Die New York Times von München - Porträt der Süddeutschen Zeitung

Sie ist die älteste und auflagenstärkste unter Deutschlands führenden überregionalen Tageszeitungen. Warum ist die Süddeutsche Zeitung so erfolgreich?
Die erste Ausgabe der Süddeutschen Zeitung (SZ) erschien am 6. Oktober 1945 in München. Ihre beiden Konkurrenten, Die Welt in Hamburg und die Frankfurter Allgemeine (FAZ), folgten am 2. April 1946 bzw. am 1. November 1949. 60 Jahre später erreichte die SZ-Auflage einen historischen Höchststand. 2005 wurden täglich 441.955 Exemplare verkauft. Die FAZ kam im gleichen Zeitraum auf durchschnittlich 373.439 und die Welt, jetzt in Berlin, auf 235.520 Exemplare.
Erfolgsgeheimnis
Warum ist die Süddeutsche Zeitung so erfolgreich? Weil sie montags bis samstags "Neueste Nachrichten aus Politik, Kultur, Wirtschaft und Sport" bietet, wie es im Untertitel heißt? Wohl kaum. Diese finden sich auch bei den konservativen Mitbewerbern um die Gunst einflussreicher Leserschichten. Ursache, weshalb die SZ so geschätzt wird, sind schon eher die äußerst informativen Berichte, Reportagen und Enthüllungsstories sowie die pointiert kritischen Meinungsbeiträge und die frühzeitige Analyse dessen, was sich kulturell und gesellschaftlich in Deutschland und der Welt verändert.Wahrscheinlich liegt jedoch das eigentliche Erfolgsgeheimnis in den Prinzipien der Süddeutschen Zeitung. Besonders deshalb betrachten so viele Menschen in Deutschland das überregionale Blatt aus München als unverzichtbar für ihre Meinungsbildung. Laut SZ-Leseranalyse handelt es sich dabei vor allem um einkommensstarke Fach- und Führungskräfte mit höherer Bildung. Eine Zielgruppe, deren Zahl ständig steigt.
Prinzipien
Wofür steht die Süddeutsche Zeitung? Fünf Monate nach Ende des Meinungsterrors durch das Naziregime erklärten Chefredaktion und Verlag auf Seite eins der ersten Ausgabe: Die Süddeutsche Zeitung ist kein Regierungs- und kein Parteiorgan, sondern ein "Sprachrohr für alle Deutschen, die einig sind in der Liebe zur Freiheit , im Haß gegen den totalen Staat, im Abscheu gegen alles, was nationalsozialistisch ist." Im Redaktionsstatut von 1981, das bis heute gilt, wurden diese Grundsätze links-liberal präzisiert. Die SZ, so der erste Kernsatz, "verteidigt und erstrebt freiheitliche, demokratische Gesellschaftsformen nach liberalen und sozialen Grundsätzen." Und weiter heißt es dort : "Sie achtet die Glaubens-, Gewissens- und Meinungsfreiheit des einzelnen und lehnt alle Bestrebungen radikaler Gruppen ab, welche die rechtsstaatliche Ordnung gefährden."Geschichte
Ohne US-Presseoffiziere würde es die Süddeutsche Zeitung nicht geben. Sie suchten und fanden in der amerikanischen Besatzungszone vom Nationalsozialismus unbelastete Verlegerpersönlichkeiten, die sie zu Lizenzträgern ernannten. So kamen Edmund Goldschagg, Franz Josef Schöningh, August Schwingenstein und später Werner Friedmann zur "License No.1" in Bayern und damit zum nötigen Papier, um die erste Süddeutsche drucken zu können.Besagte Presseoffiziere trugen nicht nur zur freiheitlich-demokratischen Ausrichtung der deutschen Nachkriegspresse bei. Sie besaßen auch klare Vorstellungen von der Wirkung. So erwartete "Gründeroberst" Bernard B. McMahon von der SZ, dass sie "das bedeutendste Blatt des neuen Deutschland" werde. Sein Kollege David Davidson legte die Messlatte noch höher. Die Süddeutsche solle "weltbekannt werden wie der Manchester Guardian und die New York Times".
1945 - 2005
1945 beherrschten Schlagzeilen wie diese die Seiten des ersten SZ-Jahrgangs: "30000 Todesopfer im KZ Dachau. Die Welt klagt in Nürnberg an. Sind alle Deutschen schuldig?" In den Kleinanzeigen dokumentierte sich die Not der Menschen besonders in den Tauschgesuchen: "Biete Violine, suche Heizplatte. Kleinbildkamera für Kinderwagen. Suche Damen-Wintermantel, biete Herren-Wintermantel."Sechzig Jahre später, 2005, zeigt sich, dass die Folgen der Hitlerdiktatur weiterhin ein Thema sind. An den 60. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz wurde nicht nur ausführlich erinnert. In Leitartikeln und Kommentaren rüttelten die SZ-Redakteure ihre Leser auf, im Kampf gegen Neonazis und Antisemitismus niemals nachzulassen: "Auschwitz vergeht nicht."
Diese Haltung und die Qualität der Berichterstattung dürften in erster Linie der Grund dafür sein, dass die Süddeutsche Zeitung auch im Ausland als wichtige Pressestimme aus Deutschland wahrgenommen wird. In einer Untersuchung an der Universität von Missouri-Columbia im Jahre 2000 kam sie unter die fünf lesenswertesten Tageszeitungen der Welt. Den ersten Platz belegte die New York Times. Das Interessanteste aus diesem Weltblatt finden SZ-Leser seit 2004 in der Montagsausgabe: als 16seitige Beilage in englischer Sprache.
|
Literaturempfehlung
Lutz Hachmeister, Friedemann Siering (Hrsg.), Die Herren Journalisten, Die Elite der deutschen Presse nach 1945, 328 S., Verlag C.H.Beck, München 2002, ISBN 3-406-47597-3 (mit ausführlichem Kapitel über "Die Anfänge 'Süddeutschen Zeitung'") |
Freier Journalist, Bonn
Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de
April 2005














