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Pilotprojekt „Scholars in Residence“ – ein Beitrag zum Jahr der Außenwissenschaftspolitik

Logo „Wissenswelten verbinden“; © Auswärtiges AmtLogo „Wissenswelten verbinden“; © Auswärtiges AmtZur Stärkung des Wissenschaftsstandorts Deutschland und zur Steigerung seiner Attraktivität im internationalen Wettbewerb um die „besten Köpfe“ hat das Auswärtige Amt 2009 zum „Jahr der Außenwissenschaftspolitik“ proklamiert. Aus diesem Anlass hat sich das Goethe-Institut mit dem Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI) zusammengetan und das Programm „Scholars in Residence“ auf den Weg gebracht.

Das Goethe-Institut hat es stets als eine wichtige Aufgabe betrachtet, die Innovationskraft der deutschen Wissenschaft und Forschung in aller Welt zu präsentieren und den internationalen akademischen Dialog zu fördern, wozu es mit seinen zahlreichen Auslandsniederlassungen geradezu prädestiniert ist. So war es für das Institut auch ganz selbstverständlich, einen eigenen Beitrag zum „Jahr der Außenwissenschaftspolitik“ zu leisten.

Potenziale für auswärtige Kulturpolitik

Bereits frühzeitig hat man sich in der Zentrale in München Gedanken darüber gemacht, wie man eigene Akzente setzen könnte, ohne in Konkurrenz mit anderen Mittlern zu treten. In der gemeinsamen Überzeugung, dass die Leistungen der international hoch angesehenen deutschen Geistes- und Sozialwissenschaften bedeutende Potenziale für die auswärtige Kulturpolitik bergen, ist das Goethe-Institut mit dem Kulturwissenschaftlichen Institut (KWI) in Essen übereingekommen, in diesem Bereich initiativ zu werden.

Da dort bereits Kooperationen im Gange waren, lag es nahe, zunächst einmal die Felder Wirtschaftsethik, Migration sowie Kultur und Klimawandel auf ihre internationale gesellschaftliche Relevanz und ihre Tauglichkeit für grenzüberschreitende Interessengemeinschaften zu überprüfen. Am Ende dieses Sondierungsprozesses wurde das Pilotprojekt „Scholars in Residence“ aus der Taufe gehoben, das mehrwöchige gegenseitige Gastaufenthalte hoch qualifizierter Nachwuchsforscher aus den internationalen Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften vorsieht.

Vernetzung der Wissenschaftsszenen


Dr. Carmen Meinert; © privatDas Residenzprogramm soll den Ausbau internationaler wissenschaftlicher Kontakte unterstützen und den inner- und interdisziplinären Dialog zwischen Exponenten der „öffentlichen Wissenschaft“ fördern, die ein breites Publikum anspricht. KWI und Goethe-Institut versprechen sich von dieser dialektischen Perspektive einen Zugewinn an Aktivität im Kulturprojekt- und Forschungsbereich. Von der Vernetzung der Wissenschaftsszenen erwarten sich die Partner die Entfaltung einer produktiven Eigendynamik, von den Gastaufenthalten die Gewinnung neuer Botschafter und Türöffner für Deutschland im Ausland.

Buddhologie und Klimaschutz

Zum Auftakt des Residenzprogramms im Herbst 2009 wurden die ersten sechs Bewerber ausgewählt. So wird die Sinologin Dr. Carmen Meinert von der „Forschergruppe Klima“ der Global Young Faculty in Essen für zwei Monate nach Hongkong reisen. Die Expertin für chinesische und tibetische Religion sieht in der Rückbesinnung auf den im Kern naturbewahrenden Buddhismus eine Chance zur Bewältigung der massiven Umweltprobleme, unter denen die Milliardenbevölkerung des zur Weltwirtschaftsmacht aufstrebenden Schwellenlands zu leiden hat. Und liegt damit offenbar ganz auf der Linie der Staatsführung in Peking, die durch Duldung den einst vehement unterdrückten religiösen Traditionen derzeit zu einer Renaissance verhilft.

Meinerts Kooperationspartner ist Dr. Xue Yu vom Center for the Study of Humanistic Buddhism am Department of Cultural and Religious Studies der Chinese University of Hongkong. Bei seinem Besuch in Deutschland will sie ihn in die hiesigen Kreise der buddhologischen Forschung einführen, mit denen sie regen Kontakt pflegt.

Dr. Christian Gudehus; © privatDa der neu am KWI eingerichtete Forschungsschwerpunkt „Klimakultur“ auch eine Verbindung von Theorien und Methoden der Erinnerungsforschung mit Studien zur Umweltwahrnehmung und Katastrophenerinnerung herstellt, kommt Dr. Christian Gudehus als Teilnehmer des Residenzprogramms zum Zuge. Der 41-jährige Forscher und Wissenschaftliche Geschäftsführer des Center for Interdisciplinary Memory Research des KWI in Essen interessiert sich vor allem für die Kausalitäten und Zusammenhänge von Klimaerwärmung, kollektiver Gewalt, Migration und Erinnerung.

Gewalt und Erinnerung

Dr. Daniel Eduardo Feierstein; © privatGudehus hat sich mit dem Sozialwissenschaftler Dr. Daniel Eduardo Feierstein vom Center of Genocide Studies der Universidad Nacional de Tres de Febrero in Buenos Aires für den Austausch beworben. Wie er setzt sich der 42-jährige Argentinier mit der Verarbeitung von Massengewalt auseinander, einem Phänomen, das in Südamerika nach Jahrhunderten Völkermord, Unterdrückung, Bürgerkrieg und Diktatur das Schicksal von Millionen ist. Feierstein interessiert sich in Deutschland für die Erforschung der psychosozialen Auswirkungen und generationsübergreifenden Fortwirkungen der NS-Verbrechen mit ihren Folgeerscheinungen wie Flucht und Vertreibung.

Ein Ticket nach Warschau lösen kann schließlich die Doktorandin Anne-Katrin Lang. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin des KWI-Projekts „Europäische Geschichtspolitik“ wird sich dort mit Dr. Zofia Wóycicka austauschen. Die polnische Holocaustforscherin engagiert sich derzeit für das im Bau befindliche Museum of the History of Polish Jews, das auf dem Gelände des ehemaligen Warschauer Ghettos errichtet wird.

Roland Detsch
arbeitet als Freier Redakteur, Journalist und Autor in Landshut und München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Dezember 2009

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