Gott wohnt im Himmel – und im Web

Im virtuellen Himmel finden moderne Christen spirituellen Beistand. Sie beten interaktiv, beichten digital, besuchen den Gottesdienst auf Facebook oder die Mittagsandacht auf Twitter. Die Offenbarung Gottes geschieht für den modernen Christen auch im Internet.
Die Kirche ist eines der größten und ältesten sozialen Netzwerke der Welt, doch sie ist nicht gerade als modern verschrien und die Mitglieder laufen ihr in Scharen davon. Allein im Jahr 2010 kehrten 181.193 katholische und 145.250 evangelische Kirchenmitglieder der Kirche den Rücken. In den Gottesdiensten sitzen mittlerweile hauptsächlich Kinder und alte Leute. So verwundert es nicht, dass Papst Benedikt XVI Anfang 2012 anlässlich des alljährlichen Festes des Heiligen Franz von Sales, Schutzpatron der Journalisten, Priester weltweit dazu aufgerufen hat, internetbasierte Kommunikationswege zu nutzen, um mit den Gläubigen ins Gespräch zu kommen.
Facebook-Gottesdienst in Köln
Dietmar Heeg, katholischer Pfarrer in Köln, wählte gleich eine besonders fortschrittliche Form: den „Gottesdienst 2.0“. Am 1. April 2012, Palmsonntag, feierte er seine erste Facebook-Andacht. Die Predigt aus der Kapelle des Maternushauses in Köln wurde per Livestream auf Facebook übertragen. Die Gemeinde war dazu aufgefordert, Fragen und Fürbitten, Anregungen und Anliegen per Twitter und Facebook zu posten. Die Kommentare der Community empfing Online-Redakteurin Sarah per iPad und las sie vor, so dass der Pfarrer gleich auf diese eingehen konnte. „Was hat denn jetzt Gott mit Fußball zu tun?“, fragte ein Facebook-User, weil Heeg in der Andacht eine Analogie von Jesus zum „verbal gekreuzigten“ Nationaltorwart Manuel Neuer zog. Ein anderer versuchte, es im Chat zu erklären: „Der Pfarrer nimmt Beispiele aus dem Leben.“ „Genau“, bestätigte Heeg im laufenden Livestream. Er ist sich sicher: „Wenn Jesus heute leben würde, hätte er auch ein Facebook-Profil.“
Auch die evangelische Kirche versucht verstärkt, im Web 2.0 um ihre Schäfchen zu werben. Anfang Mai 2012 nutzte eine evangelische Gemeinde in ihrem Gottesdienst erstmals den Kurznachrichtendienst Twitter. Mehrere Besucher des Gottesdienstes in der Frankfurter Versöhnungskirche teilten mit dem Laptop auf den Knien der Welt in 140 Zeichen mit, was sie gerade erlebten. „Wir singen gemeinsam das Lied 432“, lautete einer der Tweets, gefolgt von einem Link zum Liedtext. Kurze Zeit später machte ein weiterer Twitterer die Aufnahme des Liedes aus der Kirche über Soundcloud, eine Internetplattform zum Austausch von Musikdateien, verfügbar. Alle Tweets wurden mit dem Hashtag #rctg12 auf eine Leinwand neben dem Altar projiziert.
Von Blogozese bis Relicamps
Kein Unternehmen, keine Partei, kein Prominenter und auch keine Glaubensgemeinschaft kommt heute ohne Internetauftritt, ohne Facebook-Profil oder Twitter-Kanal aus. Für die Digital Natives unter den Christen ist das Angebot im Internet nahezu unüberschaubar geworden. Viele Gemeinden und Bistümer pflegen neben ihrem eigenen Internetauftritt auch eine Facebook-Seite oder einen Twitter-Kanal, es gibt eine aktive Blogger-Szene – die katholische nennt sich selbstironisch Blogozese. Auf sogenannten Relicamps, Tagungen mit offenen Workshops zum Thema Kirche und Social Media, wird über neue Formen der Religionsausübung diskutiert. Die Google-Suche nach dem Begriff „Internetseelsorge“ spuckt mehr als 45.000 Treffer aus.
Christliche Communities wie Jesus.de, Firstlife, Authentic Friends oder Christbook.com locken mit Blogs und News, bieten Chats und Börsen für die Job- oder Reisepartnersuche. Single-Börsen wie FunkyFish, Christ sucht Christ oder Himmlisch Plaudern versprechen, einen Partner mit dem passenden Glauben zu finden. Es gibt Online-Auftritte für Kinder, Gebetsportale, Kirchensuchmaschinen, Bewertungsportale für Pfarrer, Pastoren und gar für den Papst – rund ein Dutzend Predigtenportale, auf denen sich die Priester ihre Kanzelreden zusammenstellen können und sogar spezielle Apps für den Katholikentag. Unter den vielen offiziellen und noch viel mehr privaten Internetseiten findet sich auch so manches skurrile Angebot: Unter Beichte.de können sich Gläubige zum Beispiel unter alarmierendem Glockengeläute die digitale Absolution holen. Nach einem Klick auf „Ich habe gesündigt und bereue“ öffnet sich ein Pop-up-Fenster mit der Nachfrage „Haben Sie den Vorsatz, sich zu bessern? Wenn Ja, aktivieren Sie den Vorsatz“. Das Ganze gibt es auch als iPhone- oder iPad-App.
Twigo – „Extremster Protetantismus“
Die Reaktionen derer, die den sogenannten Twigo (Twitter-Gottesdienst) in Frankfurt vom heimischen Sofa aus verfolgten, fielen geteilt aus. „Wenn ich solche Gottesdienste mitfeiern darf, weiß ich, warum ich Christ bin“, lautete einer der Tweets. „Die Atmosphäre, für die viele einen Gottesdienst besuchen, fehlt. Nur Worte => Extremster Protestantismus“, befand ein anderer Twitterer.
Nicht alle christlichen Online-Angebote kommen gleichermaßen gut an und nicht alle Menschen sind dafür empfänglich. „Kirchenferne lassen sich nicht allein deshalb bekehren, weil die Kirche bei Facebook präsent ist“, weiß Diplomtheologe Christian Wode, der sich mit dem Thema Kirche und Web 2.0 beschäftigt hat. Bisher würden sich die User auf Facebook vor allem über kirchenkritische Themen austauschen. Online-Redakteurin Sarah jedenfalls berichtet Positives über die User-Reaktionen zum Facebook-Gottesdienst: „Viele sind sehr angetan“, meint sie. Und auch Pfarrer Heeg zeigt sich optimistisch: „Der Heilige Geist weht, wo er will und ich bin fest davon überzeugt, er weht heute auch im Internet.“
ist Diplom-Soziologin und freiberufliche Redakteurin.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Juli 2012
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