissenschaft, dem schwimmenden Wissenschaftscenter von „Wissenschaft im Dialog“ (WiD). Außerdem tragen Jahr für Jahr Wissenschaftler aus allen Disziplinen bei „Wissenschaftssommern“ oder bei „Langen Nächten der Wissenschaften“ ihre Forschungsergebnisse so vor, dass sie jeder Laie verstehen kann. Dies wiederum motiviert die Forscher, sich mehr mit Lehre und Wissenschaftskommunikation auseinanderzusetzen.

Science-TV: Wissenschaften sichtbar machen

Der Trend zur Popularisierung der Wissenschaften schwappte in den neunziger Jahren von England nach Deutschland über. Wissenschaftstransfer sollte nicht mehr nur von oben nach unten, sondern möglichst im Dialog und auf gleicher Augenhöhe vor sich gehen. Im Anschluss an die englische Bewegung kam die deutsche Kampagne „Public Understanding of Science and Humanities“ (PUSH) auf. „Wissenschaft im Dialog“ ist deren offizielle Plattform.

Inzwischen wird Wissen längst nicht mehr nur über Worte vermittelt. Wissenschaftsorganisationen setzen zunehmend auf bewegte Bilder, von denen eine enorme Faszination ausgeht – vor allem für Jugendliche. So stellen Wissenschaftler selbst gedrehte, etwa dreiminütige Videofilme auf einem „Science TV” genannten Portal der DFG ein, um sie zu ködern.

„Liebe à la Darwin“ lautet einer der Titel der insgesamt zehn Forschungstagebücher mit mehreren Folgen. Verhaltensbiologen der Universität Göttingen treten dort den Beweis an, dass es bei der Liebe nicht allein auf innere Werte ankommt, sondern auch auf das biologische Erbe. Im Zuge ihrer Evolution hat die Wissenschaft neben den beiden Standbeinen „Forschung“ und „Lehre“ im 21. Jahrhundert also ein drittes bekommen: „Kommunikation“.

Arnd Zickgraf
arbeitet als Wissenschaftsjournalist und Publizist in Bonn.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Oktober 2009

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de

Links zum Thema

Gesichter der Wissenschaft

Wissenschaftler, deren Laufbahn sich durch ungewöhnliche Wege und besondere Erfolge auszeichnet

Deutschland denkt

Deutschland denkt
Deutsche Wissenschaftler gibt es viele, aber wie findet man genau die wissenschaftlichen Experten, die für ein aktuelles Projekt gebraucht werden?

Deutsch in den Wissenschaften

Welche Rolle spielt Deutsch als Wissenschaftssprache? Eine Konferenz und ein Kreativwettbewerb wollen das herausfinden.

Interkulturpreis 2012: Soziologie

Das Goethe-Institut lobt im Rahmen des 36. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie einen Preis für den soziologischen Nachwuchs aus

Twitter: @GI_Journal

Aktuelles aus Kultur und Gesellschaft in Deutschland

WWWege zur Germanistik

Kommentierte Linksammlung wichtiger Links zu Germanistik & Nachbardisziplinen

Zukunftswerkstatt 2008-2010

Netzwerk junger Wissenschaftler aus Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Serbien und Deutschland


Wissenschaftsberichte