Hochschule und Studium in Deutschland

Schutz für Orchideenfächer: Studie belegt ihre Bedeutung

Logo der Abteilung für Mongolistik und Tibetstudien; © Universität BonnLogo der Abteilung für Mongolistik und Tibetstudien; © Universität BonnDurch die Unterfinanzierung deutscher Universitäten kam es zu einer Ausdünnung des Studienangebots, oft zu Lasten der kleinen Fächer mit wenig Professoren und Studierenden. Eine Studie, die der Minister für Innovation, Wissenschaft, Forschung und Technologie des Landes Nordrhein-Westfalen in Auftrag gegeben hat, zeigt nun, wie wichtig gerade diese Fächer für den Wissenschaftsstandort Deutschland sind.

Die Universität Bonn unterhält eine Abteilung am Institut für Orient- und Asienwissenschaften, die ihresgleichen in Deutschland sucht. Es ist die Abteilung Mongolistik und Tibetstudien, für die zwei Professoren verantwortlich sind. Im letzten Jahr setzte sich die Abteilung aufgrund ihrer hervorragenden Kontakte in die Mongolei gegen einige ausländische Institute durch und arbeitet nun in einer Forschungskooperation mit mongolischen Wissenschaftlern und unter Einbezug der Gerda-Henkel-Stiftung an archäologischen Ausgrabungen in dem zentralasiatischen Land.

Wie in ganz Deutschland, so gibt es auch in Nordrhein-Westfalen zahlreiche kleine Studienfächer. Diese sogenannten Orchideenfächer, die aufgrund ihrer Studierendenzahlen hinter den großen Fächern wie etwa den Wirtschafts- oder Rechtswissenschaften weit zurückliegen, bringen hervorragende Forschungsergebnisse hervor und sind in ihren Bereichen nicht selten weltführend. So fördert etwa die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) einen Sonderforschungsbereich am Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität zu Köln; an der Universität Münster wurde im Rahmen der Exzellenzinitiative der Cluster „Religion und Politik“ bewilligt.

„Bedeutung für das Weltverständnis“

Plakat zur Eröffnung des Exzellenzclusters „Religion und Politik“; © Westfälische Wilhelms-Universität Münster„Diese Fächer stehen zu Unrecht nicht im Mittelpunkt“, sagt auch Moritz Ballensiefen, Pressereferent am Ministerium für Innovation, Wissenschaft, Forschung und Technologie des Landes Nordrhein-Westfalen. Dessen Bildungsminister Andreas Pinkwart hatte 2007 eine Studie zu Fächern der „Sprachen und Kulturen ausgewählter Epochen und Regionen“ in Auftrag gegeben. Sie sollte klären, wie kleinere Fächer aufgestellt sind und wo Potenziale liegen. Warum dies gerade in Nordrhein-Westfalen als größtem Bundesland geschah, liegt auf der Hand: Hier ist die Dichte an Universitäten besonders groß, die Entfernung zueinander gering. Und: Die Universitäten in NRW haben eine alte und große Tradition, die oftmals das klassische Fächerspektrum bedient.

„Die zu evaluierenden Fächer haben nach Meinung der Gutachtergruppe durchweg eine hohe Bedeutung für das Weltverständnis unserer Gesellschaft im Rahmen ihrer eigenen Kultur sowie für die Kenntnis und das Verständnis fremder Kulturen“, resümiert die Studie. „Die Fächer leisten damit einen unverzichtbaren gesellschaftlichen Beitrag.“ Allein unverfälschte und authentische Kenntnisse der eigenen sowie fremder Kulturen würden einen angemessenen Umgang mit grundlegenden Werten und Vorstellungen innerhalb des eigenen Horizontes erlauben, heißt es weiter: „Darüber hinaus führen sie zur Wahrnehmung von Leitideen auch ferner stehender Kulturen, die jenen Horizont erweitern und den Blick perspektivisch öffnen. Das eingehende Studium und die vertiefte Kenntnis der hier relevanten Sprachen und Traditionen ist zugleich die Basis für vergleichende Analysen aktueller Konstellationen und Prozesse im globalen Maßstab.“

Wissenslandschaft der Orchideenfächer

Museum der Universität Bonn; © Universität Bonn/Frank Homann„Wir haben eine besondere Verantwortung“, betont auch Professor Dr. Hans-Joachim Gehrke, Präsident des Deutschen Archäologischen Instituts in Berlin. „Wir sind eine zivilisierte Nation mit Kenntnissen über fremde Nationen und es muss möglich sein, sich mit solchen Dingen in Deutschland zu beschäftigen.“ Gehrke ist Vorsitzender der Expertenkommission, die den Evaluationsbericht erarbeitete. Er sieht die Orchideenfächer in Deutschland bedroht. „In Zeiten, in denen gespart werden muss, setzen die Unis auf Profilierungsmaßnahmen. Fächer, die wenig im Rampenlicht stehen, wurden da schon mal geschlossen.“

„Die kleinen Fächer bringen auch ökonomische Vorteile mit sich“, ist sich Gehrke sicher. In gewissen Ländern und bei bestimmten Gesprächen will man zum Beispiel keine Dolmetscher dabei haben, sondern Mitarbeiter, die der Sprache mächtig sind. Überhaupt: In einer globalisierten Welt gehören solche Fächer einfach dazu.

Auch bei der Kultusministerkonferenz der Länder (KMK), der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) und dem Wissenschaftsrat (WR) reagiert man auf die Problematik. Zusammen arbeitet man momentan an einer Kartierung sämtlicher kleiner Fächer in Deutschland, um einen Überblick zu erhalten. Dies ist nicht einfach, denn die jeweiligen Disziplinen lassen sich selten vergleichen. Jede Universität hat ihre eigene Spezialisierung.

Perspektiven für den Nachwuchs fehlen

Universität Bonn; © Universität Bonn/Dr. Thomas MauersbergDas Wichtigste für die Bestandserhaltung der kleinen Fächer ist die Berufung neuer Professoren. „In Fächern, in denen es nur einen Professor gibt, kann eine Fehlbesetzung fatale Folgen haben“, betont Gehrke, „sie kann ein ganzes Fach zugrunde richten." Eine qualitätsvolle Berufung müsse von daher oberste Priorität haben. Andere Empfehlungen sind die Einführung von Nachwuchsförderprogrammen sowie die Vernetzung der Universitäten untereinander. Der neue modulartige Aufbau der Curricula ist hierbei hilfreich. Doch Gehrke warnt: „Die Bedeutung der eigenen Disziplin darf niemals vergessen werden, sie muss gewahrt bleiben und nach außen vertreten werden.“

Christoph Berger
arbeitet als freier Journalist und Redakteur in Berlin.

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November 2009

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