Medien in Deutschland – Hintergrund

Internet und Web 2.0 in Deutschland

Copyright: www.colourbox.comDie Deutschen verbringen immer mehr Zeit im Netz. Jedes Jahr nimmt der Internetkonsum zu und es gibt kaum noch etwas, was nicht online gefunden werden kann. Die neuen Entwicklungen des Web 2.0 haben enormes Potenzial, was bisher von vielen noch nicht erkannt wurde.

Laut einer ARD/ZDF-Onlinestudie, verbrachte 2008 jeder Erwachsene in Deutschland durchschnittlich 58 Minuten am Tag in Internet. Das sind vier Minuten länger online als in 2007. Der Fernseh- (225 Minuten täglich) und Hörfunkkonsum (186 Minuten) bleiben jeweils auf Platz 1 und 2 der tagesaktuellen Medien fest etabliert, verzeichnen aber im Gegensatz zum Internet keine bemerkenswerten Zuwachsraten.

Die neuesten Entwicklungen bei der Internetnutzung fallen besonders bei 14- bis 19-Jährigen und 60- bis 79-Jährigen auf. Mit 120 Minuten täglich verbringen Jugendliche mehr Zeit im Netz als mit Fernsehen (100 Minuten) oder Radio hören (97 Minuten). 92 Prozent der Jugendlichen rufen Videos und multimediale Anwendungen ab und schauen live oder zeitversetzt Fernsehsendungen im Netz. Das Internet ist eine Ergänzung zu den konventionellen Medien geworden und spiegelt die zunehmende Individualisierung des Medienkonsums wieder.

Die ältere Generation verweist mit plus 11 Prozent die höchsten Zuwachsraten, von denen inzwischen 29 Prozent in Internet aktiv sind. Von allen Erwachsenen in Deutschland, haben 65,8 Prozent mittlerweile einen Internetanschluss (= 42,7 Millionen Menschen). Während unter den 14- bis 29-Jähringen inzwischen nahezu jeder (96 Prozent) Zugang zum Internet hat, liegt die Internet-Verbreitung bei den 30- bis 49-Jährigen bei 83 Prozent und bei den 50-bis 59-Jährigen bei 66 Prozent.

Web 2.0 eine neue Entwicklung?

Copyright: www.pixelio.de; Fotograf: Daniel StrickerZusätzlich zur stetig steigenden Internetnutzung ist seit mehreren Jahren eine neue Entwicklung im Nutzungsverhalten zu beobachten. Web 2.0 ist das Schlagwort. Einige sprechen von einer Revolution des Internet, andere sehen darin eher eine zwangsläufige Entwicklung oder Anpassung an menschliche Kommunikationsbedürfnisse. Fragt man vorbeigehende Menschen auf der Strasse, kann kaum jemand richtig erklären was Web 2.0 eigentlich ist, viele haben noch nie von dem Begriff gehört. Fragt man die gleichen Menschen ob sie einen Facebook, MySpace oder LinkedIn Mitgliedskonto haben, bejahen das die meisten. Das Internet wird zwar zunehmend anders genutzt, der Unterschied zu vorher jedoch nicht wirklich wahrgenommen. Was hat sich verändert? Was sind die Stufen von Web 1.0 zu Web 2.0?

Technisch vereinfacht bedeutet Web 2.0 nicht anderes als „Mitmach Internet“. Im Unterschied zum Web 1.0, als Lesen die Hauptaktivität im Internet war, erstellen und bearbeiten Nutzer Inhalte im entscheidenden Maße selbst. Informationen werden zunehmend aktiv genutzt, produktiv und kreativ gestaltet anstatt wie vorher nur zu konsumieren. Dabei hilft die sogenannte „soziale Software“, darunter versteht man zum Beispiel Wiki’s, Blogs, Foto- und Videoportale und soziale und professionelle Online-Netzwerke wie StudiVZ oder XING.

Das Internet dient nicht mehr nur zur Informationsbeschaffung sondern zunehmend als Mittel der Kommunikation und Präsentation. Menschen aus aller Welt, unabhängig von dem kulturellen Hintergrund kommen zusammen, tauschen Fotos, Filme, Geschichten und Ideen im Internet aus. Die Kommunikationskultur macht die Menschen gleich. Das Internet selbst wird die Anwendung und überschreitet nationale Grenzen. Noch nie zuvor in der menschlichen Geschichte war Kommunikation so einfach. In Zukunft ist das Internet überall, nicht nur am PC.

Der praktische Nutzen wurde noch nicht von allem erkannt

Das Potenzial von Web 2.0 ist gewaltig. WikiCrimes zum Beispiel, erlaubt dem Nutzer selbst erfahrene Verbrechen auf einer Karte einzutragen. Damit soll die Verbrecherjagd effektiver gestaltet werden. LinkedIn wird ausschließlich im Berufsleben benutzt. Die circa 23 Millionen Mitglieder präsentieren sich mit eigenen Profilseiten, mit Informationen zur Ausbildung und Berufserfahrung und pflegen bestehende sowie neue Geschäftskontakte. XING ist die deutsche Alternative, und wird auch als das „StudiVZ für Erwachsene“ bezeichnet, denn im Gegensatz zu LinkedIn unterscheiden die Mitglieder nicht zwischen beruflichen und persönlichen Kontakten. Diese Profilseiten werden von Headhunter Firmen aufgerufen und akribisch genau in Datenbanken übertragen und kodiert. Besonders seit der Finanzkrise haben sich viele neue Mitglieder angemeldet. Über Kontakte von Kontakten hofft man den perfekten Arbeitsplatz zu bekommen. StudiVZ verlinkt Millionen von deutschen Studenten und vereinfacht den Kontakt unter einander. Mit Fotos und diversen Angaben zu den persönlichen Interessen, präsentiert man sich von seiner besten Seite und trifft manchmal sogar den Menschen fürs Leben.

Web 2.0 als politisches Druckmittel?

Copyright: www.colourbox.com; Eric Audras/6PA/MAXPPDie Möglichkeiten der Emanzipation und Ermächtigung der Zivilgesellschaft darf nicht unterschätzt werden. Blogs ermächtigen Nutzer die Weltöffentlichkeit über Menschenrechtsverletzungen, illegale Abholzung und Ähnliches zu informieren. Inhalte, die sonst keine Chance hätten veröffentlicht zu werden, sind nun weltweit abrufbar. Ethnische Minderheiten organisieren sich und präsentieren ihre Anliegen im Netz und durchbrechen damit die oftmals einseitige oder nachteilige Berichterstattung. Die Diaspora erhält ein Kommunikationsmittel, das viel effektiver und unabhängiger ist.

Web 2.0 bringt aber auch Gefahren mit sich. Die Unmenge von Informationen die nun in Datenbanken für die Ewigkeit gespeichert sind, können auch zum Nachteil der Menschen genutzt werden. Der Mensch wird transparent und hinterlässt freiwillig und unfreiwillig Spuren, ohne über die Folgen nachzudenken. Gesetzeswidrige Inhalte kursieren ungehindert im Web. Auch Verbrecher bedienen sich zunehmend der neuen Kommunikationsmittel, um sich besser zu organisieren. Mitglieder von terroristischen Organisationen beispielsweise benutzten geheime Zeichen und Sprache um Anschläge zu planen und durchzuführen. Ein Kommentar zu einem Musikvideo bei YouTube kann von Eingeweihten als Startsignal für Aktionen jeglicher Art genutzt werden.

Die neuen Entwicklungen werden jedoch nicht von allen Altersklassen gleichermaßen genutzt. Laut der ARD/ZDF Studie von 2006 nutzten nur 20 Prozent der Deutschen das Web 2.0 regelmäßig (12 Prozent der Gesamtbevölkerung). Dabei sind überproportional viele männliche sowie jüngere Nutzer (14- bis 29- Jährige) aktiv. Die formelle Bildung und der finanzielle Hintergrund spielen eine wichtige Rolle.

Das Internet ist und wird auch in Zukunft ein äußerst effektives Mittel der Kommunikation sein. Die neuen Möglichkeiten sind nahezu unbegrenzt, werden zurzeit jedoch hauptsächlich von der finanziellen und intellektuellen Elite produktiv genutzt. Es bleibt zu hoffen, dass die Demokratisierung des Internet (nicht nur in Deutschland) schneller voranschreitet als die Aneignung des Internets durch die Eliten – im Interesse aller.

Artur Beifuss
studiert gerade „International Relations“ in Amsterdam, arbeitet als freier Autor für verschiedene Arbeitgeber.

Foto „Kind vor dem Computer“ © Daniel Stricker / PIXELIO

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November 2008

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