Zeitungen und Zeitschriften

30 Jahre Spott und Häme – die Satirezeitschrift „Titanic“

Titelbild der Satirezeitschrift ‘Titanic’; © Titanic Titelbild der Satirezeitschrift ‘Titanic’; © Titanic „Titanic – Das endgültige Satiremagazin“ wird 30. Bei der Zeitschrift haben sich die besten satirischen Autoren und Cartoonisten des Landes versammelt, um mit bissigem, teils bösem Humor auf die wunden Punkte der Gesellschaft abzuzielen.

Als im November 1979 ein Magazin namens Titanic auf dem Markt erschien, hätte niemand damit gerechnet, dass sich die Zeitschrift einmal zum Flaggschiff der deutschen Satire entwickeln würde. Gegründet wurde das Blatt von abtrünnigen Redakteuren der literarisch-satirischen Zeitschrift pardon in Frankfurt am Main: namentlich von F.K. Waechter, Chlodwig Poth, Hans Traxler, Robert Gernhardt und Peter Knorr, die heute zu den bekanntesten deutschen Autoren, Zeichnern und Satirikern gehören.

Spritzpistole statt Holzhammermethode

Titelbild der Satirezeitschrift ‘Titanic’; © Titanic Nur drei Jahre nach der Zeitschriftengründung gab die Restmannschaft von pardon auf; Titanic wurde zum Zentralorgan deutscher Satire unter der Ägide der sogenannten Neuen Frankfurter Schule. Seitdem ist nichts und niemand mehr vor den Attacken des Magazins sicher. „Vor allen Dingen wollten wir nicht mit dem Holzhammer arbeiten“, brachte es der 2004 verstorbene Zeichner Chlodwig Poth einmal auf den Punkt: „Unsere Waffe sollte die Wasserpistole sein. Wir wollten lächerlich machen, auf den Arm nehmen, vergackeiern.“

Diesem Credo gemäß wurde der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl in legendären (und an die Tradition von satirischen Herrscherporträts anspielenden) Karikaturen als „Birne“ verlacht. Sein Außenminister Hans-Dietrich Genscher erhielt als Comic-Held und Weltenretter „Genschman“ ironisch neuen Ruhm.

Humor als Mittel gegen Angst

Titelbild der Satirezeitschrift ‘Titanic’; © Titanic Seit nunmehr dreißig Jahren zielt Titanic mit beißendem Spott und teils derben Späßen auf die wunden Punkte der Gesellschaft. Aktuelle Zustände und politisches Zeitgeschehen werden hier bis aufs Äußerste, oftmals jenseits der Schmerzgrenze, persifliert. Dazu gehören auch schräge Titelbilder mit Aufreger-Themen und skandalträchtige Aktionen, die die Gemüter erhitzen, wie die zur Wiedervereinigung. „Aufatmen in Deutschland: Die Mauer wächst nach“ titelte die Titanic etwa am zehnten Jahrestag des Mauerfalls. Und über der Überschrift „Zonen-Gabi im Glück: Meine erste Banane“ zeigte das Blatt eine vermeintlich ostdeutsche Frau mit Minipli-Frisur und billiger Kleidung aus der im Westen gern „Ostzone“ genannten DDR, die mit Tränen in den Augen eine geschälte Gemüsegurke in ihren Händen hält.

Wie in kaum einem anderen Blatt spiegelt sich in Titanic auch deutsche Mentalitätsgeschichte. Der „Mohammed-Ähnlichkeitswettbewerb“, im Herbst 2008 von der Redaktion als „gefährlichster Event der Buchmesse“ angekündigt, wurde zur Erleichterung nicht nur von Polizei und Staatsanwaltschaft schon im Vorfeld abgesagt. „Humor ist ein Gegenmittel zur Angst“, erklärte der neue Chefredakteur Leo Fischer in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ).

Wenn Satire baden geht

Titelbild des Buchs ‘Titanic - das endgültige Satirebuch: Das Erstbeste aus 30 Jahren’; © Rowohlt VerlagIm Laufe ihrer Geschichte hat sich die Titanic zahlreiche Prozesse eingehandelt, viele Ausgaben sind verboten worden. 40.000 D-Mark Schmerzensgeld musste das Blatt dem SPD-Politiker Björn Engholm wegen einer bitterbösen Fotomontage auf dem Titel zahlen, die den damaligen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten 1993 grinsend in einer Badewanne liegend zeigte. Sechs Jahre zuvor war der CDU-Politiker Uwe Barschel, der aufgrund eines Skandals („Barschel-Affäre“) als Ministerpräsident zurückgetreten war, in eben dieser Haltung und eben jener in der Montage abgebildeten Badewanne seines Genfer Hotelzimmers tot aufgefunden worden.

Geplant freilich ist der Medien- und Justizrummel nicht. Aber eine „gute Werbung“ sind die Skandale und Gerichtsverfahren für die Titanic schon. Denn Anzeigen im Heft muss man in „Deutschlands verbotenster Zeitschrift“ (Der Spiegel) mit der Lupe suchen. Daher hat auch die Anzeigenkrise dem Heft nicht sonderlich geschadet. Die Druckauflage, die sich fast ausschließlich über den Verkauf finanziert, beträgt 99.760 Exemplare.

Martin Sonneborn war von 2000 bis 2005 Chefredakteur der Satirezeitschrift. Heute ist er Vorsitzender der noch zu Titanic-Zeiten gegründeten Partei „Die Partei“. Laut diverser Medienberichte ist es einer seiner Titanic-Aktionen zu verdanken, dass die Fußball-WM 2006 in Deutschland ausgetragen werden konnte: Im Sommer 2000 verschickte er Faxe mit einem vermeintlichen „Bestechungsangebot“ an Vertreter des Weltfußballverbands FIFA: „Wenn Sie für Deutschland stimmen, gehört Ihnen ein Fresskorb mit deutschen Würsten und Kuckucksuhr“. Das Fax verunsicherte den neuseeländischen Delegierten Charles Dempsey so sehr, dass er sich am nächsten Tag der Wahl enthielt und Deutschland mit 12:11 Stimmen den Zuschlag bekam.

Nach Sonneborn war Thomas Gsella Chefredakteur der Titanic, sein Nachfolger ist seit Oktober 2008 der 28-jährige Leo Fischer. Im September erschien im Berliner Rowohlt Verlag ein Band zum 30. Jubiläum: Titanic - das endgültige Satirebuch: Das Erstbeste aus 30 Jahren.

 

Die „Neue Frankfurter Schule“

Der Name der Neuen Frankfurter Schule (NFS) ist eine spöttische Anspielung auf die Frankfurter Schule der Philosophen Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, die in den zwanziger und dreißiger Jahren am Frankfurter Institut für Sozialforschung (IfS) die so genannte Kritische Theorie begründet hatten.

Sie wurde von den Autoren und Zeichnern Robert Gernhardt, F.W. Bernstein, F.K. Wächter, Chlodwig Poth, Hans Traxler, Eckhard Henscheidt, Peter Knorr und Bernd Eilert als den bekanntesten Satirikern des Landes ins Leben gerufen. Ihr Publikationsorgan war von 1962 bis 1982 die literarisch-satirische Zeitschrift pardon, später das Satireblatt Titanic. Bis heute gibt es in der Titanic eine Rubrik namens „Humorkritik“, die unter dem verfremdeten Konterfei Adornos erscheint.

Karoline Rebling
arbeitet als freie Publizistin in Frankfurt am Main.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
September 2009

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