Viel Enthusiasmus, wenig Geld: Internetradios

Mittlerweile gibt es rund 2.700 Internetradiostationen in Deutschland: 2006 waren es erst 450. Auch wenn sich diese Art des Radiohörens immer mehr durchsetzt – damit Geld zu verdienen, bleibt vorerst schwierig. Wie die BLM-Studie aufzeigt, hörten 2008 rund 7,5 Millionen Nutzer täglich Radio im Internet: Bis 2013 werde sich diese Zahl auf rund 21 Millionen erhöhen, so die Prognose. Und auch die derzeitige durchschnittliche Nutzungsdauer von 73 Minuten pro Tag könne bis 2012 auf bis zu 147 Minuten steigen.
Laut Studie sind vier Fünftel der deutschen Internet-Stationen ausschließlich online zu empfangen, die anderen sind Live-Streams der UKW-Radiosender. Am populärsten hierbei sind im Internet empfangbare öffentlich-rechtliche Sender mit 26 Prozent; reine Webradio-Angebote kommen auf 19 Prozent. Letztere füllen meist eine Lücke im üblichen UKW-Programm, wie Stefan Sutor betont: „Von den reinen Internetradios werden am meisten spezielle Programme gehört, deren Musiksparten vom normalen Mainstream-Radio nicht abgedeckt werden.“
Vermarktung steckt in den Kinderschuhen
Der Webradio Monitor 2009 konstatiert zudem, dass 55 Prozent der deutschen Webradio-Veranstalter mit den Abrufzahlen ihres Internetsenders sehr oder eher zufrieden sind. Trotzdem seien 81 Prozent von ihnen von der Rentabilität ihres Senders nicht angetan.
Der Onlinewerbeumsatz aller Webradios in Deutschland betrug 2008 rund 14 Millionen Euro. Die BLM-Studie prognostiziert einen Anstieg auf bis zu 85 Millionen Euro im Jahr 2013. „Die Vermarktung der Internetradios muss weiter professionalisiert werden“, sagt Stefan Sutor. Für einige Internetradios sei es bestimmt schon möglich, die technischen Kosten über Werbeerlöse zu refinanzieren. Jedoch werde es noch lange dauern, bis über die Erlöse aus dem Internetradio auch Personalstellen für den Betrieb der Sender finanziert werden könnten.
„Die meisten Internetradios sind meiner Ansicht nach als Liebhaberprojekte einzustufen“, zieht Sutor Bilanz, „die von der Begeisterung und dem Enthusiasmus der Macher leben.“
Journalismus Mangelware
Während Musikliebhaber aus einer Vielzahl an Webradios mit den unterschiedlichsten Musikstilen wählen können, müssen Hörer mit Vorliebe für Wortbeiträge länger suchen: „Journalistisch fundierte Inhalte finden sich nur bei wenigen Internetradios“, hat Stefan Sutor festgestellt.
Für interessant hält er Radio Lechtal, das im Internet als Lokalradio gestartet ist und seine Hörer mit Informationen aus dem Kreis Landsberg am Lech versorgt. Auch öffentlich-rechtlich finanzierte Internetradios, die ihre Hörerschaft vor allem über das Internet finden, können ebenfalls punkten: Hierzu gehören DRadio Wissen sowie On3-Radio des Bayerischen Rundfunks (BR).
Ausgezeichnetes Programm
Einen Internetsender hebt Sutor besonders hervor: „Ein Leuchtturmprojekt ist bestimmt ByteFM mit fundierten musikjournalistischen Inhalten.“ ByteFM ging Anfang 2008 auf Sendung, hat mittlerweile 500.000 Hörer im Monat und wurde 2009 mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Der Hamburger Sender definiert sich als „musikbezogenes Autorenradio“, das „alles, was in der modernen Popmusik wichtig ist“, präsentiert: Mehr als 80 Journalisten und Musiker gestalten und moderieren ehrenamtlich das Programm. Ein kleines, festes Team von zehn bis 15 Mitarbeitern organisiert den Sendebetrieb.
„Wir haben einen großen Elektronikkonzern als Sponsor, der wichtig ist, um das Projekt am Leben zu halten“, erklärt Gründer Ruben Jonas Schnell das Finanzierungsmodell von ByteFM. Um zukünftig in mehr Mitarbeiter und Technik investieren zu können, hat der Musikjournalist zwei weitere Einnahmequellen im Blick: Seit Anfang 2010 unterstützt ein Förderverein mit 600 Mitgliedern das Internetradio, außerdem ist das Online-Archiv von ByteFM kostenpflichtig geworden. Auch Bannerwerbung auf der Homepage sei eine Idee: „Das Programm soll aber werbefrei bleiben.“ Schnell ist optimistisch, dass die Entwicklung der Einnahmen von ByteFM mittelfristig dazu führt, davon leben zu können: „Ich werde mir keine Schlösser davon kaufen können – aber das muss ja auch nicht sein.“
Lange Interviews statt O-Ton-Schnipsel
Den Machern von detektor.fm in Leipzig ist ebenfalls bewusst, dass sie mit ihrem Ende 2009 gestarteten Internetradio nicht reich werden können. „Das möchten wir aber auch nicht“, sagt Marcus Engert, redaktioneller Planer und neben Hans Bielefeld und Christian Bollert einer der drei Gründer. Für die Macher steht der Inhalt ihres Radios im Vordergrund: „Wir wollen Themen aus Politik, Wirtschaft und Kultur hintergründig präsentieren, daher enden bei uns Interviews nicht nach drei Minuten.“ Auch die Musik sei wesentlicher Bestandteil des Programms – „handverlesen und abseits des Mainstreams“, wie Engert betont. Die Inhalte kommen von den drei Gründern selbst – oder von einem dem Sender angeschlossenen Journalistenbüro, das keine hohe Miete, sondern mit journalistischen Beiträgen bezahlt.
Auch wenn die Inhalte überzeugen sollen: Engert hofft, dass sich mit dem Radiosender, der mit einem Förderstipendium des Landes Sachsen, Investitionen und Krediten gegründet wurde, bald Geld verdienen lässt. Die große Säule des Finanzierungsmodells: Bannerwerbung und Kooperationen mit Werbepartnern, die bestimmte Sendungen präsentieren.
Noch befinde sich detektor.fm in der Konsolidierungsphase, sagt Engert. Mit den ersten Gewinnen sollen dann Schulden getilgt, später in Honorare und Technik investiert werden. Die Macher haben große Wünsche für die Zukunft: Sie wollen zu den fünf attraktivsten Radiosendern, die ausschließlich über das Internet zu empfangen sind, gehören. Engert ist sich sicher, dass er und seine Kollegen den richtigen Weg beschreiten: „Das Radio hat nur im Web eine Zukunft.“
arbeitet als freie Journalistin in Bocholt, unter anderem für die Ruhr Nachrichten und den Westfalenspiegel. Ihre thematischen Schwerpunkte sind Bildung, Kultur, Politik, Justiz und Gesellschaft.
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Juli 2010
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