Journalismus zwischen Dichtung und Wahrheit

Auf den Straßen von Damaskus liegen Ende April diesen Jahres bunte Zettel auf dem Boden. Auf ihnen wird zur Parlamentswahl aufgerufen. Kinder stecken sie ins offene Fester den Fahrern zu, die sich im Schritttempo durch die verstopfte Innenstadt quälen. Jedem vorbeischlendernden Touristen wird ein Zettel in die Hand gereicht. Ein paar Meter weiter wird er fallengelassen.
Schauspiel für den Westen
„Die Wahl ist eine Farce“, sagt mein syrischer Begleiter und schaut dabei auf die festgetretenen Wahlzettel auf dem Asphalt, so als würde er nicht zu mir oder überhaupt nicht sprechen. Er heißt Fares und lernt fleißig Deutsch, um ein Visum für Deutschland zu bekommen. Er möchte moderne Architektur studieren. „Die Wahl ist ein Schauspiel für den Westen. Seht her, dieses Land ist demokratisch geworden.“ Und dann, als müsste er mich davor bewahren, so etwas tatsächlich zu glauben: „Ist es nicht!“Offiziell wird die Beteiligung an dieser Wahl bei 56 Prozent liegen. Beobachter schätzen die tatsächliche Beteiligung auf sechs bis zwölf Prozent. Die Syrer sehen mehrheitlich keinen Sinn in der Wahl, weil sie wissen, dass sie nur ein Schauspiel ist. Die Ba’ath-Partei hat die Regierungsmacht streng im Griff. Bedienstete des Staates werden Busseweise von der Arbeit direkt zur Wahlurne gekarrt. Eine Gruppe von Kunststudenten protestiert gegen die „ästhetische Umweltverschmutzung“ durch Wahlplakate: sie klebt Plakatfetzen auf ein überdimensionales Poster, das die Grenzen Syriens zeigt – mitten auf einer Verkehrsinsel in der Innenstadt. Ich frage meinen Begleiter, wie das möglich ist? „Weil die beteuern, es handele sich auf keinen Fall um einen politischen Protest.“
Präsidentenwahlen auf syrisch
Nach offiziellen Angaben soll am Tag des Referendums der Andrang an den Wahlurnen so groß gewesen sein, dass die Wahllokale drei Stunden länger aufbleiben mussten. Unabhängige Beobachter berichten allerdings von einem sehr mäßigen Andrang. Dennoch galt schon im Vorfeld als sicher, dass Assad weit mehr als die absolute Mehrheit der Stimmen erringen wird. Man kennt diese Wahlergebnisse noch aus dem real existierenden Sozialismus und weiß, wie sie zustande kommen.
Verklausulierte Sprache
In Syrien wird eine Sprache gesprochen, die es offiziell nicht gibt. Man kennt sie aus Staaten, in denen es die Freiheit des Wortes nicht gibt. Ein Journalist aus dem Westen muss ein Gespür für diese Sprache entwickeln. Es ist eine verklausulierte Sprache: sie besteht aus Chiffren, Bildern, Andeutungen, Auslassungen.Die ersten Sätze in einem Gespräch sind in der Regel wichtig zugleich und unwesentlich: eingeübte Phrasen einer öffentlich-symbolischen Sprachregelung der Gastfreundlichkeit und ebenso entscheidend dafür, ob ein vertraulicher Zugang zu seinem Gegenüber gelingt. Man weiß ja nicht, mit wem man es zu tun hat und welche Absicht hinter einem Gespräch steht. Man kann wegen geringster Äußerungen in ernsthafte Schwierigkeiten geraten.
Im Rawda-Café
Umso erstaunter bin ich, als ich mit jungen Menschen zu einem Gespräch im Rawda-Café zusammenkomme. Es ist ein traditioneller Treffpunkt für kritische Intellektuelle. Das Goethe-Institut hat informell zu diesem Gespräch über das Verhältnis von Tradition und Moderne, wie es unscheinbar auf einem Flyer heißt, eingeladen. Solche Veranstaltungen müssen normalerweise genehmigt werden. Man erwartete, dass vielleicht nicht mehr als acht Personen kommen. Es kommen vierzig. Der Anschein, es handelt sich um eine Versammlung, kann nicht mehr kaschiert werden. Es dauert keine Viertelstunde, da ist auch schon der Geheimdienst da, der ohnehin hier Stammgast ist. Man kennt ihre Gesichter und weiß, wann man vorsichtig sein muss.Die Gespräche, obwohl nicht angemeldet und genehmigt, können aus irgendeinem Grund stattfinden, nachdem eine Visitenkarte den Besitzer wechselt. An diesem Abend wird erstaunlich laut nachgedacht, deutlich geredet und geschimpft. Damit habe ich nicht gerechnet. Aber wie kann ich über diese sympathischen Menschen, die so offen werden, berichten, ohne sie in Gefahr zu bringen?
Verdichtete Wahrheiten
Oberstes Gebot ist natürlich, keine wahren Namen zu nennen. Überhaupt kommt es nicht darauf an, realitätsgetreu zu berichten. Wahrheit und Realität sind nicht identisch. Ich ändere nicht nur Namen, sondern mache aus einer Person zwei, aus zwei Personen eine. Ich bewege mich im Spannungsfeld zwischen Dichtung und Wahrheit: Ich verdichte die Wahrheit, das heißt, ich erfinde wahrheitsgemäß und realistisch, so dass eine Identifizierung konkreter Personen nicht mehr möglich ist.Das Resultat ist ein Bericht: eine authentische Reportage, die sich des Stils einer verklausulierten Sprache bedient. Es ist ein real-fiktiver Bericht über Personen und über Verhältnisse, in denen sie leben. Man kann dagegen Einwände haben: Ich konstruiere Realität gemäß meinen eigenen Wertungen, oder ich verwechsle Journalismus mit Prosa. Ich würde dagegenhalten: Manchmal ist Journalismus notwendig Prosa, und die Darstellung von Realität ist immer ein Konstrukt. Aber ein Journalist, der meint, sich von seinen eigenen Werturteilen distanzieren zu müssen, kann kein guter Journalist sein. Wer atmet, der urteilt auch. Wer vorgibt, wertneutral zu sein, ist es noch lange nicht, sondern kaschiert seine Urteile. Noch die Wertneutralität ist ein Urteil für den Status Quo. Weil sie nichts tangiert, belässt und bestärkt sie das Bestehende, wie es ist, und setzt sich dem Vorwurf der Komplizenschaft mit dem Bestehenden aus, sofern das Bestehende eben ein Übel ist.
ist Publizist, Soziologe und Mitherausgeber der Online-Zeitschrift „Sozialistische Positionen“. Er reiste auf Einladung des Goethe-Instituts in die syrische Hauptstadt Damaskus und berichtete als teilnehmender Beobachter von seinen persönlichen Eindrücken vor Ort.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juni 2007
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