Das Wichtigste vom Tage – an der Haltestelle: Tageszeitungen im Tabloid-Format

Die Zeitungsverleger in Deutschland suchen nach immer neuen Produkten, um sich im Kampf um Leser und Anzeigenkunden behaupten zu können. Neuester Trend sind Tageszeitungen, die nur etwa 24 x 42 cm groß sind. Handliches Format und knackige Themen sollen vor allem junge Leser ansprechen.
"Zeitung to go", Zeitung für die "i-Pod-Generation" – mit diesen Bezeichnungen machen die Verlagshäuser Axel Springer und Georg von Holtzbrinck Werbung für ihre jüngsten Neuerscheinungen. Springer brachte vor gut einem Jahr mit "Welt kompakt" eine Tageszeitung im Tabloid-Format heraus. Die Georg von Holtzbrinck Verlagsgruppe lancierte in Cottbus mit "20 Cent" und die Verlagsgruppe Handelsblatt mit "news" im Frankfurter Raum ebenfalls zwei kleinformatige Blätter. In Köln reagierte das Verlagshaus DuMont Schauberg auf den neuesten Trend aus Großbritannien und bietet seit letztem Jahr den "Kölner Stadtanzeiger Direkt" an.
Gemeinsam ist diesen Mini-Zeitungen, dass sie Lesern, die nicht viel Zeit für eine ausgiebige Zeitungslektüre mitbringen, kompakt und übersichtlich aufbereitete Nachrichten bieten. Die Tabloids umfassen knapp 30 Seiten, auf denen kaum mehr als Schlagzeilen aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Lokalem Platz haben. Diese Info-Häppchen reichen vielen Lesern aus, um sich im Zug, an der Haltestelle, zwischen zwei Terminen oder in der Mittagspause schnell über das Wichtigste vom Tage zu informieren.
Vor allem junge Leser werden angesprochen
Wer also detaillierte Hintergrundberichte, Analysen oder geistreiches Feuilleton sucht, ist mit einem Tabloid folglich schlecht beraten. "Tabloids richten sich an ein Publikum, das bisher nicht Zeitung liest", erklärt Horst Röper, der in seinem Formatt-Institut in Dortmund die deutsche und internationale Medienlandschaft beobachtet. "Sie sind sehr praktisch, besonders weil sie über nicht sehr viele Seiten verfügen. Das kommt bei vielen Lesern an. Kleinere Stücke, die mit mehr illustrativen Elementen umgeben sind, signalisieren von vornherein: Das ist ein buntes, munteres Blatt, das nicht viel Zeit abverlangt".Mit dieser Verschlankung des Inhalts und der modernen Aufbereitung der Informationen – anschauliche Grafiken und übersichtliche Kästen – versuchen die Verlagshäuser, neue Leserkreise zu erschließen. Vor allem die für Werbekunden attraktive Leserschaft zwischen 18 und 35 Jahren soll erreicht werden. Doch dazu ist nicht nur eine Veränderung des Erscheinungsbildes notwendig. Die Internet- oder "i-Pod"-Generation ist es gewohnt, schnell und kostenfrei an Informationen zu kommen. Entsprechend günstig sind die Tabloids zu haben: "Welt kompakt", "Köln direkt" und "news" kosten jeweils 50 Cent, das Cottbusser Blatt – wie der Name schon sagt – lediglich 20 Cent.
Das Konzept scheint aufzugehen. Zwar haben die Verlage noch keine verbindlichen Zahlen veröffentlicht. Doch von "20 Cent" beispielsweise werden täglich 20.000 Exemplare gedruckt. Und auch die entsprechende Internetseite sei gut besucht, was zur Hälfte der Single-Seite zu verdanken ist. Denn 20 Cent hat zwar keinen Kulturteil, dafür aber eine Kontaktbörse. Die Zeitung "ist das richtige Produkt für jemanden, der gern auf Konzerte, Partys und in Diskos geht und einen Partner sucht. Für jemanden, der gern im eigenen Bett übernachtet, ist das Produkt nicht geeignet", sagt Peter Stefan Herbst, der das Blatt verantwortet.
Trend aus Großbritannien
Die Vorbilder der deutschen Tabloids kommen aus Großbritannien, wo die Zwerg-Zeitungen den Markt ziemlich durcheinander gewirbelt haben. Dort bezeichnet der Begriff "tabloid" traditionell die Boulevardpresse, deren Format sich von den seriösen Broadsheets unterscheidet. Als sich aber vor gut zwei Jahren das britische Traditionsblatt "Independent" vom Broadsheet-Format verabschiedete und als Tabloid herauskam, bedeutete das eine wahre Revolution an den britischen Zeitungskiosken. Die Auflage des "Independent" stieg um satte 15 Prozent. Inzwischen erscheint die Samstagsausgabe der Londoner "Times" als Tabloid, und auch der "Guardian" wird in diesem Jahr in einer kleineren Gestalt daher kommen. In den Benelux-Ländern und in Skandinavien wird ebenfalls an Tabloids gebastelt.Doch hundertprozentig lassen sich die englischen Verhältnisse nicht auf Deutschland übertragen. Denn die deutschsprachigen Tabloids sind keine eigenständigen Tageszeitungen, vielmehr Ableger von bereits etablierten Blättern, von denen die Inhalte übernommen werden. So steht hinter Springers "Welt kompakt" die überregionale Tageszeitung "Die Welt", hinter "Köln direkt" der "Kölner Stadtanzeiger". "20 Cent" speist sich aus Beiträgen der in Ostbrandenburg vertriebenen "Lausitzer Rundschau". "news" verfügt über eine eigene Redaktion, wird aber ebenfalls mit Artikeln aus dem "Handelsblatt" und der "Wirtschaftswoche" bestückt sowie aus Produkten der Verlagsgruppe Milchstraße wie "TV Spielfilm" oder "Fit for Fun".
Trotz anders lautender Bekundungen scheinen die deutschen Zeitungsverleger also ihren neuen Produkten noch nicht über den Weg zu trauen. Produktionsaufwand und Kosten werden auf ein Minimum beschränkt. Andere deutsche Verlage betrachten die Tabloids sogar mehr als kritisch: "Ich glaube nicht, dass man die britischen Erfahrungen so einfach auf den deutschen Markt übertragen kann", sagt beispielsweise Berthold Kohler, Herausgeber der FAZ. Für die FAZ käme eine Änderung des Formats nicht in Frage. Und so lange die Tabloid-Zeitungen einen "großen Bruder" im Rücken haben, aus dessen Repertoire sie sich hemmungslos bedienen können, werden sie die normalen Zeitungen nicht ersetzen können.
Redakteurin und Publizistin, Köln
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Juni 2005














