Zeitungen und Zeitschriften

Kultur & Gespenster - Eine Kulturzeitschrift zum Verlocken & Pflegen

Kulturzeitschriften finden sich in der Mehrzahl in einem randständigen Markt. Wenn sie überwiegend vom Engagement der Macher getragen sind und nicht von starken Verlagen oder satten Werbeaufträgen, kommt es umso mehr auf dieses Engagement an.

Im August 2006 erschien die erste Ausgabe der Vierteljahreszeitschrift Kultur & Gespenster. Herausgeber sind Jan-Frederik Bandel, Nora Sdun und Gustav Mechlenburg. Auf die Frage, wie man diese Publikation nennen kann, antwortet das Team: "Schubladen klemmen immer. Natürlich ist es keine Literaturzeitschrift, denn wir drucken ja keine Erzählprosa oder Lyrik. Wir sind eine Kultur- und Gespensterzeitschrift. Und wer sie lesen möchte, dem werden wir keine Hausordnung mit auf den Weg geben." Im ersten Heft hieß es dazu, Pflegen & Verlocken sei die Programmsetzung der Kulturzeitschrift, wobei das Verlocken vom altdeutschen gispanst /Gespenst kommt, demnach sei " Kultur & Gespenster ein ernst zu nehmender Ratgeber für alle kulturellen Verlockungen, von denen man noch nicht weiß, wohin sie einen führen". Er erscheint im Textem-Verlag von Gustav Mechlenburg, der bisher eine Reihe kleinerer Literaturpublikationen in Heftchenformat, einen verwegenen Experimentalroman von Carsten Klook (Korrektor, 2005) und die Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde von Klabund herausbrachte. Zarte Anfänge noch, aber die Internetseite des Verlags ist ein dynamisches interaktives Forum, und die Zeitschrift Kultur & Gespenster (Auflage 2000) kann man wohl als das Flaggschiff der Szene betrachten.

"Wir machen ein Angebot"

Der in seinem vielfältigen Schaffen noch unterbelichtete Hubert Fichte scheint eine zentrale Bezugsfigur dieser Szene zu sein, das Heft 1 war ihm in den Hauptbeiträgen gewidmet, Jan-Frederik Bandel verantwortet auch selbständige Publikationen zu Hubert Fichte. In der zweiten, schon wesentlich umfangreicheren Dezember-Ausgabe (400 Seiten, Thema: Unter vier Augen) mit Schwerpunkt Interview/Gespräch bezieht auch Kathrin Röggla ihre Medienautorschaft auf Fichte. Insgesamt hat das Thema Gespräch und Interview eine umfangreiche und breite Themenpalette ergeben, auch die Auswahl der Autoren aus Literatur, Wissenschaft, Kritik, Kunstpublizistik und Bildkunst lässt auf ein in Zukunft größeres Spektrum hoffen. Die Herausgeber haben einen "offenen, aber emphatischen" Begriff von Kultur und wollen sich dem Fetisch der Aktualität nicht unterwerfen: "Aktuell ist alles, was uns, unsere Autoren fasziniert, beschäftigt, in Rage versetzt. Aber mit irgendwelchem spezialistischen Insidergemunkel haben wir genauso wenig am Hut wie mit didaktischem Absichtsgehabe. Wir wollen nicht vermitteln, wir machen ein Angebot. Es liegt alles vor. Es gibt mehr Texte und Bilder als Kartoffeln." Aus dem Vorliegenden lässt sich in der Tat vieles auf intelligente Weise verbinden, unter anderem wird ein Interview mit Thomas Bernhard ausgegraben, erstmals in deutscher Sprache publiziert, ein Essay von Robert Neumann aus dem Jahr 1966 über die Gruppe 47 (Spezis in Berlin) führt geballte Polemik vor Augen und ein Essay zur aktuellen Kunst von Pierangelo Maset warnt vor dem Gespenst des Mainstreams und dem "Verlust des Randes".

Wir sind die Dicksten

Über publizistische Vorbilder ist man sich nicht ganz einig: "Unser Anzeigenakquisiteur sagt: der "Teutsche Merkur". Andere behaupten: amerikanische Quarterlies, die "Beute", "John Sinclair" und "Texte zur Kunst". Aber das ist alles Quatsch. Kultur & Gespenster ist am dicksten." Es ist wirklich dick und erinnert im Format auch ans Kunstforum International, bringt eine sorgfältige Auswahl von gut reproduziertem Bildmaterial (Kunst, Fotografie, Comic) und insgesamt ein originelles, nicht überstrapaziertes Layout. Nur die Schrift ist leider viel zu klein. Man spricht im Verlagsjargon von Augenpulver, das auch große Verlage leider oft genug in ihrer Buchware vor allem für das jüngere, zahlungsschwache Publikum verwenden. Auch Beipackzettel auf Pharmazieerzeugnissen oder das Kleingedruckte in der Lebensversicherung sind Augenpulver, aber eins kann man den Machern von Kultur & Gespenster nicht vorwerfen - dass sie publizistisches Augenpulver verstreuen. Die Beiträge sind seriös und (meist) journalistisch oder essayistisch (also lesbar) geschrieben, die redaktionelle Mischung ist anregend und die allgemeine Tendenz lässt auf Dauer frisches Gedankengut erwarten. Die selbstsicher geäußerte Motivation der Macher jedenfalls verspricht Durchhaltevermögen: "Das Bedürfnis, dazwischenzuquaken, verwandelt in Machbarkeitsfantasien und Gestaltungswut".
Martin Zähringer,
freier Journalist

Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de
Februar 2007

Links zum Thema

Deutschsprachige Zeitschriften und Zeitungen

Von A wie Architektur bis W wie Wirtschaft

Journalistenaustausch „Nahaufnahme“

Zehn Journalisten aus Deutschland und aus dem Ausland tauschen für einen Monat ihren Wohnort und Arbeitsplatz und berichten aus einer fremden Perspektive über ihre Eindrücke vor Ort.

Twitter: @GI_Journal

Aktuelles aus Kultur und Gesellschaft in Deutschland

Fikrun wa Fann

Die Kulturzeitschrift des Goethe-Instituts für den Dialog mit der islamischen Welt.
Fikrun wa Fann ist jetzt auch als E-Paper online.

Humboldt

Kulturzeitschrift für den Dialog mit Latein-
amerika und der Iberischen Halbinsel.
Humboldt ist jetzt auch als E-Paper online.

Verlegerfortbildung 2009–2011

Initiative „Kultur und Entwicklung“: Berufliche Qualifizierung für Verlagsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter in Osteuropa und Zentralasien