Hans Leyendecker: „Wir sind ein bisschen provinziell“
Hans Leyendecker (*1949) gilt als der bekannteste Rechercheur der Bundesrepublik Deutschland. Er war von 1979 bis 1997 Redakteur bei dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel. 1997 wechselte er zur Süddeutschen Zeitung nach München. Er wohnt und arbeitet in Leichlingen bei Köln. Seine Recherchenthemen sind breit gefächert. Er schreibt über Doping, Waffenhandel oder Korruption. Ende 1999 veröffentlichte er den Skandal um die CDU-Spendenaffäre, in die auch der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl verwickelt war.

Herr Leyendecker, Sie sagen, es gibt kaum investigativen Journalismus in Deutschland. Warum ist das so?
Ich glaube, es liegt daran, dass wenige Verleger Geld in die Hand nehmen. Es ist teuer, es ist aufwändig. Bei manchen Recherchen kommt am Ende eben gar nichts heraus. In Deutschland gibt es nicht die Verleger, die darauf setzen. In Amerika zum Beispiel gibt es investigativen Journalismus. Nach dem Krieg sollte in Deutschland der angelsächsische Journalismus Fuß fassen. Stattdessen kam der Meinungsjournalismus. In Talk-Shows wurde ich früher gefragt, ob ich Detektiv sei. Das ist ein klassisches Missverständnis der Rolle des Journalisten.
Sie haben über sich gesagt, Sie seien auch kein investigativer Journalist. Was ist der Unterschied zum Rechercheur?
Die wesentliche Abgrenzung liegt in der Frage: Ist das Ereignis, über das berichtet wird, von gesellschaftlicher Bedeutung? Und hat man etwas Neues aufgedeckt? Viele der Geschichten, die ich mache, sind schon in Umrissen da. Sie entstehen nicht neu, weil sich jetzt ein Journalist darum kümmert. Deshalb arbeite ich meist nicht investigativ.
In der Einleitung zu Ihrem Buch „Die Korruptionsfalle. Wie unser Land im Filz versinkt“ schreiben Sie, dass Korruption im Grunde schon bei Steuermauschelei und Spesenschinden beginnt. Ist das tatsächlich so?
Was ich nicht mag, ist zum Beispiel Versicherungsbetrug. Viele Leute wickeln kleine Schäden von 500 Euro über Versicherungen ab, die sie eigentlich aus der eigenen Tasche zahlen müssten. Es ist nicht richtig, sich da rauszureden mit der Begründung: Die Großen stopfen sich ja auch die Taschen voll!
Aber lebt nicht ein Skandal gerade davon, dass alle aufeinander zeigen? Die Kleinen auf die Großen und umgekehrt?
Ja, das ist die Heuchelei des Skandals. Die Leute wollen in ihrem Vorurteil bestätigt werden und beschäftigen sich oft nicht inhaltlich mit den Sachverhalten. Der Skandalierer bestätigt eigentlich nur die Vorurteile, die andere haben.
Lobby-Verbände haben einen großen Etat und können Redaktionen mit Themen geradezu überfluten. Inwiefern stemmen sich denn Lobbyisten gegen Ihre Recherchen?
Das machen Lobby-Organisationen, aber das machen auch Regierungsapparate. Sie beschäftigen Journalisten mit An- und Verkündungen, so dass die kaum noch dazu kommen, andere Sachen zu machen. Aber das ist in allen Ländern eigentlich so. In Amerika und in Frankreich spielen Lobbyisten sogar noch eine viel größere Rolle. Obendrein sind in Frankreich Politik und Wirtschaft noch viel enger verwoben als bei uns. Da sind wir ein bisschen provinziell und piefig.
Laut Umfragen würden 49 Prozent der amerikanischen Journalisten Informationsquellen auch unter Druck setzen. 68 Prozent der deutschen Journalisten lehnen das ab. Wie stehen Sie dazu?
Ich lehne das völlig ab. Ich verstehe Unter-Druck-Setzen so: den Informanten zu etwas zu zwingen, das er freiwillig nicht machen würde.
In den USA gibt es investigativen Journalismus. Was machen die amerikanischen Journalisten besser?
Sie sitzen länger an Projekten. Der Journalist Seymour Hersh (Abu-Ghraib-Affäre) verfügt über einen einzigartigen Informantenstab. Die amerikanischen Journalisten arbeiten professioneller und sie haben bessere Verbindungen nach oben. Hersh zum Beispiel kommt an sehr viel mehr Dokumente ran als bei uns die Rechercheure. In den USA haben sie richtig große Geschichten. Wenn bei uns was ist, hat der Altkanzler irgendwie zwei Millionen verspeist und weiß über verschwundene 20 Millionen nichts zu sagen.
Vor jungen Journalisten reden Sie als aller erstes über ihren größten Fehler: Ihre Spiegel-Titelgeschichte über die Verhaftung zweier Terroristen der Rote Armee Fraktion in Bad Kleinen 1993 stellte sich im Nachhinein als nicht haltbar heraus. Worin bestand Ihr Fehler?
Nur ein Zeuge war dominant in der ganzen Geschichte. Er hatte die Theorie, dass der Terrorist Wolfgang Grams hingerichtet wurde. Andere Zeugen, die etwas anderes sagten, kamen auch in der Geschichte vor. Sie traten nur nicht so prominent in Erscheinung wie dieser. Das war der gravierende Fehler.
In der Folge ist sehr viel passiert. Der damalige Bundesinnenminister Rudolf Seiters ist zurückgetreten ...
Ja und auch der Generalbundesanwalt.
Ludwig Zachert, der damalige Chef des Bundeskriminalamts ...
Der ist aber deshalb nicht zurückgetreten, der ist später zurückgetreten!
... hat vor kurzem gesagt: „Die Republik hat ein bisschen gewackelt.“ Sehen Sie das auch so?
Naja, die Grundidee war ja – und das machte die Geschichte wichtig –, dass der Staat versucht hatte, das zu verheimlichen. Dass es eine Maschinerie der Spurenbeseitigung gegeben hätte. Das war die Theorie. Und das wäre schon ein Anschlag der Exekutive auf den Parlamentarismus gewesen.
Die Republik hat wegen des Fehlers eines Journalisten gewackelt?
Ich hab mich dafür vielfach entschuldigt. Aber ich habe mich nicht ins Schwert gestürzt.
Wie sieht die Buße eines Journalisten aus, der dafür verantwortlich war?
Die Buße sieht so aus, dass sie viele Informanten verlieren. Dass das Blatt, was sie mögen, einen Image-Schaden hat. Und dass der Journalist selbst eigentlich davor ist, alles hinzuwerfen – zu kündigen. Die vollkommene Buße wäre die vollzogene Kündigung gewesen.
Haben Sie das erwogen?
Ja.
Stattdessen sind Sie als Leiter des Spiegel-Hauptstadtbüros nach Bonn gegangen.
Aber wenn ich keine Familie gehabt hätte, hätte ich wahrscheinlich aufgehört.
| Buch-Tipp:
Leyendecker, Hans: Die Korruptionsfalle – Wie unser Land im Filz versinkt. |
Beide machen seit November 2006 an der Deutschen Journalistenschule in München eine Ausbildung zum Redakteur.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juli 2007
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