Das Magazin hörBücher – Kaufberatung statt Kritik

Der Markt der Hörbücher erreicht ein großes Massenpublikum, das sich von traditionellen Formen der Literaturkritik eher selten beeinflussen lässt. Ein "unabhängiges Hörbuch-Magazin" will dennoch die Spreu vom Weizen trennen, durch kompetente Kaufberatung.
Im Mai 2007 war das erste Heft auf dem Markt, die Idee dazu hatte Christian Bärmann vom Verlag falkemedia in Kiel, der auch Chefredakteur des Magazins geworden ist und in dieser Funktion die etwas anspruchsvolleren Aufgaben wie Interviewreisen nach Los Angeles zu Cornelia Funke oder zum amerikanischen Starsprecher Scott Brick übernimmt. Mit einem größeren kommerziellen Verlag im Rücken ist das zunächst einmal tragbar, falkemedia selbst ist ein junges Unternehmen, das seit ca. 10 Jahren in Kiel Special Interest und Technikfach-Zeitschriften herausgibt. Entsprechend blieb Bärmanns Idee von einer Zeitschrift über Hörbücher im Rahmen des dortigen Profils. Geschäftsfremde Engagements, etwa in Konkurrenz mit Medien und Organen der literarischen Hochkultur zu treten, waren nicht vorgesehen. In den Worten Bärmanns: "Prall gefüllt mit topaktuellen Informationen rund um das Thema Hörbuch, mit Interviews und spannenden Hintergrundinformationen werden Leser nicht mit hochtrabenden literarischen Analysen gelangweilt. Dem Verlag geht es vielmehr darum, kompetente Kaufberatung zu liefern."
Nicht ganz ohne Hochkultur
Rein äußerlich bildet sich die serviceorientierte Zielsetzung für ein breites, aber jüngeres Publikum auch in einem optischen Wiedererkennungseffekt ab. Die Titelseiten schmücken Starfotos, wie man sie etwa vom kommerziellen Hörfunkmagazin HörZu und anderen Medien der Yellow Press kennt, das Innere ist bunt, die visuelle Linie noch bestimmt von den Coverabbildungen der besprochenen Hörbücher und den Bildportraits der Szeneakteure – von Starvorlesern wie Iris Berben oder Charles Brauer bis zu den Akteuren hinter den Kulissen wie dem Regisseur Leonhard Koppelmann. Den Publikumsgeschmack trifft offensichtlich besonders der Schauspieler Rufus Beck. Das Zielpublikum wird mit jungen Themen und jungen Bildern angesprochen, aber auch ein etwas älterer Herr wie Philipp Reemtsma gerät in einem Interview ins Bild, womit die Hochkultur eine kleine Ehrenrettung im Blatt erfährt.Reemtsma wird mit seiner Einspielung des Aristipp von Martin Wieland vorgestellt, wobei dieses anspruchsvolle Produkt mit 99,00 Euro zu Buche schlägt und damit wahrscheinlich keine allzu breite Rezeption erfahren wird. Die literarische Kultur hält sich dennoch in diesem Blatt. Man will zwar eher zum Kauf als zum literarischen Diskurs anregen und bezieht damit zwangsläufig eher gängige Marketingkonzepte und Unterhaltung als Ästhetik, Bildung und Debatte. Aber zwischen den Markterwartungen der Hörverlage - wie der sofortigen Umsetzung aktueller Bestseller bis hin zum Sachbuchbereich – steht offenbar immer noch ein nachgefragtes Publikumsinteresse an echter Literatur, die sich nicht nur auf den Bestsellerlisten findet. Die aber sind immer vertreten.
Hörbuchjunkies als Kritiker
Den Kern der Heftinhalte bilden die Besprechungen, etwa 100 Hörbücher pro Heft. Hier sitzt ein recht großer Stab entsprechend dem Zielpublikum oft jüngerer Frauen mit und ohne akademische Literaturkenntnis. Was sie verbindet: "Wir sind alle Hörbuchjunkies." Sie unterziehen sich den Mühen der Etappe in stundenlangem Hören der Hörbücher und bringen sodann ihre Eindrücke aufs Blatt. Sie schreiben flotte Einzelrezensionen auf der Basis persönlicher Kenntnis und langweilen wirklich nur selten mit literarischen Analysen. Manchmal zwangsläufig mit Inhaltsangaben, denn die Rezension eines Hörbuchs muss ja eine Vorstellung von Autor und Werk leisten, kann man doch nicht unbedingt davon ausgehen, dass die Leser das gedruckte Werk kennen. In Heft 1/2008 werden die Kriterien genannt, nach denen eine Hörbuchkritik ihren Gegenstand befragen soll, einige Beispiele: Sprecher und Regie - Gibt es überhaupt einen Regisseur? Inhalt und Bearbeitung - Ist der Stoff überhaupt geeignet für eine Hörbuchumsetzung? Musik und Geräusche - Musik als eigenständige Erzählfigur; die Aufnahmequalität - brilliant muss es klingen; auch Verpackung und Ausstattung - Ist ein Booklet mehr als Werbeträger für weitere Titel des Verlags? Rezensionen in anderen Medien sowie Preise - Steht das Hörbuch auch auf Bestsellerlisten, die immerhin die Beliebtheit widerspiegeln?Ambitionen nicht verstecken
Sehr positiv fällt auf, dass die Beurteilungen der audiophonen Leistungen an sich ein zunehmend professionelleres Vokabular erreichen. Das kann sich bei stärkerer Hinwendung zu den Diskursen des Theaters und des Films noch erweitern und ist dem Medium Hörbuch angemessen, wo Stimme primär zur Wirkung kommt und schauspielerische Ausbildung voraussetzt. Auch die Urteilsfähigkeit des Hörbuchpublikums wächst, wenn es durch echte Kritik informiert wird. Und wenn die Redaktion der Zeitschrift hörBücher vor ihrem Verlag nicht die "höheren" Ambitionen verstecken muss, dann lässt die schrittweise Erarbeitung eines kritischen Instrumentariums und eines kompetenten Stabes diese Zeitschrift zu einem anspruchsvollen und nützlichen Publikumsmedium werden.freier Journalist, Berlin
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April 2008








