Hochschule und Studium in Deutschland

Stiftungsprofessuren – Profilierungsmotor oder private Einflussnahme?

Gerhard Fettweis im Hörsaal; © TUD/EckoldGerhard Fettweis im Hörsaal; © TUD/EckoldAkademische Bildung ist in Deutschland Staatsaufgabe. Aber es gibt auch Stiftungsprofessuren aus privatem Geld. Sie können zu Innovationstreibern werden – und der einzelnen Hochschule individuelles Profil verleihen.

Der Professor trägt zur Vorlesung das Werbe-T-Shirt eines Mobilfunkunternehmens: Das war vor 15 Jahren die Angstvorstellung, als der 32-jährige Gerhard Fettweis an der Technischen Universität Dresden (TUD) den neuen Stiftungslehrstuhl für Nachrichtentechnik von Vodafone übernahm.

Die Bedenken indes waren unbegründet. Das stellt auch Hannes Lehmann, Dezernent für Forschungsförderung an der TUD, nachdrücklich klar: „Aufgrund der gesetzlichen Freiheit von Forschung und Lehre kann jede Hochschule und jeder Professor ja immer selbst entscheiden, wie Arbeit und Zusammenarbeit konkret aussehen sollen.“

Afrikanistik und Klimaschutz

Technische Universität Dresden; © TUD/EckoldIn ganz Deutschland gibt es derzeit 660 Professuren, die von Privatpersonen, Unternehmen oder anderen Wohltätern gestiftet wurden. Das sind knapp zwei Prozent. Sie ergänzen und bereichern das Angebot in Forschung und Lehre um Felder, die sonst nicht so intensiv gepflegt werden würden: um die medizinische Behandlung von Essstörungen etwa, oder um Sportmarketing und Afrikanistik. In technischen Fächern sind Stiftungsprofessuren vor allem Innovationstreiber etwa für Energieeffizienz und Klimaschutz. Dabei liegt die Förderung zumeist im Eigeninteresse der Geldgeber, zum Beispiel deutscher Stromkonzerne.

Tatsächlich werden gesponserte Lehrstühle in der deutschen Öffentlichkeit oft als Fremdkörper angesehen: als Hebel, um privaten Einfluss auf Profil und Programm, die Selbstverwaltung staatlicher Universitäten und Fachhochschulen auszuüben. Bildung von Kindergarten bis zur Doktorprüfung gilt in Deutschland im wesentlichen als staatliches Pflichtangebot.

Spitzenreiter Bayern und Baden-Württemberg

Um die Vorurteile gegenüber Stiftungsprofessuren abzubauen, hat der Stifterverband für die deutsche Wissenschaft jetzt eine empirische Untersuchung vorgelegt. Danach gibt es die meisten Stiftungsprofessuren in besonders wirtschaftsstarken Regionen mit einer Ballung von Elite-Universitäten. Spitzenreiter sind Bayern (114) und Baden-Württemberg (103).

Stifter sind offenbar vor allem an Spitzenforschung interessiert. An die Fachhochschulen denkt hingegen nur jeder vierte Gönner. In vier von zehn Fällen fördern Unternehmen. Unabhängige und gemeinnützige Stiftungen finanzieren mehr als jeden vierten Lehrstuhl. Gerade in den Kulturwissenschaften mit ihren kleinen, aber wichtigen „Orchideenfächern“ engagiert sich etwa die – konzernunabhängige – Volkswagen-Stiftung. Ansonsten sind Kirchen und Privatpersonen Geldgeber.

Ökonomen stehen ganz vorne

Studie Stiftungsprofessuren in Deutschland; © Stifterverband für die deutsche WissenschaftIm Fächerspektrum liegen die Wirtschaftswissenschaften bei den Stiftungsprofessuren vor den Natur- und Ingenieurwissenschaften. Danach folgen die restlichen Fächer. „Dieses Bild weicht aber nicht wesentlich von der Normalverteilung der staatlichen Professorenstellen ab“, betont Volker Meyer-Guckel vom Stifterverband.

Das meiste Geld haben in der Regel Stiftungslehrstühle in den Naturwissenschaften und der Informatik, im Durchschnitt anderthalb Millionen Euro. Medizinern und Ökonomen steht typischerweise gut eine Million zur Verfügung. Ingenieure bekommen meist etwas weniger, dafür aber oft viel mehr Geld über einzelne Forschungsaufträge. Geisteswissenschaftler sind durchweg mit einer halben Million zufrieden.

Diese Zuwendungen verteilen sich auf die ganze Förderdauer, meist fünf, höchstens aber 15 Jahre. Die Geber verstehen sich durchweg als Anstifter in der Startphase, aber nicht als Dauerfinanzierer eines Lehrstuhls. Im Laufe der Zeit führen die Hochschulen zwei von drei Lehrstühlen auf eigene Kosten fort; der dritte wird ersatzlos gestrichen. „Die Fortführung der Professur ist natürlich eine besondere Belastung für uns Fachhochschulen mit unserem schmalen Haushalt“, bemerkt Jens Morgenstern, Dekan der Maschinenbaufakultät an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Dresden. „An diesem Problem scheitern schnell alle hoffnungsvollen Absichten.“

Mit privaten Gebern Profil gewinnen

Studenten im Hörsaal; © ColourboxDie bloße Anschubfinanzierung durch die Geber zwingt die Hochschulen allemal dazu, im Vorfeld zu prüfen, ob konkret angebotene Stiftungsprofessuren auch wirklich zu ihrem Profil und Zukunftskonzept passen. „Stifter haben so die Neuaufstellung unserer Reform-Uni in den vergangenen Jahren sehr beschleunigt“, sagt etwa der Sprecher der Technischen Universität (TU) München.

Wer aber ausgerechnet an den Stiftungsprofessuren die prägende Kraft finanzstarker Unternehmen erkennen will, hat sich verrechnet. Denn direkte Forschungsaufträge aus der Industrie spielen beispielsweise an der Technischen Universität Dresden mit annähernd dreißig Millionen Euro im Jahr etwa fünf Mal so viel wie Stiftungslehrstühle ein. Die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule (RWTH) Aachen hat acht gesponserte Professuren mit einer Fördersumme von jährlich fünfeinhalb Millionen Euro: „Das Auftragsvolumen der reinen Industrieprojekte“, so Sprecher Toni Wimmer, „ist mehr als zehn Mal höher.“

Gleichwohl sind Stiftungslehrstühle ein herausragendes Instrument zur akademischen Profilierung. „Mit privaten Sponsoren können wir staatlichen Bildungsträger etwas Eigenes auf die Beine stellen, mit sonst Unüblichem im Wettbewerb hervortreten“, sagt Hans-Joachim Völz, Verwaltungsleiter der Berliner Hochschule für Musik. Der Stifterverband empfiehlt den Hochschulen, auf diesem Instrument noch stärker zu spielen.

Hermann Horstkotte
arbeitet als Bildungsjournalist in Bonn.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Februar 2010

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