Datenschutz und Datensicherheit

Freizügig oder ängstlich? – Die Deutschen und ihre Daten im Web

Sind die Deutschen sicherheitsbedürftiger als andere Nationen?  Foto: Guenay Mutlu © iStockphotoSind die Deutschen sicherheitsbedürftiger als andere Nationen?  Foto: Guenay Mutlu © iStockphotoAls Google „Street View“ auch in Deutschland einführen wollte, löste dies massive Proteste aus. Ministerin Ilse Aigner forderte das Unternehmen auf, die Einwilligungen von Hausbesitzern einzuholen. Sind die Deutschen sicherheitsbedürftiger als andere?

Das Beispiel Google Street View ist nur eines von mehreren, das vermeintlich belegt, dass neue Medientechniken und die Geschäftspraktiken von modernen Internetunternehmen in Deutschland nicht immer auf vorbehaltlosen Zuspruch stoßen. So kritisierte Deutschlands Verbraucherschutzministerin 2010 auch das US-Unternehmen Facebook, als dieses Nutzerdaten automatisch an Dritte weitergeben wollte und drohte mit der Kündigung ihrer Mitgliedschaft. In südeuropäischen Ländern, Frankreich oder England war hingegen Anfang 2010 noch keine laute Kritik zu hören. Im Heimatland der Unternehmen, den USA, erst recht nicht. Die Deutschen gingen scheinbar einen Sonderweg.

Datenschutz und Persönlichkeitsrechte

In Deutschland genießen Datenschutz und Persönlichkeitsrechte einen besonders hohen Schutz. Foto: Debbi Smirnoff © iStockphotoIn Deutschland genießen der Datenschutz und die Persönlichkeitsrechte einen besonders hohen juristischen Schutz. Es handelt sich also weniger um eine Frage der deutschen Mentalität, als um eine des deutschen Rechts. Denn in beiden Bereichen hielten sich die US-Unternehmen nicht an deutsche Gesetze. Neben der Verletzung des Persönlichkeitsrechtes durch Google Street View – in Deutschland wurde letztlich ein Kompromiss gefunden, Eigentümer konnten ihre Häuser und Wohnungen verpixeln lassen – werden in Bezug auf Google immer wieder zwei Punkte moniert: Erstens speichert die Suchmaschine von Google bei Anfragen automatisch die IP-Adresse des Computers. IP-Adressen seien aber personenbezogene Daten, und dürften daher nicht ohne Erlaubnis der Nutzer über einen längeren Zeitraum gespeichert werden. Zweitens erstellt das Unternehmen mit diesen und anderen Daten Nutzerprofile, die es an Dritte zu Werbezwecken verkaufen könnte. Dagegen müssten die Nutzer nach deutschem Recht eine Widerspruchsmöglichkeit haben, so die Kritiker. Mit zunehmenden Wachstum brachte Google eine Reihe von weiteren Anwendungen auf den Markt, zum Beispiel den mobilen Bildersuch- und Vergleichdienst Goggles oder GMail, die miteinander vernetzt werden können. Dies ruft erneut Kritiker auf den Plan, sie sprechen von einem Datenkraken.

Internationale Kritik an Google

Inzwischen stehen die Deutschen nicht mehr allein mit ihrer Kritik an Google da.  Foto: Nikada © iStockphotoInzwischen stehen die Deutschen nicht mehr allein mit ihrer Kritik da. So listet beispielsweise die britische Nichtregierungsorganisation Privacy International in einem Vergleich von mehr als zwanzig führenden Internetunternehmen Google als das einzige „datenschutzfeindliche“ auf. In Frankreich äußerte sich der Staatspräsident persönlich zu Google. Nicolas Sarkozy bemängelte vor allem ökonomische und fiskalische Aspekte. Das US-Unternehmen schöpfe einen Großteil des französischen Werbemarktes ab, ohne im Land Steuern zu zahlen. Ende des Jahres 2010 geriet Google dann mit der EU-Kommission in Konflikt. Diesmal ging es um das Wettbewerbsrecht. Google wurde vorgeworfen, andere Suchmaschinenbetreiber zu benachteiligen. Auch in seiner Heimat bekam Google mit der Generalstaatsanwaltschaft des Bundesstaates Texas aus ähnlichen Gründen Probleme.

Der Fall Facebook

Nicht nur in Deutschland macht Facebook negative Schlagzeilen.  Foto: Feng Yu © iStockphotoDas soziale Netzwerk Facebook stand und steht in Deutschland im Wesentlichen wegen seines Gebrauchs persönlicher Daten und Profile in der Kritik. Der Gebrauch dieser Daten und die Weitergabe an Dritte stellt aber gerade das Geschäftsmodell des Unternehmens dar. Daraus macht auch Facebook-Chef Mark Zuckerberg keinen Hehl und gab bekannt, dass er bereits mit drei Unternehmen kooperiere, die Einblick in die persönlichen Profile der Facebook-Nutzer nehmen dürfen. In Deutschland ist dies ein klarer Verstoß gegen das Recht auf informationelle Selbstbestimmung.

Nicht nur in Deutschland macht Facebook mit seinem freizügigen Datenumgang negative Schlagzeilen. Auch viele Mitglieder im Ausland versuchen Facebook auf die Missstände aufmerksam zu machen. Den 30. Mai 2010 erklärten die kanadischen Webdesigner Joseph Dee und Matthew Milan zum Quit Facebook Day. Die Kritik ist also global: Durch soziale Netzwerke und neue Internetgeschäftsmodelle werden der Datenschutz und die Persönlichkeitsrechte von Nutzern gefährdet – weltweit.

Prof. Dr. Andreas Elter
ist bundesweiter Studiengangleiter Journalistik der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation und freier Publizist.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
November 2011

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