Medien in Deutschland – Panorama

Schleichwerbung gefährdet Unabhängigkeit

Die Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland

Copyright: picture-alliance/dpaDie Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland erfolgt zum überwiegenden Teil aus Gebühren. Doch unübersehbar wächst die Zahl von Firmenauftritten im Programm, und Nebengeschäfte durch Gewinnspiele und Telefonhotlines lassen auch bei ARD und ZDF die Kassen klingeln.

Jeder Kinobesucher, jeder Fernsehzuschauer in Deutschland kennt die drei Buchstaben GEZ. "Gebühreneinzugszentrale der öffentlichen-rechtlichen Rundfunkanstalten in der Bundesrepublik Deutschland" heißt die Abkürzung ausgeschrieben. GEZ kommt immer zusammen mit dem Begriff "Schwarzsehen" vor. Das ist so etwas wie "Schwarzfahren" in der U-Bahn: Ist peinlich, kommt teuer und lohnt sich nicht wirklich.

Die GEZ zieht für die neun Landesrundfunkanstalten der ARD sowie DeutschlandRadio und das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) von den "Rundfunkteilnehmern" Gebühren ein. 17,03 Euro pro Monat. Das regelt der "Rundfunkgebührenstaatsvertrag". Er schreibt vor, dass für jedes Empfangsgerät – TV und Radio – eine monatliche Gebühr zu entrichten ist (egal ob der Teilnehmer ARD und ZDF guckt oder nur Privatsender). Auf diese Weise kommen von rund 40 Millionen erfassten "Teilnehmern" Milliarden von Euro zusammen: 6,75 Mrd. waren es im Jahre 2002. Sie werden nach einem festgelegten Schlüssel auf die ARD-Sender und das ZDF aufgeteilt.

80 Prozent Einnahmen aus Gebühren

Die Rundfunkgebühren (80 Prozent der Einnahmen) sind die wichtigste Finanzierungsquelle der öffentlich-rechtlichen Sender. Die Philosophie: Nicht der Staat, keine mächtige Interessengruppe und auch kein einzelnes Unternehmen, sondern die Fernsehzuschauer und Rundfunkhörer selbst finanzieren mit ihren Beiträgen die Programmarbeit der Landesrundfunkanstalten. Die Absicht: Öffentlich-rechtliches Fernsehen kann objektiv informieren und braucht sich keiner staatlichen oder wirtschaftlichen Einflussnahme zu beugen. Die Kritik entzündet sich an den restlichen 20 Prozent. Nicht das Werbefernsehen ist der Stein des Anstoßes. Nur 20 Minuten pro Werktag und vor 20 Uhr ist den Öffentlich-rechtlichen erlaubt. Nach Angaben der ARD tragen Einnahmen aus der Werbung nur mit 2,2 Prozent zur Finanzierung bei.

"Kofinanzierungen"

Dagegen sind "Koproduktionen, Kofinanzierungen und Programmverwertungen" mit 17,3 Prozent an den Einnahmen beteiligt. Was hier vornehm umschrieben wird, nennen Kritiker schlicht "Schleichwerbung". Die Zuschauer kennen es zur Genüge: Bei Thomas Gottschalks Samstagabendshow im ZDF (Einschaltquote der jüngsten Sendung: 44 Prozent) lässt Mercedes seine neuen Modelle auf die Bühne rollen und zahlt dafür 750.000 Euro. T-Mobile lässt neue Handys präsentieren und ist mit 900.000 Euro dabei. Die ARD kassiert allein bei der Wahl zum (Fußball-)"Tor der Woche" der "Sportschau" über Telefongebühren 5,3 Millionen Euro. Durch Gewinnspiele werden die Zuschauer zum Anrufen animiert. Die teuren Telefongebühren teilen sich die Sender mit den Telefonanbietern.

Einfluss über "Programming"

Weil Fernsehzuschauer bei kompletten Werbeblöcken gerne aussteigen, haben sich Firmen andere Wege überlegt, wie sie um die Gunst der Verbraucher werben können. Ein alter Hut ist das Product placement. Eine bestimmte Champagnermarke in einer Serie für 30 Sekunden demonstrativ ins Bild gesetzt bringt 25.000 Euro.

Sponsoring oder "Programming", wie das in der Branche auch genannt wird, geht einen Schritt weiter. Dabei werden ganze Beiträge, ja sogar komplette Serien, von Firmen oder Lobbyisten angeregt und bezahlt. So hat die Centrale Marketing Gesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft (CMA) die Serie "Abenteuer Landwirtschaft", die auf 3sat, dem Kulturkanal von ARD und ZDF lief, gesponsert. Diese Praxis ist bei den Privatsendern längst üblich: Eine populäre Wissenschaftssendung auf Pro 7 nimmt auch mal Firmenvideos ins Programm. Selbst Nachrichtensendungen werden von PR-Firmen beliefert, die im Auftrag von Kunden "TV-Präsenz für Informationen und Persönlichkeiten aus Ihrem Unternehmen" schaffen.

Die gesamten Einnahmen aus diesen Kanälen summieren sich nach Berechnungen von Experten bei ARD und ZDF zusammen auf rund 100 Millionen Euro. Eigentlich ein "Klacks" bei 6,5 Milliarden Euro Gebühreneinnahmen. Wenn Zuschauer aber nicht mehr genau wissen, ob die Sendung, die sie gerade sehen, Werbung ist oder nicht, ob das Drehbuch von Lobbyisten mitgeschrieben wurde oder eine Interessenvereinigung Stimmung machen möchte, dann steht ein gutes Stück Glaubwürdigkeit auf dem Spiel. Der große Journalist Hans-Joachim Friedrichs sagte einmal: "Guten Journalismus erkennt man daran, dass er sich mit keiner Sache gemein macht, auch nicht mit einer guten Sache."

Volker Thomas
ist freier Journalist in Berlin und Leiter der Agentur Thomas Presse und PR, Berlin/Bonn.
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Februar 2005

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