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„Weblogs ergänzen den Journalismus“ – Christoph Neuberger im Gespräch

Christoph Neuberger; © privatChristoph Neuberger; © privatIn welchem Verhältnis stehen Internet-Blogs und klassische Medien? Schauen die Blogger den Journalisten als fünfte Gewalt auf die Finger? Kommunikationswissenschaftler Christoph Neuberger über die Bedeutung des Internets für den Journalismus.

Herr Neuberger, im September 2009 hat eine Gruppe deutscher Blogger ein „Internet-Manifest“ zur Zukunft des Journalismus formuliert. Gerichtet ist das Manifest gegen die Verleger. Worum geht es konkret?

Es geht um die grundsätzliche Frage, wie Journalismus im Internet funktioniert. Im Juni 2009 haben die Verleger in der Hamburger Erklärung ein Leistungsschutzrecht gegen „Content-Klau“ gefordert, also einen Schutz für jene Inhalte, die im Auftrag von Verlagen produziert wurden. Das ist bei den Internetjournalisten, die sich in dem Manifest zu Wort gemeldet haben, auf Kritik gestoßen. Sie warnen davor, das Urheberrecht als Hebel zu benutzen, um finanzielle Interessen der Verlage durchzusetzen.

Verbessert das Internet den Journalismus?

Eine These des Blogger-Manifests lautet: „Das Internet verbessert den Journalismus“. Sehen die Verleger das auch so?

Website von „Der Spiegelfechter“; © spiegelfechter.comSoweit sich die Verleger hierzu programmatisch geäußert haben, haben sie sicherlich auch diese Chance im Blick. Die Verlegersicht ist aber – verständlicherweise – vor allem darauf gerichtet, wie Journalismus im Internet vermarktbar ist. Der journalistische Blickwinkel hingegen richtet sich auf die technischen Potenziale des Netzes, also auf die Frage, wie sich Journalismus durch das Internet verbessern lässt. Diese beiden unterschiedlichen Perspektiven stoßen immer wieder aufeinander.

Wie wird Journalismus in dieser Debatte definiert?

Website „BILDblog“; © bildblog.deEs geht um die Frage, ob man Internet-Journalismus noch nach dem alten Gatekeeper-Prinzip versteht. Das ist das Modell, das wir von Presse und Rundfunk kennen: Die Redaktion entscheidet, welche Inhalte veröffentlicht werden und vom Publikum wahrgenommen werden kann.

Und es geht um die Frage, ob man stattdessen den Journalismus stärker in einer moderierenden Funktion sieht, weil er im Netz einen großen Informationskreislauf anstößt – also darum, ob der professionelle Journalismus einerseits aufgreift, was beispielsweise von Bloggern geschrieben wird, und andererseits nicht darauf beharrt, dass seine Inhalte nur auf der eigenen Medien-Website auffindbar sind, sondern auch die Verbreitung von Kurzfassungen über Weblogs oder Nachrichtenaggregatoren wie Google-News oder perlentaucher.de zulässt.

Weblogs sind oft schlecht

Blog von Stefan Niggemeier; © Stefan NiggemeierSie haben für die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) untersucht, wie sich der Journalismus durch das Internet ändert. Was haben Sie über das Verhältnis zwischen Journalismus und Weblogs herausgefunden?

Es gibt natürlich professionelle Journalisten, die mit hoher journalistischer Qualität bloggen: im Kontext einer Medien-Website, aber durchaus auch unabhängig. Wenn man diese aber einmal ausklammert, bleiben kaum mehr Weblogs übrig, die journalistische Leistungen erbringen. Man kann allenfalls punktuelle journalistische Leistungen feststellen, aber kein kontinuierliches und universelles journalistisches Angebot, wie es die herkömmlichen Medien mit ihren Nachrichten leisten.

Eine „komplementäre Beziehung“

Zwischen den Weblogs und den klassischen Medien besteht also keine Konkurrenz?

Website von „Der Spiegelfechter“; © spiegelfechter.comWie wir nachweisen konnten, gibt es in erster Linie eine komplementäre Beziehung. Mittlerweile nutzen nicht nur Internet-, sondern auch klassische Nachrichtenredaktionen Weblogs als Recherchequelle. Sie lassen sich inspirieren, finden neue Themen. Auf der anderen Seite greifen Weblogs Themen auf, die von den klassischen Medien vorgegeben werden.

Blogs ersetzen den Journalismus nicht, sondern haben eine wichtige Ergänzungsfunktion: als Recherchequelle und als Resonanzraum. Sie sind der Bereich, in dem die Anschlusskommunikation stattfindet. Der Journalismus kann so mit dem Publikum ins Gespräch kommen und es anregen, sich über die politisch wichtigen Themen zu unterhalten. Das ist unter demokratietheoretischen Gesichtspunkten ganz wichtig.

Nur wenige Blogs werden wahrgenommen

Watch-Blogs wie BILDblog.de und spiegelfechter.de kontrollieren die herkömmlichen Medien und kritisieren journalistische Fehlleistungen. Sind Blogs zur 5. Gewalt geworden?

Cover des Buchs „Journalismus im Internet. Profession – Partizipation – Technisierung“; © Vs Verlag Das wäre sicherlich noch zu hoch gegriffen. Das BILDblog in seiner alten Form hat aber durchaus modellhaften Charakter gehabt. Den beiden Journalisten Christoph Schultheis und Stefan Niggemeier ist es gelungen, ihre Lesergemeinschaft zu mobilisieren und zu bitten, Hinweise auf das Fehlverhalten der Bild-Redaktion zu geben. Das hat durchaus Wirkung gezeigt. So wurde immer wieder beobachtet, wie schnell bild.de Fehler korrigiert hat.

Wird die Demokratie durch Blogs gestärkt?

Rein technisch ist die alte Forderung, dass jeder seine Stimme erheben kann, sicherlich eingelöst. Wir wissen allerdings auch, dass nur wenige Blogs wahrgenommen werden. Es gibt allerdings Journalisten, die in kleinen Weblogs recherchieren, dort Themen ausgraben und medial verstärken können. Das gab es zuvor nicht. Der Journalismus sollte sein Rollenverständnis ändern und sich im Netz als Moderator der gesellschaftlichen Selbstverständigung verstehen.

„Weblogs sind eine kaum umkehrbare Entwicklung"

Haben Journalismus und Weblogs eine gemeinsame Zukunft?

Ich denke schon. Der Journalismus wird künftig die Internet-Nutzer viel stärker einbeziehen müssen. Weblogs sind eine kaum umkehrbare Entwicklung. Allerdings steht im Hintergrund immer die Frage, wie das Geschäftsmodell für den professionellen Journalismus im Netz aussehen könnte. Eine Antwort steht noch aus. Werbung und Nutzergebühren haben sich nicht als so ertragreich erwiesen, wie man vermutet hat.

Es fehlt aber nicht nur dem Internetjournalismus das finanzielle Standbein. Das Internet untergräbt auch die Erlösmöglichkeiten der klassischen Medien, insbesondere der Tageszeitungen. Letztlich wird es wohl auf eine Marktbereinigung hinauslaufen.

Professor Christoph Neuberger lehrt seit 2002 am Institut für Kommunikationswissen der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Zu seinen Schwerpunkten gehören Journalismus- und Internetforschung. Von 2006 bis 2008 leitete er das DFG-Forschungsprojekt „Vermittlungsakteure, -strukturen und –leistungen der aktuellen Internetöffentlichkeit“. Daraus entstand 2009 das Buch Journalismus im Internet. Profession – Partizipation - Technisierung.
Dominik Reinle
ist Diplom-Soziologe und arbeitet als freier Journalist in Köln, unter anderem für die Internetredaktion des Westdeutschen Rundfunks (WDR).

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Dezember 2009

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