Hochschule und Studium in Deutschland

Humane Hochschule? – Studieren mit chronischen und psychischen Erkrankungen

Ausschnitt aus dem Plakat „Vielfalt“ von Alexandra Wilhelm, 3. Preis bei 26. Plakatwettberwerb des Deutschen Studentenwerks, 2012, Fachhochschule Mainz, Prof. Dr. Isabel Naegele Den meisten der insgesamt acht Prozent gesundheitlich stark eingeschränkten Studierenden kann man die Behinderung auf den ersten Blick gar nicht ansehen. Denn die Mehrzahl ist nicht körperbehindert, sondern leidet unter chronischen und psychischen Erkrankungen. Doch gerade dieser Gruppe kommen weder der Aufbau des Studiums noch die Dozenten ausreichend entgegen, um die Härten der Bachelor- und Masterstudiengänge abzufedern.

Nur noch eine lange Narbe unter dem Haar lässt erahnen, dass die 29-jährige Sandra Schmidt (Name von der Redaktion geändert) ein ernstes Problem im Kopf hat. Und das lässt sich bei einem Masterstudium der Erziehungswissenschaften an der Universität Köln nicht ignorieren. Sandra leidet unter Epilepsie. 2004 und 2012 wurde sie wegen eines Tumors am Gehirn operiert. Da der Tumor nahe am Sprachzentrum lag, wurden Verbindungen im Gehirn getrennt, die für das Verarbeiten von Sprache wichtig sind. Seitdem kann sich die Studentin kaum Begriffe einprägen.

Sie war eine der ersten Bachelor-Studierenden in ihrem Fach. Die Seminare waren zusammengewürfelt aus Diplom- und Bachelorkandidaten. „Schon die ersten Semester waren sehr anstrengend, weil die Säle überfüllt waren und man nicht wusste, wo man hin sollte.“ Auch die Studienplanung verlief nicht reibungslos, weil die internetgestützte Vorlesungsverwaltung technisch noch nicht ausgereift war. „Das ganze System funktionierte nicht, wie es sollte“, sagt Schmidt.

Plakat „Bereichernd“ von Johannes Hirsekorn, 3. Preis beim 26. Plakatwettbewerb des Deutschen Studentenwerks, 2012, Hocschule Anhalt, Prof. Dr. Michael Hubatsch

Immer unter Druck

Sie selbst aber musste immer funktionieren, von Anfang an volle Leistung bringen – beim Bachelor gehen die Noten von den ersten Klausuren an in die Endnote ein. „Ich hatte immer nur Druck und bin froh, wenn die fünf Jahre vorbei sind“, so Schmidt. Gleich zweimal ist sie in Psychologie-Prüfungen durchgefallen. Sie braucht halt mehr Zeit, um Klausuren zu schreiben. Bis ihr bei einer mündlichen Prüfung die richtige Antwort einfällt, können viele Sekunden verstreichen. Die Semesterferien verbrachte sie zum größten Teil damit, Prüfungen zu wiederholen. Daher sah sie sich gezwungen, die Prüfer auf ihre chronische Erkrankung anzusprechen. „Mir macht das nichts aus – wenn ich die Person nie wiedersehe“, sagt Schmidt. Jetzt steht ihr noch die Abschlussarbeit bevor.

Hörbehinderte Studentin; © ZickgrafSo wie bei Sandra Schmidt sieht man den meisten Studierenden ihr Handicap auf den ersten Blick nicht an. Laut der Studie beeinträchtigt studieren des Deutschen Studentenwerks (DSW) von 2011, für die 15.000 Studierende mit Behinderung und chronischer Krankheit befragt wurden, sind bei zwei Dritteln die Handicaps nicht offensichtlich – es sei denn, die Betroffenen weisen selbst darauf hin. Nur bei wenigen ist die Behinderung auf Anhieb festzustellen, vielfach handelt es sich dabei um eine Körperbehinderung. Für 20 Prozent der Befragten wirkt sich eine chronische Erkrankung wie ein Tumor, Rheuma oder eine Allergie sehr erschwerend auf das Studium aus.

Dozenten verharmlosen Depression

Professor Gerd Hansen; Foto: privatDie vor dem Hintergrund der Bologna-Reform eingeführten Bachelor- und Masterstudiengänge sind nicht nur für Sandra belastend – die große Mehrheit der gesundheitlich beeinträchtigten Studierenden hat gewaltige Probleme mit den neuen, verschulten Studiengängen. Wie die Studie zeigt, haben 70 Prozent der Befragten Schwierigkeiten, sich an die zeitlichen Vorgaben des Studiums oder der Prüfungen zu halten, 63 Prozent haben Probleme, den Lehrveranstaltungen aufgrund ihres Handicaps zu folgen und 60 Prozent hadern mit der Organisation des gewählten Studiengangs.

Psychische Leiden sind der häufigste Grund für ein erschwertes Studium: Bei 45 Prozent der Befragten ist das beeinträchtigt studieren zufolge der Fall. „Studieren mit psychischen Erkrankungen ist derzeit das bestimmende Thema“, sagt Gerd Hansen, Professor für Rehabilitationsdidaktik der Universität Köln, die Gruppe der psychisch Beeinträchtigten sei stark angestiegen. Viele leiden unter Depressionen, Ängsten, psychosomatischen Beschwerden und Essstörungen.

Enthumanisierte Hochschule?

Karl-Josef Faßbender, Koordinator für die Belange von Studierenden mit Behinderung und chronischer Erkrankung an der Uni Kön; © ZickgrafDoch ausgerechnet psychische Krankheiten erkennen viele Hochschullehrer nicht als Handicap an. Infolgedessen kommen sie dieser Gruppe weniger entgegen, um Nachteile, beispielsweise durch Verlängerung der Prüfungszeit oder Pausen während der Klausuren, auszugleichen. „Viele Dozenten stehen auf dem Standpunkt, dass eine stabile Persönlichkeit Voraussetzung für ein Studium ist“, erklärt Hansen. Laut beeinträchtigt studieren sind Hochschullehrer nicht besonders aufgeschlossen für die Lebenslagen psychisch belasteter Studierender. Sie sind selten in der Lage, die Folgen eines psychischen Leidens nachzuvollziehen. Eine Studentin, die unter schweren Depressionen leidet, zitiert ihren Dozenten mit folgenden Worten: „Ich kann Ihnen keinen Aufschub geben, nur weil Sie traurig sind.“

Dabei ist es kein Gnadenakt, Prüfungsbedingungen zu verändern. „Ein Nachteilsausgleich bei Studien- und Prüfungsleistungen ist keinesfalls als Erleichterung der Inhalte zu verstehen. Die fachlichen Anforderungen an den jeweiligen Kandidaten werden nicht verringert“, erläutert Gerd Hansen. Vielmehr geht es darum, die Prüfungsbedingungen im Einzelfall so zu gestalten, dass sie den Bedürfnissen der Studierenden entgegenkommen. Zudem verletzt die Ausgrenzung geltendes Recht – sie verstößt gegen das Diskriminierungsverbot des Grundgesetzes ebenso wie gegen die Gleichstellungsgesetze in Bund und Ländern sowie die 2008 in Kraft getretene UN-Behindertenrechtskonvention.

Auch wirtschaftlich ist es unsinnig, jungen Leuten mit chronischen und psychischen Krankheiten den Studienerfolg zu verwehren. Denn sonst, so Hansen, werden dem Arbeitsmarkt begabte und kreative Köpfe vorenthalten, die mit unkonventionellen Perspektiven die Gesellschaft bereichern.

Arnd Zickgraf
arbeitet als Wissenschaftsjournalist und Publizist in Bonn.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
August 2012

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
internet-redaktion@goethe.de

Links zum Thema

Rückeroberung des Öffentlichen

Foto: kallejipp; Quelle: Photocase
Wie physisch oder digital ist der öffentliche Raum? Eine Konferenz zur Rolle der Kultur in diesem Spannungsfeld am 22. und 23. April in Berlin.

Deutschland denkt

Deutschland denkt
Deutsche Wissenschaftler gibt es viele, aber wie findet man genau die wissenschaftlichen Experten, die für ein aktuelles Projekt gebraucht werden?

Deutsch in den Wissenschaften

Welche Rolle spielt Deutsch als Wissenschaftssprache? Eine Konferenz und ein Kreativwettbewerb wollen das herausfinden.

Twitter

Aktuelles aus Kultur und Gesellschaft in Deutschland

WWWege zur Germanistik

Kommentierte Linksammlung wichtiger Links zu Germanistik & Nachbardisziplinen