Bildung

Bloggen: die demokratische Wissenschaftskommunikation

Logo von brainlogs.de; © brainlogs.deLogo von brainlogs.de; © brainlogs.deFrüher bloggten Journalisten auf der Suche nach der Wahrheit. Heute erliegen immer mehr Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dem Reiz des Bloggens. Während Wissenschaftsblogger den fächerübergreifenden Dialog suchen, binden deutsche und amerikanische Verlage junge Zielgruppen an ihre Zeitschriften.

Den Samen zu einem bedeutenden deutschen Wissenschaftsblog hat Carsten Könneker erst vor zwei Jahren gesät. Könneker ist Chefredakteur der Zeitschrift „Gehirn&Geist“ (G&G), einer Zeitschrift für Psychologie, Neurowissenschaften und Philosophie aus dem Verlag „Spektrum der Wissenschaft“. Da der Chefredakteur nicht kontinuierlich über sein großes Thema schreiben kann, hat er sich einen Raum unter dem Dach von Brainlogs.de eingerichtet. Als Blogger schreibt er nun ständig über das gespannte Verhältnis zwischen Natur- und Geisteswissenschaften. „Da lebe ich eine Leidenschaft aus.“

Gleichzeitig ermunterte Könneker eine Reihe von Wissenschaftlern, unter das Dach des neuen Blogs zu schlüpfen. Psychologen, Philosophen, Historiker, Astronomen und Mediziner berichten hier aus dem Forscheralltag – und diskutieren auch untereinander rege über ihre Fächer. Mittlerweile gibt es für die großen Zeitschriften des Verlages einen interaktiven Zwillingsbruder im Web. Binnen kurzer Zeit wuchs das Pflänzchen zu einem Baum mit etlichen Ablegern. Der Baum mit über 70 Bloggern heißt heute „Scilogs – Tagebücher der Wissenschaft“.

Wissenschaftskommunikation wird wichtiger

Videoblog mit Carsten Könnecker (links) auf brainlogs.de; © brainlogs.deVor 20 Jahren war es undenkbar, Forscherinnen und Forscher zu überreden, Texte ohne einen Apparat an Fußnoten zu publizieren, sagt Könneker. Mit ihrem Wissen wandten sie sich vornehmlich an wenige gleichrangige Kollegen – an so genannten Peers. Noch heute tun sie alles dafür, die Liste ihrer Publikationen in hochrangigen Wissenschaftsmagazinen aus Reputationsgründen möglichst rasch zu verlängern. Doch spätestens mit der bundesweiten Kampagne „Wissenschaft im Dialog“ (WiD), die ihre Wurzeln im angelsächsischen Raum hat, kam die Wende. Von da an sollte die Forschung auch für das große Publikum sichtbar werden.

Neben Forschung und Lehre begreifen es viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nun als neue Aufgabe, sich um die Wissenschaftskommunikation kümmern. „Ich finde es legitim zu fordern, dass Wissenschaftler einen Teil ihrer kostbaren Zeit, die von der öffentlichen Hand bezahlt wird, darauf verwenden, der Allgemeinheit etwas in Form von Wissen und Erkenntnissen zurückzugeben“, sagt Könneker. Denn seit dem Internetzeitalter brauche niemand mehr Druckerpressen anwerfen, um zu publizieren.

Das „Bad in der Menge“

Screenshot von scilogs.de; © Scilogs.deEinige Forscherinnen und Forscher experimentieren mit neuen Instrumenten der Kommunikation. Sie geben ihr Wissen in Kinderuniversitäten oder Schülerlaboren weiter. Auf dem Marktplatz sprechen sie etwa bei der Langen Nacht der Wissenschaften mit Laien über den Stand ihrer Forschung. Andere zieren sich. Bisweilen sind sie selbst von Pressestellen ihrer Hochschulen nur schwer dazu zu bewegen, bei der Formulierung von Pressemitteilungen mitzuarbeiten, um ihre Forschungsergebnisse allgemeinverständlich zu verbreiten.

„Der Blog sticht als Werkzeug der Kommunikation hervor“, betont Könneker. Weder Pressestelle noch Redaktion mischen sich in die Tagebuchproduktion ein. Denn die Beiträge der Blogger wandern direkt ins Web – weder zensiert noch redigiert. „Die Wissenschaftler sind selbst die Herren des Verfahrens“, sagt Könneker. Nirgendwo sonst könnten Forscherinnen und Forscher so frei ihre Gedanken zum Ausdruck bringen. Das Bloggen sei allerdings eher für solche Leute geeignet, die sich auch gerne exponieren. Forscher, die keine Angst davor haben, ein „Bad in der Menge“ der Nutzer zu nehmen – und die auch regelmäßig auf die Kommentare der Blog-Leser eingehen. Ansonsten ist das Blog bald tot.

Scienceblogs.de – Ableger aus den USA

Screenshot von scienceblogs.de; © scienceblogs.deScienceblogs.de ist der deutsche Ableger der amerikanischen Mediengruppe Seed Media, die den Fortschritt durch Wissenschaft weltweit vorantreiben will. Die Mediengruppe Burda ist deutscher Partner. Mit den Blogs möchte sie auch hierzulande Internetnutzer im Alter von 20 bis 40 Jahren an die Wissenschaft heranführen. Und tatsächlich locken die Blogger laut Scienceblog-Chefredakteur Marc Scheloske ein sehr gebildetes und kaufkräftiges Publikum auf die Internetseiten. Derzeit bloggen rund 30 Forscher und Journalisten in Ressorts wie Naturwissenschaften, Medizin, Umwelt, Geistes- und Sozialwissenschaften oder Kultur.

Mit einem integrierten Internetshop kann Burda dieses Publikum auch an die Publikationen seines Verlages binden. Das deutsche Blogportal gibt es erst seit knapp zwei Jahren. Und doch haben die Autoren nach Auskunft von Scheloske schon rund 6.500 Beiträge verfasst.

Rund 400 Wissenschaftler bloggen

Endlich direkt erleben, wie die Leser reagieren – das ist ein starkes Motiv für Wissenschaftler zum Bloggen. „Sie bekommen Sichtbarkeit und eine gewisse Prominenz“, sagt Scheloske. Manche werden sogar als Experten zu Workshops und Seminaren eingeladen. Im Bundesgebiet, so schätzt Scheloske, gibt es insgesamt rund 400 bloggende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

„Der Laie kann auf den Wissenschaftsbetrieb schauen, ohne in die bodenlosen Sümpfe der Fachpublikationen hinabsteigen zu müssen“, erläutert Helmut Wicht, Privatdozent für Anatomie an der Universität Frankfurt am Main, Literat und Starblogger. „Wenn es gut geht, bekommt er mit, wie der Wissenschaftsbetrieb tickt.“ Marc Scheloske geht noch einen Schritt weiter. „Beim Bloggen werden Mauern zwischen Experten und Laien eingerissen“, lautet sein Resümee. „Wenn Forschende und Laien hier miteinander in den Dialog treten, demokratisieren sich die Kommunikationsformen.“

Arnd Zickgraf
arbeitet als Wissenschaftsjournalist und Publizist in Bonn.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Februar 2010

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